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14. Mai 1962: Viel Sympathie für den Verlierer

Tausende grüßten den Vizemeister auf dem Weg zum Hauptmarkt und in den "Zabo" - 14.05.2012 08:14 Uhr

Tausende von Nürnbergern hielten dem „Club“ die Treue, als er gestern geschlagen vom Endspiel in Berlin heimkehrte. Die Mannschaft, die vom Flughafen zum offiziellen Empfang auf dem Hauptmarkt und danach in den Sportpark Zabo fuhr, erlebte zwar keinen Triumphzug, aber auf allen Wegen durch die Stadt bewiesen ihr die Anhänger Sympathie. Unser Bild zeigt die Spieler in blumengeschmückten Kabrioletts bei der Fahrt durch ein dichtes Spalier von Anhängern des 1. FC Nürnberg auf der Fleischbrücke.

Tausende von Nürnbergern hielten dem „Club“ die Treue, als er gestern geschlagen vom Endspiel in Berlin heimkehrte. Die Mannschaft, die vom Flughafen zum offiziellen Empfang auf dem Hauptmarkt und danach in den Sportpark Zabo fuhr, erlebte zwar keinen Triumphzug, aber auf allen Wegen durch die Stadt bewiesen ihr die Anhänger Sympathie. Unser Bild zeigt die Spieler in blumengeschmückten Kabrioletts bei der Fahrt durch ein dichtes Spalier von Anhängern des 1. FC Nürnberg auf der Fleischbrücke.


Der offizielle Willkomm auf der Tribüne vor dem Rathaus. Da war alles dran: von den Lorbeerbäumen bis zum Aufgebot der Stadtoberen. Max Morlock dankt vom Podium im Namen seiner Kameraden, die sich links aufgebaut haben, für den herzlichen Empfang. Hinter ihm stehen Oberbürgermeister Dr. Urschlechter mit Gattin, die Stadträte Dr. Schneider, Ludwig Imhoff, Willi Prölß und Hans Wagner. Unter sie hat sich der Clubtorwart früherer Jahre, Heiner Stuhlfauth, gemischt.

Der offizielle Willkomm auf der Tribüne vor dem Rathaus. Da war alles dran: von den Lorbeerbäumen bis zum Aufgebot der Stadtoberen. Max Morlock dankt vom Podium im Namen seiner Kameraden, die sich links aufgebaut haben, für den herzlichen Empfang. Hinter ihm stehen Oberbürgermeister Dr. Urschlechter mit Gattin, die Stadträte Dr. Schneider, Ludwig Imhoff, Willi Prölß und Hans Wagner. Unter sie hat sich der Clubtorwart früherer Jahre, Heiner Stuhlfauth, gemischt. © Ulrich


Zwar war die Fahrt vom Flughafen zum offiziellen Willkomm auf dem Hauptmarkt gestern nachmittag kein Triumphzug, aber Tausende von Nürnbergern bezeugten den elf Spielern ihre treue Anhänglichkeit. Auf dem ganzen Weg der Kolonne wurde freundlich Beifall geklatscht, wehten rot-weiße „Club“-Fahnen im Wind und erklang der Ruf „Eff-Ce-En“.

Ob solcher Herzlichkeit war Mannschaftskapitän Max Morlock ganz gerührt. Der Menge auf dem Markt sagte er mit seinem Dank: „Bei Siegen kann jeder eine Mannschaft empfangen, aber nicht bei Niederlagen!“ Der Spielführer versprach: „Wir kommen wieder!“

Als die viermotorige Maschine der PAA um 14.40 Uhr vor der Stadtprominenz, einem Spielmannszug und der Eisenbahner-Blaskapelle ausgerollt war, da schien es fast, als trauten sich die Spieler gar nicht heraus. Sie kamen erst, als alle anderen Passagiere das Flugzeug verlassen hatten. Max Morlocks kleine Tochter Ursula tat da, was am Abend vorher halb Nürnberg am liebsten gemacht hätte: sie brach in Tränen aus und ließ sich von ihrem Pappi auch mit einem Berliner Stoffbären nicht gleich trösten.

Ein wenig aufgemuntert

Oberbürgermeister Dr. Urschlechter, der alle Spieler und Trainer Widmayer mit einem Nelkenstrauß begrüßt und ein wenig aufgemuntert hatte, verhieß dem Club-Kapitän gleich drauf: „Etz fahr' ma zum Hauptmarkt.“ Morlock erwiderte trocken: „Des a nu!“ Aber er hatte sich die Sache wohl doch zu schlimm vorgestellt. Schon als sich die Mannschaft in den festlich geschmückten Volkswagen-Kabrioletts niederließ, die Nordbayerns VW-Händler in einer Sternfahrt nach Nürnberg gebracht hatten, brandete ihr der erste Beifall aus dem Garten des Flughafen-Restaurants entgegen.

Da verhielt sich das große Fußball-Idol vergangener Zeiten, Heiner Stuhlfauth, noch einmal. Er hatte sich – wie auch Bundespostminister Stücklen – eilends davonstehlen wollen. Der Beifall für seine jungen Kameraden freute ihn. Zu den Diskussionen, die von den Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat zu dieser Zeit noch ebenso lebhaft geführt wurden wie vom „Mann auf der Straße“, steuerte der große Torhüter früherer Jahre nur die Bemerkung bei: „Da war nix drin g'wesen!“

„Herzlich willkommen“

Die Nürnberger ließen es aber die elf Spieler nicht büßen. Auf dem Parkplatz des Flughafens drängten sich schon Hunderte und trugen Transparente mit Aufschriften wie „Herzlich willkommen“. Auf den ersten hundert Metern der Strecke erwartete die Kolonne ein dichtes Spalier, das auf dem langen Weg zur Stadt zwar dünner wurde, aber nie ganz abriß. Überall standen Menschen am Straßenrand oder an den Fenstern ihrer Wohnungen, um dem „Club“ zuzuwinken. Am Hauptmarkt erwartete ihn sogar Jubelgeschrei; und die Böller krachten, daß die Stadttauben aufgeregt aus ihrer Sonntagsruhe auffuhren. Ein besonders rührendes Zeichen: hinter der Tribüne hatten die Marktfrauen in großen Büchsen Blumen hinterstellt und einen Zettel „1. FCN“ beigelegt.

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Im Namen von Tausenden, die ihn immer wieder durch lebhafte Sympathie-Kundgebungen unterbrachen, sagte Oberbürgermeister Dr. Urschlechter: „Wenn wir unsere Mannschaft alsVizemeister willkommen heißen, dann ändert dies nichts an unserer Freude.“ Schließlich habe sie sich fair und redlich geschlagen. Genau an jener Stelle, an der die Meister vor einem Jahr von den Menschenmauern schier erdrückt wurden, meinte das Stadtoberhaupt: „Im Sport haben wir Nürnberger Optimismus. Wir vertrauen auf unseren 1. FCN, daß er alle Kräfte daransetzen wird, wieder zum Ruhm der Sporthochburg zu kämpfen!“

Schlicht und einfach sagte Max Morlock herzlichen Dank, ehe die Polizeikapelle der Mannschaft den Marsch blies und die Fahrt zum traditionsbeladenen „Zabo“ weiterging. Dort war alles meisterlich gerichtet: ein großes Bierzelt, Transparente, auf denen notdürftig das „Vize“ neben den „Meister“ gemalt worden war, und ein Feuerwerk erwarteten die Heimkehrer aus Berlin. Noch einmal schmetterten die Fanfaren, noch einmal ging die Kolonne auf eine Ehrenrunde, noch einmal gab's - „in Fortsetzung der Empfangsfeierlichkeiten“, wie ein Offizieller sagte – Reden.

Zu Tausenden drängten sich Männer, Frauen und Kinder auf dem Hauptmarkt.

Zu Tausenden drängten sich Männer, Frauen und Kinder auf dem Hauptmarkt. © Ulrich


In einem Ehrenhain von Lorbeerbäumen Aug' in Aug' mit ihren Frauen hörten die Spieler die trostreichen Worte ihres Vereinsvorstandes, Rechtsanwalt Ludwig Franz: „Tausende von deutschen Vereinen wären heute glücklich, wenn sie an unserer Stelle stünden. Wir sind etwas verwöhnt!“ Beim Publikum erbat er Verständnis für die Mannschaft, deren Leistungsfähigkeit eben auch Grenzen gesetzt seien, weil der Mensch ja keine Maschine ist. „Bisher sind wir aus Niederlagen gestärkt aufgestanden“, meinte Franz. „Wir werden in den kommenden Jahren unseren sportlichen Gegnern zeigen, daß der alte Club noch lebt!“ Der Vorstand überreichte den Kämpen und ihrem Trainer Zinnteller, auf denen die Bildnisse von alten Nürnberger Meistern eingraviert sind.

„Ein anderes System nötig“

Als erster der Gratulanten, die nun in langer Reihe aufmarschierten, verhieß der Vizepräsident des Süddeutschen Fußballverbandes, Paul Flierl aus Fürth, seinen Zuhörern: „Der Club geht nicht unter!“ Er sagte, es sei sehr ehrenvoll unter 14 000 Fußball-Vereinen in Deutschland Zweiter zu werden. Allerdings zog Flierl aus der happigen Club-Niederlage von Berlin die Bilanz: „Wir müssen im Süden ein anderes System des Spielens aufziehen!“ So rollte alles ab, wie es das Protokoll vorgesehen hatte. Das Programm hätte kaum anders sein können, wenn die Mannschaft Meister geworden wäre. Man war ganz auf Feiern eingestellt, daher wurde auch im Zabo gefeiert. Als sich der Oberbürgermeister von Max Morlock verabschiedete, klopfte er ihm auf die Schulter und wünschte „Alles Gute“. Der Max verstand es richtig und meinte drauf: „Des kemma braung!“ 

Aus den Nürnberger Nachrichten vom 14. Mai 1962

 

W. S.

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