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17. Mai 1962: Ein Paradies der Vögel

Die größte Vogelschutzanlage Nürnbergs erlebt jetzt den Frühling - 17.05.2012 05:58 Uhr

Die jungen Stare sind in „Nummer 31“ untergebracht; Ernst Appenzeller und seine Frau Marie überzeugen sich, wie weit sie schon gediehen sind.

Die jungen Stare sind in „Nummer 31“ untergebracht; Ernst Appenzeller und seine Frau Marie überzeugen sich, wie weit sie schon gediehen sind. © Gerardi


Die Stare und die Haubenmeisen gelten als die Keckesten in diesem waldigen Paradies; sie lassen sich bereits füttern. In ihrer Nachbarschaft – gemeint sind 130 Nistkästen aus Holzbeton, die seit vier Jahren feste Plätze im Park des Martha-Maria-Heimes haben – hält das Brüten noch an.

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„Zum ersten Mal ist ein Kleiber-Pärchen bei uns eingekehrt!“, ruft Ernst Appenzeller erfreut aus, der als alter Freund der gefiederten Sänger und zugleich als „amtlicher Vogelberinger der Vogelwarte Radolfzeil“ dieses Paradies betreut. Denn jeder neue Gast, der hier einkehrt, lohnt seine Mühen für das Ziel, seltene Arten in Nürnberg heimisch zu machen. Auch der Trauerfliegenschnäpper, ein kleiner Kerl mit schwarzem Köpfchen, hat sich in die große Familie eingemischt, die emsig für Nachkommenschaft sorgt.

Nachdem nämlich der Maschinensetzer Appenzeller und seine Frau Marie – „ich bin nur Laie und Gehilfin!“, meint sie recht bescheiden – alle Höhlen im Herbst frisch geputzt, die Fluglöcher gegen die unwillkommenen Besuche der naschhaften Eichhörnchen verkleinert und die Gehäuse an Föhren und Birken wieder aufgehängt hatten, warten sie, wie in jedem Frühling, auch heuer gespannt auf ihre „Kunden“. Seit Anfang Mai sind nun rund 50 Kästen fest vergeben, und um die übrigen Privatquartiere wird sich bis zum Juni noch mancher Vogelstreit abspielen.

So behaglich, weil die „Häusla“ in der bevorzugten Flugrichtung hängen, und so einladend, weil die nahrhaften Insekten zum Schnappen nahe um die Baumwipfel schwirren, – so insgesamt günstig bieten sich nämlich wenige Brutstätten für die Vögel an. Und da sie auch genau wissen, wo´s gut ist für sie, sind die Stammgäste wiedergekommen: die Gartenrotschwänze, der Wendehals, die Schwarzplatten, Stare und alle Meisen (ob Tannen-, Sumpf- oder Kohlmeisen, ob „blaue“ oder jene mit Häubchen).

Die jungen Alten in der Runde, die nach Erlenstegen zurückkehrten, haben auch meist nichts dagegen, wenn sie Ernst Appenzeller von Zeit zu Zeit vom Baume hebt – mit einem Bambusstecken und mit kräftigen Armen. Dann lassen sie sich sogar ins Nest schauen, ohne davonzufliegen, zumal Frau Marie beruhigend „Bubila, Bubila!“ flüstert. Der 56jährige Vogelfreund will in jedem Fall ja nur wissen, wann er die Jungen beringen kann – sechs bis acht Tage nach dem Schlüpfen ist das soweit –, damit man den für Ornithologen interessanten Weg weiß, den sie in die Zukunft fliegen.

Zwei Nachmittage in der Woche muß der Betreuer dieser numerierten Kästen drei Meter über dem Erdboden – so lautete die Vorschrift – schon opfern, um auf dem Laufenden zu sein, denn gar zu schnell spielen sich auch Tragödien ab, die aus einem Nest voll junger Brut ein Häufchen Elend machen. Dann räumt Ernst Appenzeller das ganze weiche Inventar aus – diese daunenweichen Unterlagen aus Heide, Moos und Wolle – und muß auch die Eier, die längst kalt geworden sind, vernichten. Für ein neues Pärchen wird Platz geschaffen.

Das Piepsen der Jungen und das Tirilieren der Alten macht aber nicht nur den „amtlichen Liebhabern“ Spaß; es erfreut auch die Schwestern von Martha-Maria, vor allem jene, die am Feierabend ihres Daseins durch die Anlagen wandern.

Aus den Nürnberger Nachrichten vom 17. Mai 1962 

csb

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