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Eins steht ganz sicher fest: es kommt auf den Vater selbst an, wie er seine Freizeit nützt, um sich nicht von seinen Kindern zu „entfremden“, wie heute die Soziologen und Psychologen sagen. Schließlich begünstigen allein äußere Umstände, daß die Kinder keine rechte Vorstellung vom Leben ihres Vater haben, der die meisten Stunden in einer ihnen unbekannten Welt, am Arbeitsplatz, verbringt.
Früher, als die Industrie noch keine so vorherrschende Rolle spielte und das Spezialistentum nicht so ausgeprägt war, konnten sich die Kleinen einer Familie noch ein eigenes Bild davon machen, wie und wo der Vater arbeitet, der doch für sie als Vorbild für Tüchtigkeit und Leistung gilt. Die Mütter hingegen, denen ja heute oft weitgehend die Erziehung ihrer Sprößlinge überlassen ist, prägten mehr die „Frohnatur“ der Kleinen, wie der in allen Lebenslagen sattelfeste Geheimrat Goethe berichtet.
Die Jugend- und Sozialberater wie die Kinderärzte und Lehrer meinen, daß die Unsicherheit in Erziehungsfragen die Lage des Vaters in unserer Zeit besonders erschwert. Gerade er aber, der so wenig daheim ist und oft nur gastweise am Familienleben teilnimmt, kann viel helfen, wenn er in ruhigen Stunden mit Rat und Tat für die Seinen da ist. So kann ihm seine schwierige Rolle immer noch viel Applaus bringen.
Nun sagen die Familienpsychologen, die im „müden Papa“ ein nicht zu unterschätzendes, ernstes Problem sehen, aber auch, es sei nicht allzu beklagenswert, wenn die Vaterwürde heute etwas geschmälert erscheint. In vielen Fällen gewinnt dadurch die Partnerschaft mit der Frau. So ist es in zahlreichen Ehen schon selbstverständlich, daß man die Finanzfragen, den Familien-Haushaltsplan, gemeinsam bespricht und berät. Das Gemeinsame in der Familie rückt überhaupt immer mehr in den Mittelpunkt und das läßt den Schluß zu: die Frau ist schon gleichberechtigter als mancher geplagte Vater denkt.
Der Patriarch jedoch scheint, wie die folgenden Beispiele von drei Nürnberger Vätern beweisen, ausgestorben zu sein.
Der Nürnberger Volksschullehrer Heinrich D. würzt die ihm verbliebenen väterlichen Würden vor allem mit Humor. Den hat er schließlich bei sechs Kindern, vier Mädchen und zwei Buben vom zehn Monate alten Säugling bis zur neunjährigen „Großen“, auch nötig. Er hat sich mit seiner lebenslustigen und tüchtigen Frau die Familienaufgaben geteilt: denn bei soviel lieben Kleinen muß natürlich auch der Vater mit zupacken“.
Das nimmt der junge Lehrer sehr wörtlich: „Das Baden der Kinder übernehme ich. Das geht eins-zwei-drei. Schließlich muß man sie etwa in der gleichen Zeit gewaschen haben, wie andere für einen Sprößling brauchen, sonst hält die jugendliche Geduld nicht durch. Wir haben den Dreh schon raus: hinein in die Wanne, der Reihe nach abgewaschen, und wer fertig ist, kommt gleich raus zur Mutti, die abtrocknet.“
Dabei bleibt dem Vater – trotz des vielgerühmten „schönen Lehrerberufs“ - oft weniger Zeit für die Familie wie manchem anderen „Leidensgenossen“. An vier Tagen in der Woche hat er vormittags wie nachmittags Unterricht – da ist allerdings ein Sonderkurs dabei – und am Samstagnachmittag bleibt oft auch nicht viel Zeit für die Kinder. Dann kommen noch einige Ehrenämter: Mitglied im Kirchenvorstand und Waisenrat für einen Bezirk, eine Aufgabe, die oft viele Stunden kostet.
Aber ohne die „sechs“ gefällt dem Papa das Leben nicht und so verlegt er die „Heimarbeiten“ eines Lehrers – Hefte korrigieren, Zensuren machen, den nächsten Unterricht vorbereiten – auf die Abend- und Nachtstunden, damit er, und wenn es am Spätnachmittag ist, noch mit den Buben und Mädchen spielen kann. Denn wenn auch peinliche Ordnung herrscht und auf dem Flur eine schön ausgerichtete „Schuhparade“ steht, so vergessen die Eltern auch nicht, mit ihren Kindern herumzutollen. Neulich erst war die ganze Familie, natürlich mit Schlittschuhen, auf dem Eis: der Jüngste rutschte im Kinderwagen mit.
Das Geldausgeben regeln Vati und Mutti zusammen: „Aber viel gibt es da bei sechs Kindern nicht zu besprechen. Das meiste Geld wird eben für die laufenden Ausgaben gebraucht. Doch wenn es etwas Besonderes anzuschaffen gilt, macht die Mutti schon darauf aufmerksam“, erzählt Heinrich D. und fügt hinzu, daß er auf manche Liebhaberei verzichteten muß, weil auch das bescheidenste Hobby etwas kostet. „Aber dafür entschädigen mich schon die Kinder.“ Nur von ihren Schularbeiten mag der Papa nichts wissen: „Wenn man von morgens bis abends in der Schule ist, dann möchte man daheim davon verschont sein.“ Hier hilft die Mutter aus, die sich als Lehrerstochter ja auskennen muß.
Doch weit schwieriger wird es für die Familie, wenn der Vater unregelmäßige Arbeitszeiten hat und eben auch nur unregelmäßig zu Hause ist. Immer wieder aber kann man beobachten, wie auch gerade in diesen Fällen der Vater versucht, für die Kinder da zu sein und mit den Kindern zu leben.
Wenn Franz K., seines Zeichens Oberlokomotivführer, nach mehrstündiger, anstrengender Fahrt aus der Dampflok klettert, denkt er noch nicht an seine Wohnung in der Markgrafenstraße. Da muß er sich erst eingehend die Maschine ansehen, Ventile prüfen, die Kolben abschmieren und dem Kollegen, der nach ihm den Führerstand übernimmt, die Betriebssicherheit des „Feuerpferdes“ garantieren.
Dann aber „schaltet“ der 52jährige, der schon 24 Jahre lang tags und nachts auf den Schienen unterwegs ist, auch geistig ab: jetzt will er heim zu Frau und Tochter, die seine Gegenwart nach dem Fahrplan messen. Mal ist der Vater nachmittags einige Stunden, mal einen Abend lang zu Hause; das ist oft heute noch verwirrend für Frau K., die selbst zur Arbeit geht, aber das ist für die 17jährige Erika bereits zur Selbstverständlichkeit geworden.
Solange sie denken kann, ist ihr Papa nur gelegentlicher Gast im Hause, und sie muß Glück haben, ihn einmal zu „seiner Zeit“ zu erwischen. Genießt er aber von jeweils 18 Fahrtagen in der Schnellzuglok die ihm zustehenden vier freien Tage, dann sitzen sie beieinander. Vater und Tochter.
„Da besprachen wir alles was wichtig ist“, sagt Franz K., der nicht glaubt, daß sich seine häufige Abwesenheit für die persönliche Entwicklung des Mädchens nachteilig auswirkt. „Wenn die Erika nämlich etwas auf dem Herzen hat, das sie nicht allein mit der Mutter beraten will, dann wartet sie sowieso auf mich – und insofern ist die Position des Vaters als Familienoberhaupt nach wie vor gewahrt geblieben!“
Einen gemeinsamen Urlaub hat die Familie K. allerdings erst selten erlebt; dafür verschieben sich die Freizeittermine zu erheblich. Erika muß sich in ihrer Lehrstelle als Friseuse dem Wunsch des Lehrherrn anpassen, und Vater K. muß sich nach dem turnusmäßig wechselnden Ferienplan der Bundesbahn richten. Die beiden älteren Söhne, beide schon verheiratet, gehen ihre eigenen Wege. Aber auch sie wissen, wo der Vater wohnt, und „wenn's brennt“, kommen sie zu ihm.
„Freilich ist´s nicht einfach, alles unter eine Haube zu bringen“, meint der Oberlokführer, der ständig zwischen Stuttgart und Hof, Bayreuth und Neuenmarkt-Wirsberg hin- und herpendelt; „aber in einer Eisenbahnerfamilie geht es nicht anders. Man muß sich aufeinander einspielen, Nerven und Humor behalten, dann klappt auch der gute Zusammenhalt!“
Aus den Nürnberger Nachrichten vom 20. Januar 1962
Mi. 23.05.12
Di. 22.05.12
So. 20.05.12
Sa. 19.05.12
Fr. 18.05.12