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Kurz kreischen die beiden Mädchen. „Ist es da unten ganz dunkel?“, will Nilsu wissen. Sie und ihre Freundin Charlotte waren noch nie in den historischen Felsengängen in Nürnberg. Heute steigen sie zum ersten Mal in die Tiefe. Die 19 Vorschüler der Kindertagesstätte in der Kerschensteinerstraße nehmen an diesem Tag an der Kostümführung teil.
Bekleidet mit einem dunkelgrünen, wallenden Rock, einer Fellweste und weißer Haube holt Carmen Lösch die Sprösslinge ab. Die Fremdenführerin vom Verein Nürnberger Felsengänge stellt sich als Anna vor. Sie gibt heute die Gattin eines Bierbrauers aus dem Mittelalter. Mit den Vorschülern will sie ihre verschwundenen Kinder Albrecht und Agnes in dem Kellerlabyrinth suchen.
Etliche Stufen geht es an dem Eingang hinter dem Albrecht-Dürer-Denkmal hinab — bis 16 Meter in die Tiefe. Die Stollen, die vor Jahrhunderten in den Burgsandstein geschlagen wurden, sind nur schwach beleuchtet. Einst lagerten Braumeister in dem Kellersystem ihr Bier und ein Gurkenfabrikant seine Fässer. Während der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg fanden Tausende Menschen hier Zuflucht.
Neugierig tasten die Vorschüler die Felswände ab. „Die sind ja nass“, ruft ein Junge. Rote, braune, ockerfarbene oder gelbe Verfärbungen lassen sich an den Wänden erkennen. „Das glitzert wie ein Diamant“, findet ein Mädchen.
Lösch zeigt den Kindern, wo früher die Bierfässer gelagert wurden. Zum Frühstück Bier trinken? Nein, bei dieser Vorstellung schüttelt sich Nilsu. Was im Mittelalter üblich war, ist für die Fünfjährige undenkbar. Damals, erklärt die Brauersgattin, sei das Wasser voller Bakterien gewesen und habe krank gemacht — ganz im Gegensatz zum Bier, dessen Gerste lange gekocht wurde.
Immer wieder halten die Kinder inne und lauschen. Ist dort nicht jemand um die Ecke gehuscht? Waren hier nicht Schritte zu hören? Doch Albert und Agnes, die Kinder der Brauersgattin, finden sie nicht.
Mit der Geschichte ihrer verschwundenen Kinder gelingt es der Fremdenführerin, die Aufmerksamkeit der Vorschüler einzufangen. Denn die Sprösslinge interessieren sich dafür, wie die Kinder im Mittelalter lebten, was sie aßen, wie sie Wasser holten und welche Streiche sie spielten.
Durch einen Luftschacht, der vom Untersten des Kellers bis zur Albrecht-Dürer-Straße geht, brüllen die Kinder hinauf. Mit einfachen Worten erklärt Lösch ihnen, wie die Brauer solche Schächte zur Luftzirkulation nutzten. Dass das Bier wegen der kühlen Temperaturen in den unterirdischen Kellern gelagert wurde, überrascht die Kinder nicht.
„Es gab früher keine Kühlschränke“, weiß ein Bub. Nilsu ist froh, als sie wieder ans Tageslicht kommt — obwohl der Vorschülerin die Führung gut gefallen hat. Aber: „Im Mittelalter will ich bestimmt nicht leben, wenn’s da keinen Kühlschrank gab“, steht für sie fest.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.