Ein reiner Zufall scheint unwahrscheinlich: Die beiden türkischstämmigen Kleinunternehmer, die weder miteinander noch mit ihrem ermordeten Namensvetter verwandt oder verschwägert sind, sind bislang auch die einzigen Empfänger geblieben. Ob es sich bei dem unbekannten Absender aus München, der „türkische und arabische Sozialschmarotzer“ zur Rückkehr auffordert, um einen geschmacklosen Scherzbold handelt oder mehr hinter den Schreiben steckt, ist aber bislang unklar.
Einer der beiden Adressaten, M. Þimþek, Teilinhaber eines türkischen Supermarkts in der Südstadt, gibt sich zwar gelassen und betont: „Ich habe keine Angst deswegen.“ Seinen vollständigen Namen oder sein Bild will er lieber trotzdem nicht in der Zeitung sehen: „Irgendwo will ich mich ja auch nicht eigenhändig zur Zielscheibe machen“, sagt er.
Döner-Imbissbetreiber Orhan Þimþek aus Röthenbach hat da weniger Scheu: „Ich hatte das Ding nicht ernst genommen und sogar zerrissen. Erst ein Freund hat mich dann an die Namensgleichheit mit dem Ermordeten erinnert.“ Verrückt machen lasse er sich zwar trotzdem nicht, „aber ich bin schon aufmerksamer geworden und sehe genauer hin, wenn ein Kunde mit kurzen Haaren oder Glatze hereinkommt“.
Völlig „frei von Furcht in Deutschland leben“, wie es die Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion derzeit auf Dutzenden Plakaten in der Stadt einfordert, kann derzeit keiner der beiden Þimþeks mehr. Wie eine aktuelle, bundesweite Umfrage jüngst gezeigt hat, stehen sie damit auch nicht allein da: Drei von vier Türken in Deutschland befürchten, dass es auch nach dem Ende des Zwickauer Terror-Trios weitere Neonazi-Morde geben werde.
„Diese Briefe und andere kleinere Vorfälle graben sich ins Bewusstsein der Menschen ein und verstärken solche Sorgen“, hat SPD-Stadtrat Arif Taþdelen beobachtet. Allein in den vergangenen Wochen haben ihm türkischstämmige Geschäftleute aus der Südstadt mehrere Vorfälle berichtet, hinter denen sie ausländerfeindliche Motive vermuten. Erst im Dezember etwa sei das Schaufenster eines türkischen Zeitungsbüros über Nacht eingeschlagen worden — ohne dass der Täter versucht hätte, irgendetwas zu stehlen. Ein anderer fand eines Morgens seine Ladentür und die des ebenfalls türkischen Nachbarn mit Eiern beschmiert, während ein deutsches Geschäft gleich nebenan vom Beschmutzer verschont blieb.
Kleinigkeiten, die sich auf die Stimmung im Stadtteil negativ auswirken, findet auch Ismail Akpýnar vom Unternehmerverein Müsiad, in dem beide Þimþeks Mitglied sind. „Vor dem Hintergrund der Neonazi-Mordserie ist es nur normal, dass die Menschen schneller Gefahr wittern als bisher.“ Wie die Polizei dem mulmigen Gefühl vieler ihrer Landsleute besser entgegenwirken kann, wollen Akpýnar und der Müsiad-Vorstand bei einem Besuch im Polizeipräsidium mit dem obersten mittelfränkischen Gesetzeshüter Johann Rast besprechen. „Denn auf die leichte Schulter nehmen darf man das Ganze nicht.“

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
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