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Ein Handschlag, der sein Leben veränderte

Dem iranischen Spitzensportler Morteza Dashti droht die Abschiebung aus Nürnberg - 22.02. 21:16 Uhr

Nürnberg  - Morteza Dashti lebt ein Leben, das niemand leben will. 4000 Kilometer entfernt von Heimat und Verwandten wohnt er in einem Container. Nun soll der Iraner aus Nürnberg abgeschoben werden. Im Iran droht ihm und seiner Familie der Tod, fürchtet er.

Der schmächtige 30-Jährige stemmt 52 Kilogramm in die Höhe. Seit vielen Jahren ist Gewichtheben seine große Leidenschaft.
Der schmächtige 30-Jährige stemmt 52 Kilogramm in die Höhe. Seit vielen Jahren ist Gewichtheben seine große Leidenschaft.
Foto: Hagen Gerullis
Der schmächtige 30-Jährige stemmt 52 Kilogramm in die Höhe. Seit vielen Jahren ist Gewichtheben seine große Leidenschaft.
Der schmächtige 30-Jährige stemmt 52 Kilogramm in die Höhe. Seit vielen Jahren ist Gewichtheben seine große Leidenschaft.
Foto: Hagen Gerullis

Einst wurden die Container mit mintgrüner Farbe getüncht. Längst ist die Farbe vergilbt und bröckelt an einigen Stellen ab. Der Weg zwischen den Häusern aus Wellblech ist matschig. Mit zwei Krücken hievt sich Morteza Dashti vorwärts.

Seit seinem zweiten Lebensjahr hat er keine eigenen Beine mehr. Dennoch ist er Spitzensportler. 2004 gewann der Iraner die Goldmedaille im Gewichtheben bei den Paralympics in Athen. Das ist nur eine von vielen Auszeichnungen, die er in internationalen Wettbewerben erkämpft hat. Der 30-Jährige ist schmal, seine schwarzen Haare streng gescheitelt. Die muskulösen Oberarme wirken beinahe überproportional.



Mit seinem zweijährigen Sohn und seiner Frau lebt Dashti seit mehr als acht Monaten auf engstem Raum im Flüchtlingslager in der Regensburger Straße. Dass er eines Tages hier landen würde, damit konnte der Familienvater nicht rechnen. Vier oder fünf Sekunden lang mag der Handschlag vor zwei Jahren gedauert haben, der sein Leben binnen kürzester Zeit grundlegend verändert hat.

Händeschütteln ist tabu

Iran, 2010: Dashtis Flieger landet. Er kommt gerade von der Gewichtheber-Weltmeisterschaft aus Malaysia zurück. Dashti steigt aus dem Flugzeug. Sofort packen ihn Sicherheitskräfte. Sie führen ihn ab, werfen ihn in eine kleine Zelle.

„Jeden Tag kamen sie zu mir. Sie drohten mir, mich und meine Familie umzubringen“, erzählt der Iraner. Bei dem Wettkampf in Malaysia hatte der Sportler den fünften Platz errungen. Nach der Ehrung kam ein Mann auf ihn zu, Dashti kannte ihn nicht, und gratulierte ihm zu seinem Sieg. Er schüttelte kurz seine Hand. Der Mann war, wie sich herausstellte, ein Israeli. Ein absolutes Tabu im Iran, einem Israeli die Hand zu schütteln, wie Dashti berichtet.

Deswegen landet er hinter Gittern. Die Beamten fassen ihn nicht an, ihr Mittel lautet: psychische Gewalt. Sie beschimpfen den 30-Jährigen und drohen ihm. Einen Monat lang muss der Iraner die qualvolle Angst erleiden, weggesperrt von seinem Baby und der Frau. Dann endlich kommt er frei. Dashti erkauft sich seine Freiheit. Der Regierung gehört nun sein Haus und das Grundstück. Doch die Angst nagt an ihm, er will das Land sofort verlassen. Dashti taucht unter und besorgt für sich und seine Familie gefälschte Pässe.

Mit seiner neuen Identität gelingt ihm die Flucht in die Türkei. Dort wiegt sich die Familie vorerst in Sicherheit. Sein Hab und Gut, seine Transportfirma, die beiden Autos, seine Brüder, Neffen, Nichten und Freunde muss Dashti zurücklassen. Nur eine einzige kleine Tasche nimmt er mit. Darin befindet sich das Nötigste zum Leben, Dinge, die sein Baby braucht. Umgerechnet 30.000 Euro hat Dashti für die gefälschten Pässe und den Transport bezahlt. Von der Türkei aus geht es weiter in einem kleinen Boot, das sich auf hoher See wacker hält. 13 Flüchtlinge drängen sich auf dem Boot dicht aneinander, das für vier Personen gedacht ist. Mehrere Stunden müssen sie darauf verbringen, in Angst um ihr Leben.

Asylantrag abgelehnt

Erst fünf oder sechs Monate später, so genau kann der Leistungssportler das nicht mehr sagen, erreicht er Deutschland. Zunächst verbringt er vier Monate im Flüchtlingslager in Zirndorf, bis er nach Nürnberg gebracht wird. Genau ein Jahr ist es her, dass Dashti einen Asylantrag gestellt hat.


Vor einigen Tagen hat er einen Bescheid bekommen. Der Antrag wird abgelehnt. „Ich kann nicht zurückkehren“, sagt Dashti und erzählt von mehreren Menschen, die umgebracht wurden, weil sie dem „Falschen“ die Hand geschüttelt haben. Nach außen wirkt Dashti gelassen und ruhig. In seinem Inneren muss es toben. „Ich ertrage die Situation hier“, sagt er. „Aber meine Familie nicht.“

Der Flüchtling reicht nun Klage gegen den Ablehnungsbescheid ein. „Die Chancen stehen 50 zu 50“, erklärt Nicole Schwenger, Flüchtlingsberaterin der Arbeiterwohlfahrt. Die Sozialpädagogin und ihr Kollege Bernd Moser betreuen etwa 140 Flüchtlinge, die in der Containersiedlung am Rande der Stadt — und der Gesellschaft — leben. Dashti ist einer ihrer Klienten.

Das Paradoxe sei, so Schwenger, dass Dashti den Anwalt selbst bezahlen muss. Als Asylbewerber darf der Iraner aber nicht arbeiten. Monatlich erhält er 40,90 Euro, hinzukommen zwei Essenspakete pro Woche. „Reis, Reis, Reis — jeden Tag esse ich Reis“, sagt Dashti. Von frischem Gemüse, Eiern oder Obst kann er nur träumen. Seinen Ernährungsplan, den der Sportler hat, kann er nicht einhalten.

Teures Verfahren

Inzwischen hat Dashti einen Verein in Nürnberg gefunden, wo er trainieren kann. Den jährlichen Beitrag von 150 Euro kann er kaum aufbringen, auch für die regelmäßigen Busfahrten reicht sein Geld nicht. Wie soll er da einen Anwalt bezahlen? Je nach Länge des Verfahrens müsse er mit Kosten von mehreren Tausend Euro rechnen, sagt Schwenger.

Der größte Wunsch, den Dashti hat, wäre es zurückzukehren, in die Vergangenheit. Nach Iran, in sein altes Leben. In seiner Heimat hatte er eine eigene Firma, die mit Lkws Benzin transportierte. Doch in seine Heimat zurückzukehren, ist für ihn undenkbar.

Noch ist seine Hoffnung auf Asyl nicht gestorben. Dashti hat aufgrund seiner körperlichen Behinderung sogar die Erlaubnis, aus dem trostlosen Container auszuziehen. Das Sozialamt würde die Miete bezahlen. Bislang hatte Dashti kein Glück. „Viele Vermieter oder Genossenschaften blocken sofort ab, wenn sie hören, dass es um einen Flüchtling geht“, sagt Schwenger. „Dabei ist es eine nette und ruhige Familie.“

In den kommenden Wochen wird sein Antrag auf Asyl erneut geprüft. Bis es zu einem nächsten Beschluss kommt, können Monate vergehen. Ein Jahr, vielleicht sogar zwei. Solange heißt es für den Sportler durchhalten und das Beste aus der Situation zu machen.

Spenden an Morteza Dashti können an die Sparkasse Nürnberg, Kontonummer 6601967, Bankleitzahl 76050101 überwiesen werden, mit dem Betreff: Awo-Club 402, Herr Dashti. 



VON HANNI KINADETER

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