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Eskalation der Gewalt

Straftaten im Stundentakt: Brutale Schläger gefasst - 18.08.2010 08:21 Uhr

Kriminalhauptkommissar Wolfgang Eberle.

Kriminalhauptkommissar Wolfgang Eberle. © Weigert


Es sollte eine Riesengaudi werden. Die vier jungen Nürnberger wollten noch einmal Party machen, bevor einer von ihnen vor den Traualtar trat. Sie feierten Junggesellenabschied und strandeten in der Vorderen Sterngasse vor der Disco „Backside“. Doch von da an nahm der Abend einen ganz anderen Verlauf als geplant. Weil die Feiernden zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Es ist gegen 2.15 Uhr, als sie von sechs Fremden angegriffen werden. Unvermittelt, offenbar grundlos, dafür mit enormer Brutalität, wird die Kripo später feststellen. „Sie haben zugeschlagen, obwohl die Opfer am Boden lagen“, sagt Albert Vögeler, Chef der Mordkommission im Nachhinein. Die Täter treten gezielt gegen die Köpfe der Opfer. Bis Dritte dazwischengehen. Eine Frau wirft sich schützend auf einen Mann. Erst dann flüchten die Schläger.

Vier Straftaten in Serie in einer Nacht: „So was hatten wir in Nürnberg noch nie“, so Polizeisprecher Rauenbusch.

Vier Straftaten in Serie in einer Nacht: „So was hatten wir in Nürnberg noch nie“, so Polizeisprecher Rauenbusch. © dpa


Die Opfer im Alter von 20 bis 26 Jahren werden schwer verletzt, zwei von ihnen lebensgefährlich. Einer erleidet mehrere Brüche im Gesicht, der zweite eine Gehirnblutung. Die Vordere Sterngasse ist schon der dritte Tatort in dieser Nacht. Der Übergriff dort markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Gewaltspirale, die sich vom 16.auf den 17. Juli dieses Jahres entwickelt — mit Straftaten fast im Stundentakt. „So was hatten wir in Nürnberg noch nie“, sagt Polizeisprecher Bert Rauenbusch.

Die Schläger, sie sind gerade einmal 17, 18 und 19 Jahre alt, laufen in dieser Nacht „wahl- und ziellos durch die Stadt“, so Wolfgang Eberle, Chef der nach der Disco benannten Ermittlungskommission „Backside“. Wahllos suchen sie sich auch ihre Opfer aus; junge Männer, die den Tätern zufällig in den Weg kommen. Die Angriffe laufen ähnlich ab. Die Opfer seien unvermittelt angegangen und niedergeschlagen worden. „Die sind von hinten auf die Opfer draufgegangen und haben gezielt gegen den Kopf getreten.“

Was trieb sie an? Es ist nicht so, dass es die Täter unbedingt auf Geld oder Schmuck abgesehen hatten. Wenn es ums Motiv geht, wird die Kripo zumindest beim derzeitigen Ermittlungsstand schweigsam. Die Taten waren „eigentlich motivationslos“, sagt Eberle dann. Es sieht so aus, als sei die Gruppe aus purer Lust an der Gewalt Amok gelaufen. Alle Täter sind polizeibekannt und haben Migrationshintergrund. Einer von ihnen, ein 17-Jähriger, ist ein Intensivtäter mit einer ganzen Reihe von Vorstrafen.

Opfer wahllos zusammengeschlagen und ausgeraubt

Das erste Mal schlug die Gruppe in dieser Nacht gegen Mitternacht in der Königstraße zu. Sie forderte von zwei Männern Geld. Als diese sich weigerten, wurden sie zusammengeschlagen und ausgeraubt. Gut eine Stunde später wurde ein 19-Jähriger von derselben Gruppe am Bahnhofsplatz verprügelt. Er zog sich Prellungen und eine Gehirnerschütterung zu. Geraubt wurde ihm nichts. Wieder eine gute Stunde später traf die Schlägertruppe auf die Junggesellen am Vorderen Sterntor. Sie malträtierte die Männer nicht nur, sondern steckte auch einen Geldbeutel ein. Gegen 6 Uhr schlugen die jungen Männer einen Passanten in der Ottostraße bewusstlos. Sie stahlen einen Armreif und ließen das Opfer liegen. Eine Taxifahrerin verhinderte ein noch schlimmeres Ende.

Albert Vögeler, Chef der Mordkommission.

Albert Vögeler, Chef der Mordkommission. © Weigert


Die Schläger wurden sogar noch in derselben Nacht nach einem Zeugenhinweis festgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei allerdings keine Ahnung, dass alle vier Taten auf ihr Konto gehen. Sie wurden erkennungsdienstlich behandelt und mussten dann wieder entlassen werden. Erst als sich der Zusammenhang herauskristallisierte, wurde eine Ermittlungskommission gegründet. Die Kriminaler werteten Videokameras, zum Beispiel von der Königstorpassage, aus, befragten Opfer und Zeugen und zeigten ihnen Fotos von den Verdächtigen; bis sich der Verdacht erhärtete und in Haftbefehlen und Durchsuchungsbeschlüssen gipfelte.

Am Montagmorgen griff die Polizei zu. Fünf Schläger, einige leben noch bei ihren Eltern, wurden festgenommen. Vier sitzen jetzt in U-Haft, einer ist im Ausland. In ihren Vernehmungen legten sie Teilgeständnisse ab. Zu den Lebensverhältnissen der Verdächtigen wollte sich die Kripo nicht weiter äußern.
  

SABINE STOLL

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