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Der rostige Sprengkörper liegt in einem knapp zwei Meter tiefen Graben am Fuß des Fernsehturms. Seit dem Zweiten Weltkrieg schlummert die Fliegerbombe hier. Im Fall einer Explosion würde sie in einem Umkreis von 200 bis 300 Metern enorme Schäden anrichten. Deshalb geht die Stadt auf Nummer sicher und lässt dieses Gebiet vorsorglich räumen.
Die Feuerwehr hat mittlerweile Routine darin. In der Stadt, auf die ein verheerender Bombenhagel niederging, kennt man sich aus mit gefährlichen Kriegsrelikten und Evakuierungen. „Es gibt keine Freiwilligkeit“, sagt Thomas Schertel, Einsatzleiter der Berufsfeuerwehr. Jeder Bewohner, der im Räumungsgebiet lebt, muss seine Wohnung verlassen, ob er will oder nicht. Noch am Freitagabend wurden die Anwohner informiert. Feuerwehrleute haben an die Türen der Häuserblocks Zettel geklebt.
Weil die Bombe im Industriegebiet liegt und die Entschärfung auf Sonntag verschoben werden konnte, trifft es dieses Mal nur 200 Menschen. Verglichen mit der großen Räumung Anfang des Jahres in der Südstadt ist der Einsatz zwischen Hansastraße und Schweinauer Hauptstraße etliche Nummern kleiner. Trotzdem sind 170 Helfer vor Ort.
Gemischte Trupps aus Feuerwehrleuten, Technischem Hilfswerk und Polizei klappern Haus für Haus und Etage für Etage ab. Sie klingeln überall. Rührt sich niemand, gehen sie davon aus, dass die Bewohner längst ausgeflogen sind. In Zweifelsfällen, bei einem schwerhörigen Ehepaar zum Beispiel, werfen sie sogar vom Korb der Feuerwehr-Drehleiter aus einen Blick durchs Fenster in die Wohnung. „Ist besser, als gleich die Tür aufzubrechen“, sagt einer. Einige Anwohner machen es den Helfern leicht. In der Schweinauer Hauptstraße 149 klebt ein Zettel an der Tür: „Die Anwohner befinden sich schon nicht mehr im Haus.“
Die meisten Betroffenen verlassen ihre Wohnungen rechtzeitig, unaufgeregt und freiwillig. „Wir fahren etz’ aufs Land raus und kaufen uns einen Schweinebraten“, sagt eine 70-Jährige, die in der WBG-Siedlung in der Schweinauer Hauptstraße lebt. Nur einige wenige müssen von der Feuerwehr aus dem Bett geklingelt werden. Die stehen dann im Schlafanzug in der Tür. 30 Menschen werden mehr oder weniger vehement aus ihren Wohnungen komplimentiert. Eine kranke Frau wird vom Rettungsdienst in die Sammelunterkunft in der Grundschule in der Ambergerstraße gebracht.
Dorthin verschlägt es gerade einmal neun Menschen. Alina S. und ihr Sohn sitzen in der Schulküche am Tisch, Raivis (7), der hier in die erste Klasse geht, malt. Das BRK hat so viele Spiele gebracht, dass Raivis einen ganzen Tag lang beschäftigt wäre. „Wir sind erst Ende August hierhergezogen“, erzählt seine Mutter. „Wir haben hier keine Bekannten und keine Verwandten. Wir hatten keine andere Möglichkeit, als zur Schule zu gehen.“ Es sei ihr schon ein bisschen mulmig. „Ich erlebe so was zum ersten Mal.“
Die Bombe liegt Luftlinie rund 500 Meter entfernt. Am Freitagmorgen stieß ein Baggerfahrer im Industriepark der Telekom in der Hansastraße auf das 70-Kilo-Trumm (wie berichtet). Der Sprengsatz wurde in einem Graben, der für Entwässerungsleitungen ausgehoben wurde, entdeckt. Weil nach Ansicht von Sprengmeister Karl-Heinz Wolfram keine akute Gefahr von der Bombe ausging, konnte die Entschärfung auf Sonntag verschoben werden. „Da entsteht der kleinste volkswirtschaftliche Schaden“, erklärt Schertel. Die Firmen rund um den Fernsehturm sind sonntags verwaist. Die Freiwillige Feuerwehr kann problemlos mithelfen.
Mehrere Straßen werden abgeriegelt. Während der Entschärfung wird auch die Bahnstrecke Nürnberg–Ansbach und der Luftraum im Umkreis von 300 Metern gesperrt. Am Ende ist es eine Sache von 15 Minuten. Dann hält Sprengmeister Wolfram den Zünder in der Hand.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.