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Nein, wie ein klassischer fränkischer Biergarten sieht das nun wirklich nicht aus. Heller Kies bedeckt den Boden, flache Containerbauten dienen als Ausschank und beherbergen die sanitären Anlagen. Ein alter, knallroter Doppeldecker-Bus bildet die Grenze zum Nachbargrundstück.
Wir befinden uns aber auch nicht im Herzen Frankens, sondern im Herzen der Bundeshauptstadt Berlin, genauer gesagt in der Köpenicker Straße 74. In direkter Nachbarschaft zum angesagten „Sage Club“ und in Steinwurfnähe zu den neuen Räumen der Techno-Legende „Tresor“, hat der gebürtige Nürnberger Edi Pizzolitto seine ganz persönliche, fränkische Oase geschaffen.
Heimstatt und Fluchtpunkt zugleich ist das zunächst eher unauffällige Grundstück in Berlin-Mitte für den 46-Jährigen. „Bestimmte Dinge habe ich von Anfang an vermisst“, sagt der gelernte Fotograf, der 2004 seine Koffer packte und nach Berlin übersiedelte. Pizzolitto ist nämlich, auch wenn der Name anderes vermuten lässt, waschechter Nürnberger. Seine Mutter ist in Nürnberg geboren, sein Vater stammt aus Italien und Edi wuchs in der Südstadt auf, ging dort zur Schule und fühlt sich bis heute dem Stadtteil eng verbunden.
Der Wunsch, noch mal etwas ganz Neues auszuprobieren, führte Pizzolitto nach Berlin. „Ich bin mit einigen Fotografen befreundet, die hier in der Modebranche und im Schicki-Micki-Umfeld ihr Geld verdienen“, erzählt er. Auch er versuchte in dieser Szene Fuß zu fassen. Doch schon nach kurzer Zeit war ihm klar, dass er in dieser Welt nicht zu Hause ist.
Die schmerzhafte Erfahrung, dass Schäuferle und fränkische Bratwürste in Berlin — wenn überhaupt — nur in sehr eingeschränkter Qualität anzutreffen sind und die Suche nach einem neuen Betätigungsfeld, ließen schließlich die Idee eines fränkischen Biergartens in ihm reifen. Das dafür auserkorene Fleckchen Erde glich zu diesem Zeitpunkt allerdings einer wilden Müllkippe. Ein Grundstück zwar inmitten des angesagtesten Stadtviertels Berlins, aber am falschen Ende von „Mitte“ und wahrscheinlich deshalb bis dato noch unentdeckt.
Edi Pizzolitto machte sich mit einem Kompagnon unverdrossen ans Werk. Viele Genehmigungen mussten eingeholt und Unmengen von Abfall entsorgt werden. Dann begann der mühevolle Aufbau der gastronomischen Infrastruktur. Gekrönt wurde das Ensemble durch den nicht gerade typisch-fränkischen — aber immerhin rot-weiß — dekorierten Doppeldecker-Bus, der bei schlechtem Wetter einen Unterschlupf bietet.
Im Vertrauen auf zahlreiche ausgehungerte und dürstende Franken, die in der preußischen Diaspora leben, eröffnete Edi Pizzolitto im Juli dieses Jahres den Biergarten „Republik frank und frei“. Doch statt der erhofften Menschenmassen musste der Exil-Nürnberger zunächst mit schlechtem Wetter und anderen unerwarteten Problemen kämpfen. So fiel ausgerechnet an jenem Tag, als die in Berlin lebenden Fans des 1.FC Nürnberg zum Fußballschauen in den Biergarten strömten, die Technik aus und der Bildschirm blieb schwarz.
Der sonnenreiche Herbst hat den etwas holprigen Start und den verregneten Sommer längst vergessen gemacht. Ein ganz in der Nähe liegendes Hostel spült zudem kontinuierlich ein internationales Publikum in die kleine fränkische Enklave. Edi Pizzolitto bemüht sich derweil um Authentizität. Das im Ausschank befindliche Bier stammt aus Spalt, aus dem Nürnberger Schanzenbräu oder von der Held-Bräu aus Oberailsfeld. Ab und an werden auch Biere anderer Kleinbrauereien mittels einer Spedition in die Hauptstadt geschafft. Die Kosten dafür sind jedoch ziemlich hoch, so der Ex-Fotograf und Neu-Gastronom, der mit einem für Berliner Verhältnisse günstigen Bierpreis punkten will.
Keine Kompromisse gibt es bei der fränkischen Stadtwurst. Die wird von einer Metzgerei in Gostenhof geliefert. „Ich habe in Berlin lange gesucht und mit verschiedenen Metzgern experimentiert, aber es hat geschmacklich nicht funktioniert“, berichtet Pizzolitto. Erfolgreicher waren dagegen seine Bemühungen in Sachen „original Bändel-Bratwurst“. Als „Bändel“ wird im Fränkischen die Oberhaut des Schweinedünndarms bezeichnet, in den die Wurstmasse gepresst wird. „So was kennen die Metzger hier aber nicht“, erzählt Pizzolitto. Folglich wird der Darm ebenfalls aus Nürnberg herbeigeschafft, die Bratwurst aber vor Ort produziert. Eine Bio-Metzgerei in Berlin-Wilmersdorf stellt die Ware nach präzisen Vorgaben des Biergarten-Betreibers her.
„Ich bin zwar kein gelernter Koch, hatte aber schon immer meinen Spaß daran, Sachen auszuprobieren“, stellt Pizzolitto durchaus selbstbewusst fest. Und tatsächlich, seine Bratwürste, sein Schmorkraut oder sein Obatzter brauchen keinen Vergleich mit der Küche der Landgasthöfe in der Fränkischen Schweiz zu scheuen. Eine Konzession an den Geschmack der großstädtischen Kundschaft ist Pizzolotto aber dennoch eingegangen. „Frankenburger“ heißt das Konglomerat aus Schmorkraut, Bratwurst und fränkischem Senf, das in einem Brötchen serviert wird. Muss man nicht mögen — schmeckt aber doch.
Die erste Biergarten-Saison ist inzwischen beendet. Am 31. Dezember schließt die Republik dann vorerst ihre Pforten. Erst im Frühjahr kann man wieder die fränkische Seele in der Nähe der Spree baumeln lassen.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.