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Gefangen im Alter: Mit Gurten ans Bett gefesselt

2010 gab es in Nürnberg 900 Anträge auf freiheitsentziehende Maßnahmen — Stadt bietet nun Alternativen - 16.01. 19:54 Uhr

Nürnberg  - Nürnberg ist eine der ersten Großstädte in Deutschland, die neue Wege in der Altenpflege beschreiten: Ehe hilflose Bewohner mit Bauchgurten gefesselt werden oder hinter Bettgittern schlafen müssen, werden Alternativen ausgelotet.

Eine Heimbewohnerin liegt in einem Gitterbett, um sie vor gefährlichen Stürzen zu schützen.
Eine Heimbewohnerin liegt in einem Gitterbett, um sie vor gefährlichen Stürzen zu schützen.
Foto: epd
Eine Heimbewohnerin liegt in einem Gitterbett, um sie vor gefährlichen Stürzen zu schützen.
Eine Heimbewohnerin liegt in einem Gitterbett, um sie vor gefährlichen Stürzen zu schützen.
Foto: epd

Seit einigen Jahren leidet Martin V. an Demenz. Er vergisst, wo er sich gerade befindet. Greift ruhelos um 3Uhr morgens zum Telefonhörer, ruft Angehörige an. Denn bei ihm ist der Tages- und Nacht-Rhythmus durcheinandergeraten. Anfangs wusste das Pflegepersonal auch nicht, warum der 88-Jährige, der sich kaum noch artikulieren kann, regelmäßig den Flur entlanggeht, Türen öffnet und in die Zimmer guckt. Bis Angehörige das Rätsel lösten: V. arbeitete früher in leitender Funktion in einer Behörde. Das Öffnen der Türen war im Berufsalltag üblich, da er regelmäßig die Mitarbeiter in den Büros aufsuchte.



Auch bei V. standen Betreuer und Heimleitung vor der Frage, ob er nicht besser zum eigenen Schutz fixiert werden sollte. Das hätte bedeutet, V. mit einem Bauchgurt an den Rollstuhl zu fesseln und ein Gitter an sein Bett anzubringen. Doch die Beteiligten entschieden sich für einen anderen Weg: Der 88-Jährige, dessen Erinnerungen aus seinem früheren Berufsleben stark in seinen heutigen Alltag wirken, bekam täglich alte Akten und Dokumente, durfte sie lochen, abheften oder an den Reißwolf verfüttern. „Er ist tagsüber beschäftigt und abends ausgeglichen“, erzählt Andrea Brouer, Leiterin der städtischen Heimaufsicht.

Offenbar ist die Zeit für Veränderungen in der Pflegelandschaft gekommen — da sind sich immer mehr Heime, Gerichte und Kommunen einig. In Nürnberg stehen in städtischen Einrichtungen die Zeichen seit Mitte vergangenen Jahres so: Ehe Gurte klicken und Gitter angebracht werden, loten die Beteiligten Alternativen aus. Die Rede ist vom „Werdenfelser Weg“ — eine Initiative aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen, die dort eine Verringerung der gerichtlich genehmigten Fixierungen um mehr als zwei Drittel erreicht hat.

Fixierungen haben zwar den Sinn, gebrechliche und verwirrte Heimbewohner vor Stürzen zu schützen. Doch nehmen sie dem Betroffenen auch viel Freiheit, engen ihn ein. Nicht selten sehen sich Heime, Justiz und Betreuer dem Vorwurf ausgesetzt, zu schnell eine klassische Fixierung zu beantragen und zu genehmigen. Denn Alternativen sind zumeist aufwendig und kostspielig.

Fakt ist: Bundesweit haben sich genehmigte Fixierungen im vergangenen Jahrzehnt fast verdoppelt. Im Jahr 2000 wurden in Deutschland 52000 registriert, 2010 waren es bereits 98000. Nach Schätzungen müssen hierzulande täglich 400000 Menschen eine Fixierung hinnehmen. In Nürnberg waren es 2010 rund 900 Anträge „auf freiheitsentziehende Maßnahmen“, so Franz Hermann, Leiter der Betreuungsstelle im Sozialamt.

Neben einer Beschäftigung im Heim auf Grundlage von beruflich-biografischen Merkmalen wie bei Martin V. stehen auch andere Maßnahmen auf dem Alternativprogramm: niedrige Betten, dicke Matratzen vor dem Schlafplatz, Klingelmatten, die dem Pflegepersonal nachts signalisieren, dass der Bewohner aufgestanden ist. oder sogenannte Protektoren-Hosen — diese sind so verstärkt, dass sie vor Oberschenkelhalsbrüchen schützen.

Druckgeschwüre

Oft ist laut Hermann der Schaden bei Fixierungen größer als der Schutz: Die Folge von freiheitsentziehenden Maßnahmen seien Druckgeschwüre, erschlaffende Muskulatur, zunehmend poröse Knochen und eingeschränkte Mobilität. Außerdem empfinden viele die Fesselung als Demütigung, fühlen sich hilflos, ausgeliefert oder entwickeln furcht-

bare Verlassenheitsängste.

In Zusammenarbeit mit dem Betreuungsgericht des Amtsgerichts gilt laut Hermann die Regel, jeden Antrag auf Fixierung zunächst für sechs Wochen zu genehmigen. Verfahrenspfleger, also Anwälte oder Experten aus Pflegefachberufen, prüfen in dieser Zeit, ob es Alternativen gibt. Wichtig für Hermann ist, dass neuerdings alle Verfahrensteilnehmer zusammen mitwirken: das Heim, Betreuer, die Justiz und das städtische Sozialamt.

Am Donnerstag, 26.Januar, um 19Uhr befasst sich der Pflegestammtisch im Nachbarschaftshaus Gostenhof, Adam-Klein-Straße6, mit diesem Thema. 



ALEXANDER BROCK - Nürnberg Lokales

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