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Sehr lange, 20 Jahre genau, hatte er Zeit, mit der wuchtigen Kirchenburg aus Ziegelsteinen warm zu werden. Doch wenn Dieter Schlee jetzt unter den vier ehernen Engeln vorm Altar steht, die ihre Kerzen tragen wie Schwerter, wirkt er ziemlich verloren in der Halle aus dunklem Stein.
Verloren? Kein Adjektiv, das einem normalerweise zu dem fast 65-Jährigen einfallen würde. Des Pfarrers Zunge ist scharf wie eh und je, er sagt, was er sagen muss, und das nicht erst, seit die Rente in Sicht ist. Don Camillo der Südstadt hat ihn einer mal genannt. Es war respektvoll gemeint.
Er habe gebraucht, bis er sich an diese räumlichen Dimensionen gewöhnt habe, sagt der stämmige Mann mit den kurzgeschorenen grauen Haaren und blickt zur Christusfigur, die von der himmelhohen Decke hängt. Die Hausherrin, die evangelische Kirche, nennt er fröhlich „meine Firma“.
Ende der 70er Jahre, als der junge Schlee seine erste Pfarrstelle im Kirchlein von Stein-Deutenbach antrat, da konnte er bei seinen Zuhörern noch jedes Barthaar zittern sehen. Mit dieser Nähe sei es vorbei gewesen, als er nach Jahren als Campingseelsorger 1991 nach Steinbühl kam und die dunkelrote Basilika aus den 1930er Jahren mit Leben füllen sollte.
Suchend schaut er sich um an seinem Arbeitsplatz, der für 25000 Menschen gebaut wurde und längst eine viele zu große Hülle ist für die 7000 Köpfe zählende Gemeinde. Woran er sich in diesem Raum in all den Jahren denn festgehalten hat, soll er sagen. Dieter Schlee legt den Kopf schief, findet es gut, dass seine Gustav-Adolf-Kirche so schmucklos ist, und kommt zum Punkt. Gehalten hätten ihn immer nur die Menschen. Auch die vielen, deren Abstürze er in zwei Jahrzehnten schweren Herzens mitansehen musste.
Die Lage in der Südstadt, so Schlee, habe sich massiv verschlechtert. „Das sieht man, wenn man fleißig Besuche macht.“ Sein wieselschnelles Fränkisch baut ihm Brücken, lässt die Leute Vertrauen fassen zu dem hemdsärmeligen Geistlichen, der das Herz auf der Zunge trägt.
Sein Revier, in dem nur noch 18 Prozent der Bewohner evangelisch sind, hat er immer zu Fuß durchstreift. Dort beruhigte er Familienangehörige, die noch zu Füßen eines Erhängten aufeinander losgingen. Oder führte Taufgespräche vor vollen Aschenbechern und laufendem Flachbildfernseher, während das Baby von einer elektrischen Wiege seekrank geschaukelt wurde. „Die Leute können’s halt nicht anders.“
So ätzend Dieter Schlee den Kirchenoberen wegen ihrer Mutlosigkeit die Meinung geigt, so hart er mit Politikern Tacheles spricht, die es mit der Herdprämie belohnen wollen, wenn der Nachwuchs nicht in den Kindergarten geht, so unerschütterlich ist seine Menschenliebe.
Sie war es wohl auch, die den 27-jährigen Verkaufsleiter und gelernten Industriekaufmann die Karriere hinwerfen ließ. „Das kann’s nicht sein“, habe er damals gedacht, und begonnen, Theologie zu studieren. Er würde es wieder tun: „Was kann man mehr wollen, als Gemeindepfarrer sein?“
Seine Eltern in Zirndorf seien volkskirchlich fromm gewesen. Die Mutter ging putzen, um ihm den Schulbesuch zu ermöglichen. Der Sohn zitiert heute Jesus („Ihr habt dem Reich Gottes Gewalt angetan“), wenn seine Chefs vom Fundraising, Management und Mitgliederbindung reden. Schlee: „Das ist was für den Bertelsmann-Buchclub. Nicht für die Kirch’.“
In der Sakristei, groß wie ein Klassenzimmer, setzt sich der Pfarrer auf einen der hölzernen Stühle. Über seinem kleinen Wohlstandsbauch spannt ein blauweiß-gestreiftes Seemannshemd. Zeit, etwas über die andere Seite des 64-Jährigen zu erfahren. „Ich bin a alte Seekuh“, lacht er breit. Vor Jahren, als ihn der Magenschmerz zum Innehalten zwang, hat er das Segeln gelernt. Mühselig gelernt, schiebt er nach. Heute kann er’s, nebenbei prüft er die nautischen Patente künftiger Schiffskapitäne und schippert selbst vor Kroatien übers Meer.
Privat hat Dieter Schlee nicht immer Kurs halten können. Zwei Scheidungen und eine dritte Ehe gibt es in seinem Leben. Der Sohn, heute Anfang 30 und in sicherem Fahrwasser, hat ihm einigen Kummer gemacht. Auf dem Schreibtisch steht das Porträt eines lächelnden jungen Mannes hinter Plexiglas.
„Meine Krisen waren eher persönliche“, seufzt er am Konferenztisch seines klinisch aufgeräumten Büros. Eine Psychoanalyse ging tief und brachte ihn weiter. „Da ist nicht nur ein Regal umgefallen“, sagt Dieter Schlee und tippt sich an die Stirn. Mit Gott habe es keine Krisen gegeben; der sei ein freundlicher Gott, kein strafender Richter, ist er überzeugt.
„Wahrscheinlich heul’ ich“, sagt der Pfarrer, nach dem bevorstehenden Abschied gefragt. Die letzte Mundartpredigt, heute um 17 Uhr, muss er noch vorbereiten, mit Bleistift hat er erste fränkische Übersetzungsversuche über Bibelstellen gekritzelt.
Ein Drittel seines Lebens habe er in die Südstadt investiert. Er hat die Dealer auf dem Platz vor dem Pfarrhaus nachts mit seinem elektronischen Fotoblitz verschreckt, hat 450 Unterschriften gesammelt für „Leyla“, die 18-jährige Kurdin, die allein abgeschoben werden soll, und sich für Asylbewerber eingesetzt.
Schlee wäre nicht Schlee, folgte jetzt nicht eine kleine, wütende Predigt über „all das Menschenrechtslarifari“, das ihn wahnsinnig mache, während Flüchtlinge still und leise abgeschoben würden. Den „Goldenen Abschieber“ habe sich das Nürnberger Ausländeramt verdient, gerne hätte er eine goldlackierte Schneeschaufel persönlich vorbeigebracht.
Der Sturm ist vorüber, nachdenklich fährt er sich mit der Hand durch den Vollbart. Es wundere ihn, „dass die mich so haben sein lassen“. Der Dank geht an die Firma, seine Kirche.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.