|
Anmeldung
Diese Funktion steht nur registrierten Usern zur Verfügung.
Loggen Sie sich bitte hier ein oder registrieren Sie sich kostenlos! |
![]() |
Passwort vergessen
Wenn Sie Ihr Passwort vergessen haben können Sie hier ein neues Passwort anfordern. Geben Sie bitte hierzu Ihre E-Mail-Adresse ein!
|
Die Nürnbergerin hebt in ihrer Wohnung in der Nordstadt Bilder auf, die ein längst vergangenes Stadtleben zeigen. Als die Straßenbahnlinie 6 noch über den Hauptmarkt rumpelte, saß die kleine Edith oft im letzten Wagen und fuhr schwarz.
Von dort hinten sah sie schnell, wenn der Schaffner kam. „Dann sprangen wir an der nächsten Station raus“, erinnert sich Edith Hiller. Wer das Schwarzfahren damals nicht probiert habe, sei dumm gewesen, meint sie. Schließlich war in den 1930er Jahren für viele Sparen angesagt und auch wenn ihre Eltern am Hauptmarkt und später in der Kaiserstraße ein gutgehendes Spezialgeschäft für Gummiwaren betrieben und man sich daheim ein Kindermädchen leisten konnte, hatte Tochter Edith nicht üppig Geld. „Ein Ticket für die Straßenbahn kostetet 20 Pfennig, eine Breze zehn, ein Stück Butter 45“, da muss man nicht lange vergleichen, um zu sehen, dass öffentlich zu fahren schon damals teuer war.
Heute wird wieder diskutiert, ob eine Straßenbahn durch die Altstadt vom Rathenauplatz vorbei am Rathaus bis zum Hallertor Sinn macht. Ediths Vater fotografierte als Kind am Neujahrsmorgen 1900 von der Wohnung in der Tuchgasse aus, wie die Bahn auf den Hauptmarkt biegt. An eben diesem betrieb er später mit Ediths Mutter den Laden für Wachstuch und Gummiwaren, benannt nach Vorbesitzer Theodor Heisen. „Wir hatten chirurgische Artikel, Windelhosen, Schnuller und Wachstücher“, erzählt Tochter Edith. Beim Hochwasser 1909, das den Hauptmarkt in eine Seenlandschaft verwandelte, gab es für Kunden mit guten Gummistiefeln 20 Prozent Rabatt.
Circa 1911 sei das Geschäft in die Kaiserstraße umgezogen, dorthin, wo heute das Restaurant Lucas zu Tisch bittet. „Die Rohre des Ofens zogen sich durch den ganzen Laden und ich musste jeden Tag anschüren“, die 87-Jährige graust es noch heute bei der Erinnerung an die Mühen.
Gewohnt wurde gegenüber, heute werden in dem Eckhaus neben dem Köpfleinsberg Kaffeetabs feilgeboten. „Die Wohnung war so groß, dass meine Schwester Ilse und ich mit Fahrrädern durch die Zimmer gesaust sind.“ Weil die Eltern viel Zeit im Laden verbrachten, sprangen die Geschwister oft allein draußen herum. Sie spielten am Denkmal am Köpfleinsberg, versteckten sich in der Schwabenmühle, die an der Pegnitz zwischen Karlsbrücke und Fleischbrücke stand. Und in einem Waschbottich paddelte sie sogar über den Fluss.
Edith Hiller legt eindrucksvolle Fotos von 1905 vom Strandbad am Prinzregentenufer auf den Esszimmertisch. Ein anderes zeigt Verwandtschaft 1916 in einem Badehaus neben der Bartholomäusschule in Wöhrd. Sie sei auch noch bis 1936 in der Pegnitz geschwommen, erzählt sie.
Die Sommerfrische der Familie lag auch nicht weit weg: In Zabo im Bienenheim hatte man ein kleines Holzhaus, das heute noch steht. „Da haben wir die Ferien verbracht, mein Vater züchtete auch Bienen“, wenn er der kleinen Edith einen Zigarrenstummel in die Hand drückte, bevor er auf seinem Motorrad zurück in die Stadt brauste, rauchte sie den ganz kess einfach auf. „Eigentlich sollte ich den natürlich kaputt machen.“
Doch das Mädchen, das zuerst neben dem Marientorzwinger in die Schule ging und dann die Mädchen-Mittelschule in der Färberstraße besuchte, war nicht schüchtern. „Im Bienenheim haben wir mit Wasser auf die Tauben des Nachbarn geschossen.“ Als sie 13 Jahre alt war, gefiel ihr das Landleben allerdings nicht mehr, „wir mussten immer Unkraut zupfen und das war eine Mordsarbeit“. Gewerkelt wurde in für die Sommerfrische genähten dunklen Dirndln, die den Schmutz nicht so annahmen.
In den 30er und 40er Jahren genoss Edith die Tanzkränzchen bei Krebs. Sie hat in der Schule oft als Tanzpartnerin ausgeholfen, „ich wohnte ja zentral und konnte schnell einspringen“. Die Männer rissen sich um sie, „weil sie es nicht weit hatten, wenn sie mich nach der Stunde heimbringen mussten“. Auch ihren Mann Rudolf lernte sie 1941 bei Krebs kennen.
Den verheerenden Bombenangriff vom 2.Januar 1945 erlebte sie im Opernhaus, „da wurden damals Filme gezeigt, der Schnürboden war ja kaputt“. Einen Bunker gab es nicht, mit einer Freundin saß sie im Keller und hörte oben das Toben. Die neue Wohnung der Familie am Unschlittplatz blieb ganz, erst am 21. Februar wurden sie ausgebombt. „In den Trümmern fanden wir eine Schachtel mit Butter, weil im Haus auch ein Milchladen gewesen war, das half uns sehr in den nächsten Wochen.“
1950 heiratete sie ihren Rudolf in der Reformations-Gedächtniskirche am Stadtpark, mit Kutsche, aber im geliehenen Kleid. Ihre Eltern gaben Anfang der 50er Jahre den Laden auf, bis 1952 leitete Edith Hiller eine Filiale in der Allersberger Straße. Dann wurden Tochter und Sohn geboren.
Jetzt freuen sich die Enkel über die vielen Familienfotos, die auch viel über den Werdegang Nürnbergs erzählen. Ach ja, ihr Uropa Paul Ceder hat als Stuckateur mit Geschäft in der Bartholomäusstraße nicht nur Spitalkirche, Theresienkrankenhaus und Grand-Hotel ausgestattet, sondern auch die berühmte Villa Carlotta am Comer See oder die Villa der Familie Krupp in Essen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.