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In Nürnberg hängt die erste Pfandkiste - noch

Behälter ersparen Flaschensammlern das Wühlen im Dreck — Sör will sie nicht dulden - 08.07.2012 18:00 Uhr

Ein Passant stellt seine Flasche in die Pfandkiste in der Luitpoldstraße. Noch hängt sie.

Ein Passant stellt seine Flasche in die Pfandkiste in der Luitpoldstraße. Noch hängt sie. © Uwe Niklas


Es ist mittlerweile Normalität: Männer und Frauen wühlen in Mülleimern nach den Hinterlassenschaften ihrer Mitmenschen. Die Jagd nach den Pfandflaschen ist entwürdigend, die Scherben zerbrochener Flaschen gefährlich. Die Pfandkiste ist keine Lösung für das Problem, dass Geringverdienende oder Obdachlose vom Müll der Gesellschaft leben müssen.

Aber sie kann das soziale Brandmal mildern und das Sammeln weniger gefährlich machen. Auch in Nürnberg hängt inzwischen die erste Pfandkiste. Das Prinzip ist einfach: Eine Getränkekiste wird an einem Laternenpfahl befestigt, Passanten können ihr Leergut in den Behälter stellen, anstatt es im Mülleimer zu versenken — Pfandsammlern bleibt dadurch der Griff in den Dreck erspart.

„Ich will das Bewusstsein der Leute schärfen und ihnen klarmachen, welches Luxusgut sie da eigentlich wegwerfen“, erklärt Christof Joschionek. Vor einem Monat hat er die Kiste vor seinem Imbiss aufgehängt — offiziell gibt es für den Behälter keinen Betreiber. „Hier kommen am Tag bestimmt 30 Flaschensammler vorbei“, berichtet Joschionek, „die können das Pfand gut gebrauchen.“

Im Bayern hat die Kiste es schwer

Die Kisten-Idee stammt aus Berlin. Dort engagiert sich die Initiative „Pfand gehört daneben“ für einen sozialen und ökologischen Umgang mit Pfandflaschen. Ihr Tenor: Niemand sollte gezwungen sein, zur Sicherung seines Lebensunterhaltes im Müll zu wühlen. Dorthin gehörten auch keine Mehrweg-Pfandflaschen. Zusammen mit einem Hamburger Getränkehersteller entwickelte die Initiative die Pfandkiste und veröffentlichte im Internet unter  www.pfand-gehoert-daneben.de
  die Bauanleitung. Dort können auch Aufkleber mit dem Schriftzug „Pfandkiste+“, dem Logo der Initiative und des Getränkeherstellers, bezogen werden.

In Berlin und Hamburg „schmücken“ die Kisten mittlerweile viele Laternenpfähle, im Süden der Republik tut man sich mit den Plastikbehältern im öffentlichen Raum dagegen schwer. In München hängen zwar seit Beginn des Sommers eine Handvoll Kisten, die Stadt toleriert sie. Ihre Schwester in Nürnberg wird aber nur eine kurze Lebensdauer haben. Der Servicebetrieb Öffentlicher Raum (Sör) wird sie „in Kürze“ abnehmen.

„Es wurde nie beantragt, eine Kiste aufzuhängen“, sagt Hans-Peter Kauppert, Leiter des Werkleiterbüros. Das Anbringen an Schildern oder Laternen könne man nicht stillschweigend hinnehmen, da gelte gleiches Recht für alle. Außerdem sei die Verletzungsgefahr für Sehbehinderte zu bedenken und schließlich müssten die Laternenmasten für Wartungsarbeiten frei sein. Zwar träfen die beiden letzten Punkte in der Luitpoldstraße nur bedingt zu, doch was, wenn sich die Pfandkiste ausbreite? „Wenn die Kiste helfen sollte, müsste sie flächendeckend aufgehängt sein“, sagt Kauppert. „Das gefällt nicht jedem, das ist auch eine Frage der Optik.“

Offizieller Betreiber gesucht

Elisabeth Ramthun vom Sozialforum Nürnberg ist anderer Meinung. „Der Laternenpfahl fällt nicht um, weil eine Kiste daran hängt.“ Hans-Joachim Patzelt von der Offenen Linken wird deutlicher: „Bitte Sör, kümmert euch um etwas anderes. Die Kiste drückt Anteilnahme für diejenigen aus, die ihr Gehalt aufbessern müssen. Kompliment für denjenigen, der das aufgebracht hat.“ Marion Padua von der Linken hat wie ihr Stadtratskollege die Kiste noch nicht gesehen, hält sie jedoch ebenfalls für eine sehr gute Aktion.

Das Problem: Die Stadt hat keine Ansprechpartner. „Schwarz“ kann jeder eine Trage aufhängen. „Gäbe es einen offiziellen Betreiber, könnte man sich mit ihm an einen Tisch setzen. Vorstellbar wäre, die Kiste in einer schöneren Gestaltung an bestimmten Standorten anzubringen“, sagt Sonja Wachter vom Liegenschaftsamt. Für Joschionek ist sie auch eine Möglichkeit, die Nachtruhe der Anwohner zu schonen und die Straßen sauber zu halten. „Seitdem die Kiste hängt, habe ich keine Scherben mehr vor dem Laden“, sagt er.
  

VON STEFAN BERGAUER UND SEBASTIAN GLOSER

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