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Islamischer Professor über Witze über den Islam

Harry Harun Behr im Interview mit den NN - 13.02.2010

Harry Harun Behr unterrichtet in der Geschwister-Scholl-Realschule islamischen Religionsunterricht.

Harry Harun Behr unterrichtet in der Geschwister-Scholl-Realschule islamischen Religionsunterricht. © Horst Linke


Herr Behr, der Fasching steht kurz vor seinem Höhepunkt. Gibt es in islamischen Ländern eine ähnliche Tradition öffentlicher Spaß-Veranstaltungen, an denen die Bevölkerung mehr oder weniger intensiv Anteil nimmt?

Harry Harun Behr:
Im südasiatischen Raum kenne ich so was. Das ist dort aber genauso wenig Bestandteil des islamischen kanonischen Systems, wie Karneval Bestandteil des katholischen Kirchenrechts ist. Aber das Lachen ist als ein Wesenszug des Menschen in der islamischen Theologie grundsätzlich positiv besetzt und gehört zur Tradition.

Der jüdische Witz ist bekannt, über den christlichen Gott wird in vielen Fällen auch derb gespottet, der Islam kommt dem Außenstehenden im Vergleich dazu wenig humorfreundlich vor. Trügt der Eindruck?

Behr:
Es gibt schon eine Art islamischer Witze-Tradition. In Kairo habe ich das erlebt. Wenn man sich dort an der Universität bewegt, vergeht kein Tag, an dem nicht Witze auch über die Religion erzählt werden. Dass man sich nicht über eine religiöse Einrichtung gezielt lustig macht, liegt daran, dass wir keine gefestigten religiösen Institutionen haben. Wenn der Islam so etwas wie das Papsttum kennen würde, wäre das vielleicht anders. Aber über die Figur des Mullah gibt es Witze. Einer geht so: Ein Rabbiner, ein Bischof und ein Mullah gehen nackt baden. Als eine Gruppe Touristen kommt, bedecken der Rabbi und der Bischof ihren Unterleib wenigstens mit den Händen, der Mullah hält sie vor das Gesicht. Auf die Frage der beiden anderen, warum er das macht, sagt er: Ich weiß ja nicht, woran man euch erkennt, mich erkennt man am Gesicht. So was gibt es im Islam, aber keine Witze über Gott oder den Propheten Mohammad und andere zentrale Figuren des Islams. Das liegt daran, das Muslime eine besonders emotionale und respektvolle Bindung an Gott und die Propheten haben. Auch der Koran verbietet ausdrücklich, über Gott und den Propheten zu spotten. Das ist eine eindeutige Anweisung.

Der Bruch eines Tabus macht oft den Reiz von Humor aus. Diese Form ist im Islam verboten?

Behr:
Ja, absolut. Das macht Muslime aber nicht humorlos. Ich würde hier unterscheiden zwischen Humor - den gibt es in einer hintergründigen, manchmal sarkastischen Form im Übrigen sogar im Koran selbst - und Spott. Es ist sogar ein Witz von Mohammad selbst überliefert: Eine ältere Araberin sitzt mit ihm am Lagerfeuer. Sie fragt den Propheten: Bist du der, den sie den Gesandten Gottes nennen? Er antwortet: Ja, der bin ich. Sie fragt: Stimmt es, dass alte Frauen nicht ins Paradies kommen? Als er das bestätigt, weint sie bitter. Da nimmt er sie in den Arm und tröstet sie: Liebe Frau, wenn du ins Paradies kommst, bist du jung und hübsch. Was Mohammad nicht mochte, ist das unbotmäßige laute Lachen und das Lachen in der Trunkenheit.

Es hat also seinen Grund, dass man jede Menge Jesus-Witze googeln kann, dass man unter dem Stichwort Mohammad-Witze aber leer ausgeht?

Behr:
In dieser Hinsicht sehe ich keine produktive Kraft in der muslimischen Welt. Da gibt es eine Grenze, die gläubige Moslems nicht überschreiten.

Wo ziehen Sie diese Grenze?

Behr:
Diese Grenze ist für Nicht-Muslime genauso schwer zu ziehen wie für Muslime. Es gab ja in dem bekannten Karikaturen-Streit viele Gläubige, die diese Zeichnungen im Grunde harmlos fanden. Da gibt es keine streng voneinander abgegrenzten Lager. Ich glaube allerdings, dass die Muslime unter den Migranten ihre Religion wieder neu entdecken und dann bestimmte Teile ihres Glaubens wieder stärker beachten, die sie in ihren Herkunftsländern oft noch lockerer sahen. Insofern hört der Spaß bei Migranten dann vielleicht früher auf.

Würden Sie sagen, die religiöse Humor-Hürde liegt bei Muslimen generell höher als bei Christen?

Behr:
Ganz sicher. Der Koran mahnt uns da zur Vorsicht. Das gilt übrigens auch für Spott unter Muslimen. Da halte ich mich an Erich Kästner: So tief sollst du nicht sinken, von dem Kakao, durch den man dich zieht, auch noch zu trinken.

Angenommen, ein Moslem kann der Versuchung nicht widerstehen und er erzählt einen sehr derben Witz über seinen Glauben. Wie sieht es mit der Strafe für dieses Vergehen aus?

Behr:
Die ist im islamischen Recht schlicht nicht vorgesehen. Im Koran steht nichts dazu. Wie weit allerdings die Interpretation eines angeblichen Abfalls vom Glauben gehen kann, haben wir im Iran gesehen, wo auch religiös motivierte Regimekritiker verurteilt wurden unter der Anklage, Feinde Gottes zu sein. Über solche Urteile wird eine religiöse Legitimation gestülpt. Eigentlich sind sie aber nur menschenverachtend und kriminell. So was gehört zum Instrumentarium totalitärer Systeme, die Religion missbrauchen. Das muss man ganz klar sagen. Dafür gibt es nicht die leiseste Begründung aus der Theologie. Das gilt auch für die gröbste Verspottung der Religion. Ein bestimmtes Strafmaß dafür lässt sich nicht aus dem Islam herleiten. 

Michael Kasperowitsch

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