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Mittags im ambulanten Reha-Zentrum (ARZ) am Südklinikum in Langwasser. Klaus Wambach kommt von seiner ersten Runde mit Ergo- und Physiotherapeuten. Er hat gerade Pause und wirkt entspannt. „Hier wird mir wirklich sehr geholfen“, meint der 74-Jährige. Zweimal in der Woche trainiert er in den Räumen an der Rosenberger Straße für jeweils drei Stunden.
Er freut sich, wenn er sieht, wie der Laden brummt. Denn dieses Reha-Zentrum, das Ende 2004 seine Pforten öffnete, hat er selbst noch als Vorstand des Klinikums auf den Weg gebracht. „Damals wussten wir natürlich nicht, wie es sich entwickeln wird. Inzwischen hat das ARZ einen sehr guten Ruf bei den Patienten, die Nachfrage ist so groß, dass es sogar erweitert wird.“
Ein gewisser Stolz schwingt in der Stimme mit. Und dann lacht er. „Ich weiß, wovon ich rede. Die Arbeit hier kann ich schließlich aus eigener, inzwischen jahrelanger Erfahrung beurteilen. Das hätte ich damals allerdings auch nicht gedacht.“
Vier Wochen war Klaus Wambach gerade im Ruhestand, als 2007 ein Fahrradunfall alle damaligen Lebenspläne durchkreuzte. Eine Quetschung des Rückenmarks führte zu einer umfassenden Lähmung. Als er aus dem künstlichen Koma erwachte, funktionierte fast gar nichts mehr. Er konnte sich nicht bewegen und auch nicht sprechen, weil ein Beatmungsschlauch in seinem Hals steckte. „Es war eigenartig. Ich geriet überhaupt nicht in Panik, obwohl mir meine Situation sofort klar war“, erinnert er sich.
Stirbst du jetzt oder nicht, diese Frage sei ihm durch den Kopf gegangen. Die Antwort fand er, als er kurz darauf die Augen aufschlug: „Ich sah meine Frau und meinen Enkel, wie sie an meinem Bett saßen. Da wusste ich, aufgeben gilt nicht, jetzt geht das Kämpfen los.“
Der Start in sein — wie er selbst sagt — zweites Leben war hart. Über Buchstabentafeln oder Augenbewegungen auf Ja-Nein-Fragen verständigte er sich mit seiner Familie oder den Ärzten. Nach der Akutbehandlung im Klinikum ging es für acht lange Monate in eine Reha-Klinik nach Murnau.
Das sperrige Beatmungsgerät direkt hinter seinem Rollstuhl war sein ständiger, hinderlicher Begleiter. Um von dem Beatmungsschlauch wegzukommen, ließ er sich anschließend in einer Klinik in Tübingen einen Zwerchfell-Schrittmacher einsetzen. Weitere 13 anstrengende Wochen lang musste er die Atmung mit diesem Schrittmacher lernen, zunächst eine Minute pro Stunde und dann immer länger. Tag und Nacht, rund um die Uhr, Stunde für Stunde. Am Ende hatte er es geschafft: Er kommt seither ohne Beatmungsgerät aus, kann wieder sprechen, wieder schlucken und essen.
„Das war und ist ein Riesenfortschritt für meine Lebensqualität“, erzählt er. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er im Alltag bei allem auf Hilfe und Begleitung angewiesen ist. „Meine Frau und ich sehen und genießen alles, was wieder möglich ist, und denken nicht an das, was nicht funktioniert.“ Sie gehen gemeinsam auf Reisen, zum Beispiel nach Meran oder an den Gardasee. Die bislang größte Tour führte sie mit einem Kreuzfahrtschiff von Bremerhaven nach La Coruña in Spanien. „Dort sind wir dann samt Rollstuhl in ein Taxi gestiegen und ziemlich abenteuerlich nach Santiago de Compostela gefahren.“ Eigentlich hatte er die Wallfahrtstour mit einem befreundeten Chefarzt per Fahrrad machen wollen — ein gemeinsamer Plan für den Ruhestand. Wambach lächelt verschmitzt. „Ich hab ihm von dort eine Karte geschrieben. Ich bin schon da, wo bleibst du denn?“
Regelmäßige Opernbesuche oder Wanderungen stehen ebenfalls auf dem Freizeitprogramm. Der Akku des Elektro-Rollstuhls hält 16 Kilometer durch. „Da kommt man ganz schön weit.“ Auch Kino mögen die Wambachs. Kürzlich ging es in den Film „Ziemlich beste Freunde“, in dem
der Protagonist nach einer wahren Geschichte mit einem ganz ähnlichen Schicksal kämpft. „Nach der Vorstellung haben mich einige Besucher ganz verstört angesehen, als wäre ich aus dem Film entsprungen.“ Hervorragend recherchiert und humorvoll sei der Stoff präsentiert. Auch dass der Film-Rollstuhlfahrer allergisch auf das Mitleid seines Umfeldes reagiert, kann Wambach gut nachempfinden. „Ich mag es am liebsten, wenn man ganz normal mit mir umgeht. Am Anfang habe ich die Befangenheit vieler Freunde und Bekannten gespürt. Aber ich wüsste ganz ehrlich auch nicht, ob ich in einer solchen Situation anders reagiert hätte.“
Die Mittagspause im Reha-Zentrum geht zu Ende, die Ergotherapeutin Katrin Schellenberger wartet auf Klaus Wambach. Sie will besonders die Finger aktivieren. „Vielleicht lässt sich bei Daumen und Zeigefinger noch etwas herauskitzeln“, meint der Patient. In winzigen Schritten immer wieder vorangehen, aber keinen falschen, zu großen Erwartungen nachhängen, dieses Rezept hat er sich gegen Enttäuschungen selbst verordnet. Den Kopf kann er immer besser bewegen, damit hat er sich ein weiteres Stück Freiheit zurückerobert: Über einen Laserpointer, der am Kopf angebracht wird, kann er selbstständig im Internet surfen und E-Mails schreiben.
Der 74-Jährige wirkt mit sich im Reinen. „Dass es mir so gut geht, verdanke ich in erster Linie meiner Frau. Nicht nur für mich hat sich das Leben radikal verändert, genauso auch für sie. Deshalb feiern wir heuer gemeinsam am 1. Oktober den 5. Geburtstag in unserem neuen Leben.“ Dankbar ist er auch für die Unterstützung der Pflegekräfte, die bei ihm rund um die Uhr im Haus leben, und natürlich für das Training im ARZ, mit dem sein Körper beweglich gehalten wird..
„Außerdem habe ich einen starken Willen, der wurde als Vorstand im Klinikum bestens geschult“, lacht er und fügt nach einer kurzen Pause noch an: „Natürlich in meinem ganzen vorherigen Berufsleben auch schon.“ Und manchmal geben ihm besonders Begegnungen mit Altersgenossen mächtig Auftrieb. „Die sind oft weit weniger aktiv als ich, und zwar ganz ohne Rollstuhl!“

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.