2°C

Samstag, 29.11. - 10:44 Uhr

|

Masken machen andere Menschen aus uns

Susanne Carl gab ihren Lehrerjob auf, um sich als Künstlerin weiterzuentwickeln - 07.05.2012 10:50 Uhr

Susanne Carl mit ihren selbst gefertigten Masken aus Pappmaché .

Susanne Carl mit ihren selbst gefertigten Masken aus Pappmaché . © Stefan Hippel


Säuberlich sind die weißen Pappkisten beschriftet. „Borten und Bommel“, „Haarteile“, daneben Perücken, „rötlich“ oder „dunkel“. Von zwei Wandregalen glotzen braune Masken aus Pappmaché. Spitz- und Knollennasen, keine Schönheiten, sondern starke Charakterköpfe. Schon passiert etwas: Susanne Carl holt sich ein knallgelbes Pagenkostüm von der Stange hinterm Vorhang und verschwindet in ihrem Schlafzimmer.

Vorhang auf, Minuten später betritt der „Mistbock“ den Raum, ein maskierter Flegel mit Lockenschopf, der Stefan Hippel, unseren Fotografen, sofort schräg anredet: „Bist du überhaupts ein Profi, du Depp?“ Spricht’s und fläzt sich dreist aufs Sofa. Aus der 49-Jährigen mit dem durchdringenden Lachen ist ein mieser Typ geworden. Na prima. Doch schon löst sie die Schlaufen der Maske am Hinterkopf — und ist wieder sie selbst.

Was zu besichtigen war: Masken machen Menschen, Typen, und geben ganz klar vor, wie sich einer bewegt. Schon wird es in dem hellen Arbeitsraum in der Nibelungenstraße philosophisch. Doch zuvor muss es heraus, Carls diesjähriges Blaue-Nacht-Projekt in der Lessingstraße. Sonst rudert die sympathische Frau mit dem Haarknoten und der hohen Stirn womöglich noch mehr mit den Armen durch die Gegend.

Nur so viel: Das Publikum kann sich Masken und Kostüme heraussuchen, in einen Bilderrahmen steigen und sich für ein Postkarten-Foto ablichten lassen. Carl ist die Moderatorin. Und die Organisatorin natürlich. „O mei“, da klingt der Chiemgau ihrer Kindheit durch, unendlich viel Bürokram hänge dran an solchen Auftritten.

Susanne Carl als Rüpel.

Susanne Carl als Rüpel. © Stefan Hippel


So war das schon mit „Rosi“, der properen Dickmadame mit dem Wolldutt, die in Blauen Nächten mal an einer Luftballon-Traube hoch über der Burg schwebte, mal in einer riesigen Muschel über die Pegnitz schipperte (das Ding hatte einen Motor!) oder einen ganzen Stall voller Kaltblüter vom Knoblauchsland ins Parkhaus am Sterntor dirigierte. Auch die Hufschoner der Pferde, die den Boden nicht verkratzen durften, waren ihr Bier. Sie ist Clownmanagerregisseurssekretärin. Muss eben auch sein.

„Rosis“ rosa Kostüm, es hängt bereit zum Einsatz hinterm Vorhang des Ateliers. Ob sich die gelernte Kunstlehrerin darin den Busen ausstopft oder mit einem Waschkorb voller Zubehör losfährt und Maskenspiel-Kurse gibt, ob sie verkleidet in Metzgereien und Tante-Emma-Läden einfällt und ihre Performance absichtsvoll in kulturferne Stadtteile verlegt — Susanne Carl weiß, warum sie das tut.

Weil sie es liebt, und weil die Leute lachen. Sie lachen, weil der Clown scheitert, sagt sie, und sind froh, dass diesmal nicht sie gegen die Wand laufen, sondern ein Stellvertreter: der Clown. Außerdem seien alle gern mal wieder wie die Kinder. Genau, auch die kleine Susanne Carl hat die Kostüm-Kiste auf dem elternlichen Dachboden magisch angezogen.

Natürlich verdient sie auch ihr Geld mit der Kunst. Eines Tages vor sieben Jahren, nach vielen verlängerten Beurlaubungen, hat sie der verbeamteten Lehrerin mutig Adieu gesagt und sich in ohne Netz und doppelten Boden in die Selbstständigkeit gewagt. „Weiterentwickeln, immer weiterentwickeln“, so will sie das. Inzwischen bezieht sie die Zuschauer stärker mit ein. Ein Ergebnis der publikumsstarken Blauen Nächte, in denen sie sich so wunderbar ausprobieren konnte.

In der hellen Wohnung mit dem großen Baum vor den Fenstern lebt sie mit einem Computerfachmann zusammen. Doch, ihr „Liebster“ sei lustig daheim, aber nicht so quirlig wie sie. Carl: „Zwei solche wie ich, das geht nicht.“ Wie zum Beweis fuhrwerkt sie wieder hinter dem Vorhang, kommt mit Maske und gelbem Wischmopp daher. „Vileda“, diese dünne Bohnenstange, ist ihre Partnerin in einem Liebesfilm. Ein neues Medium, das sie nach der Fotografie entdeckt hat. Nur so viel sei verraten: Es gibt ein Happy End.

www.susanne-carl.de 

Claucine Stauber - Lokales Nürnberg

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.