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Medikamenten-Mix wird zum gefährlichen Cocktail

Fachleute warnen vor Wechselwirkungen — Bis zu 15 Substanzen gleichzeitig - 15.05.2012 12:00 Uhr

Viele Patienten greifen gleich zu mehreren Medikamenten — das birgt Risiken.

Viele Patienten greifen gleich zu mehreren Medikamenten — das birgt Risiken. © dpa


60000 Medikamente sind in Deutschland auf dem Markt. Die Apotheker haben im vergangenen Jahr rund 1,4 Milliarden Verpackungen abgegeben, sagt Birgit Kamler, Sprecherin der AOK Mittelfranken. Hinzu kommen 500 Millionen Packungen freiverkäuflicher Medikamente, die ohne ärztliche Verordnung über den Ladentisch gingen.

„Wo eine Wirkung ist, ist auch eine Nebenwirkung. Und die Anzahl möglicher Neben- und Wechselwirkungen steigt mit der Zahl der eingenommenen Medikamente“, warnt Dr. Sonja Wunder, Beratungsapothekerin der AOK. Bei zwei Wirkstoffen müsse nur eine Wechselwirkung überprüft werden, bei fünf bereits 15 und bei 15 Medikamenten sogar 105 potenzielle Wechselwirkungen.

Das klingt nach viel. Doch die AOK hat 2011 in Mittelfranken zusammen mit 251 Apotheken 1950 Patienten nach ihrem Arzneikonsum befragt. Dabei kam heraus, dass 60 Prozent der Teilnehmer fünf und mehr Wirkstoffe zu sich nehmen. Manche hatten sogar einen Cocktail von 15 und mehr Substanzen im Körper. „Die über 70-Jährigen nehmen durchschnittlich sechs verschiedene Medikamente am Tag zu sich“, erklärt Wunder.

Bei jedem dritten Befragten traten unerwünschte Wechselwirkungen auf, jeder Achte wusste nicht so recht, wie die Arzneien einzunehmen sind, und jeder 20. sei sogar überversorgt.

„Wechselwirkungen können zu ernsthaften Beschwerden führen, bis hin zu Klinikeinweisungen“, mahnt die Apothekerin. Von einer „Polypharmazie“ sprechen die Fachleute sogar, wenn neue Beschwerden bei Medikamenteneinnahme fälschlicherweise als neue Erkrankung gedeutet werden, wogegen ein weiteres Medikament verordnet wird. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt Wunder. Etwa fünf Prozent aller Krankenhausaufenthalte in Deutschland würden durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen verursacht. Auf Mittelfranken bezogen, seien das Ausgaben von 2,5 bis fünf Millionen Euro im Quartal, die gespart werden könnten, wären die Patienten besser informiert.

Die AOK bietet daher auch heuer wieder — diesmal mit 309 (von 464) Apotheken in Mittelfranken — die Info-Kampagne „Arzneimittel sicher einnehmen“ an. Noch bis zum 30. Juni können sich die Kunden über ihre Präparate und potenzielle gefährliche Wechselwirkungen aufklären lassen. Entweder bringen sie ihre Präparate gleich mit, oder sie füllen eine Medikamentenliste aus. Darin wird auch aufgelistet, in welcher Form sie genommen werden, wann und wie oft.

„Das ist ein ortsnaher Service“, so AOK-Direktor Norbert Kettlitz. Nur der Patient weiß, was er einnimmt oder einnehmen soll. Der eine Arzt könne nicht wissen, was ein weiterer Arzt verschrieben habe, so Wunder. Das Gleiche gelte für zwei oder mehrere Apotheker. Und dann kommen auch noch die freiverkäuflichen Medikamente hinzu, die sich der Patient oft ohne Rücksprache noch besorgt.

Saft hebt Arznei auf

Paul Fröhlich kennt das Thema aus seiner Apotheke in der Schoppershofstraße. Zu den Klassikern gehört die Einnahme von Antibiotika mit Milchprodukten. „Das Kalzium hebt die Wirkung auf“, erläutert er. Patienten, die das gerinnungshemmende Marcumar nehmen, dürften bestimmte Schmerztabletten wie Aspirin nicht einnehmen, sonst verstärke sich die Wirkung noch.

Fröhlich hat auch einen Tipp für Frauen: Johanniskraut kann die Wirkung der Antibabypille aufheben. Zu einer Veränderung des Blutbildes kann die Einnahme eines Herpesmittels bei Krebspatienten führen, die Zytostatika einnehmen. Wer an Diabetes II leidet, sollte vorsichtig sein bei der gleichzeitigen Einnahme von blutdrucksenkenden Arzneien. Grapefruitsaft kann die Wirkung von Blutdrucksenkern konterkarieren, Kaffee und Tee wichtige Mineralstoffe aus Medikamenten binden.

Eine Übersicht der Apotheken unter: www.aok-mittelfranken.de

  

ANDREAS FRANKE - Lokales Nürnberg

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