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Die Lokalredaktion sprach darüber mit Wolfgang Dötsch (42), Biologe und Kreisgeschäftsführer des Bund Naturschutz (BN).
Herr Dötsch, wie gestaltet sich die Situation in Nürnberg?
Wolfgang Dötsch: Nürnberg verbuchte in der Nachkriegszeit ein gewaltiges Siedlungswachstum, das bis heute anhält und mit extremen Verlusten an der Kulturlandschaft einhergeht. Die massiven Eingriffe in die Tier- und Pflanzenwelt können nicht durch Ausgleichsmaßnahmen kompensiert werden und führen letztendlich zum Verlust der Artenvielfalt. Hinzu kommt, dass gerade typische Nürnberger Lebensräume wie sandige Heideflächen stark abnehmen, da sie als wertlose Brachflächen gelten. Im Zuge der geplanten Wohnbebauung im Tiefen Feld werden gefährdete Tiere wie Feldhase oder Rebhuhn von hier verschwinden. Das ist sehr bedauerlich, zumal es sowieso nur noch wenige Grünflächen im Nürnberger Westen gibt. Die Siedlungsentwicklung geht auf Kosten der Natur und ist stadtplanerisch nicht in unserem Sinne!
Ein gravierendes Beispiel ist die Nordspange, wenn sie denn kommt.
Dötsch: Für Flora und Fauna wäre der Eingriff verheerend. Dabei geht es in erster Linie gar nicht um die Rodung, sondern um die massive Absenkung des Grundwasserspiegels. Und dann soll die Zerstörung der Natur mit mangelhaften Ersatzpflanzungen wettgemacht werden — allesamt außerhalb des Stadtgebiets.
Zurück zur Roten Liste: Können Sie Zahlen für Nürnberg nennen?
Dötsch: Die Zahlen steigen, diese Tendenz ist auch in Nürnberg eindeutig. Im Stadtgebiet haben wir über 1000 Pflanzenarten, etwa ein Fünftel befindet sich auf der Roten Liste. Ist es für Pflanzen noch ein schmales Heft, so für Tiere ein dickes Buch. Gesamtzahlen liegen uns hier nicht vor.
Welche Tierarten sind im Stadtgebiet besonders betroffen?
Dötsch: Bei den Reptilien stehen fünf von sechs Arten auf der Roten Liste: Blindschleiche, Kreuzotter, Zauneidechse, Ringel- und Schlingnatter. Bei den Amphibien sind es neun von insgesamt 13 Arten, bei den Fledermäusen sogar alle 13 Arten.
Was kann man als Nürnberger tun?
Dötsch: Fledermäuse profitieren davon, wenn man spezielle Kästen an Bäumen oder Gebäuden befestigt. In puncto Gartengestaltung kann man relativ wenig für gefährdete Tiere machen, da ein Teich oder Nistkästen eher Allerweltsarten anlocken. Da erscheint es sinnvoller, gezielt Biotope zu unterstützen. So hat der BN jüngst eine 15000 Quadratmeter große Sandheidefläche in Kornburg angelegt und ein Biotop im Westen des Volksparks Marienberg neu gestaltet, in dem auch die stark gefährdete Knoblauchkröte laicht. Sie steht auf der Roten Liste in Bayern auf Platz zwei.
Sie laden hier morgen ab 14Uhr zum Faltertag ein.
Dötsch: Wir wollen an diesem Tag die Menschen für diese Tiere begeistern. Tagfalter sind sogenannte Bioindikatoren: Wo diese Insektengruppe artenreich vertreten ist, existiert allgemein eine hohe biologische Vielfalt und die Landschaft befindet sich im Gleichgewicht. Das ist jedoch immer seltener der Fall. Zuletzt wurden in Nürnberg 63 Arten gezählt, 22 gelten als gefährdet.
Was erhoffen Sie sich vom Uno-Gipfel Rio+20, der heute endet?
Dötsch: Ich wünsche mir für uns in Mitteleuropa mit Blick auf die Biodiversität, dass wir die rigorose Flächenvernichtung einschränken und endlich den Schritt in eine ökologische Stadtplanung wagen.
Und wo sehen Sie hier Nürnberg?
Dötsch: Nürnberg würde ich dabei als Durchschnitt werten. Die Erkenntnis ist vorhanden, wird aber immer wieder gerne ignoriert.
Infos unter www.nuernberg-stadt.bund-naturschutz.de

