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Protest im Brautkleid

Organisationen kämpfen für mehr soziale Gerechtigkeit - 09.10. 19:01 Uhr

Nürnberg  - Die Mitwirkenden bewiesen Einfallsreichtum und auch das Wetter spielte mit: Die am Samstag in der Karolinenstraße ins Leben gerufene „Sozialmeile“, auf der 36 Organisationen für mehr soziale Gerechtigkeit demonstrierten, feierte eine gelungene Premiere.

Pflastersteine als Laufsteg: Vor der Lorenzkirche veranstaltet die Stadtmission eine Modenschau mit Secondhandkleidung aus ihren Allerhand-Läden. Die Braut trotzt den kühlen Temperaturen und zieht alle Blicke auf sich.
Pflastersteine als Laufsteg: Vor der Lorenzkirche veranstaltet die Stadtmission eine Modenschau mit Secondhandkleidung aus ihren Allerhand-Läden. Die Braut trotzt den kühlen Temperaturen und zieht alle Blicke auf sich.
Foto: Horst Linke
Pflastersteine als Laufsteg: Vor der Lorenzkirche veranstaltet die Stadtmission eine Modenschau mit Secondhandkleidung aus ihren Allerhand-Läden. Die Braut trotzt den kühlen Temperaturen und zieht alle Blicke auf sich.
Pflastersteine als Laufsteg: Vor der Lorenzkirche veranstaltet die Stadtmission eine Modenschau mit Secondhandkleidung aus ihren Allerhand-Läden. Die Braut trotzt den kühlen Temperaturen und zieht alle Blicke auf sich.
Foto: Horst Linke

„Hätten Sie auch gern ein Arbeitsplätzchen?“, fragt eine Mitarbeiterin der Stadtmission, die in der Fußgängerzone in Folie verpackte Kekse feilbietet. „Mit dieser Aktion wollen wir auf die steigende Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslose aufmerksam machen“, erzählt Thomas Warnken am Stand der Stadtmission, an dem man einen Wissenstest „Für mehr soziale Gerechtigkeit“ machen kann. Die Stadtmission unterhält in Nürnberg 46 verschiedene Einrichtungen, das Spektrum reicht dabei von Hilfen für Wohnungslose bis zur Aidsberatung. „Wir treten für Menschen ein, die sich in besonders schwierigen Lebenssituationen befinden“, fasst Warnken zusammen, „und demonstrieren hier auf der Sozialmeile für eine sozialere Gesellschaft.“



Auch bei der Programmgestaltung — vor der Lorenzkirche ist eine Bühne aufgebaut — ist die Stadtmission mit einer Modenschau dabei: Mitarbeiter der drei Allerhand-Gebrauchtwarenläden präsentieren Secondhand-mode. Mit keckem Hüftschwung und einem Lächeln im Gesicht zeigen die Laien-Models unter dem Beifall des Publikums anfangs eine Auswahl von Alltagskleidung. Dann folgt die Abendgarderobe, den Höhepunkt bildet eine junge Braut in einem schulterfreien Hochzeitskleid.

„Das Brautkleid ist mit 20 Euro so ziemlich das teuerste Stück in unseren Läden“, weiß Einrichtungsleiterin Petra Homburg. In den Allerhand-Geschäften können bedürftige Nürnberger für wenige Euros Mode aus zweiter Hand und kleine Haushaltsgegenstände erstehen. „Die Zahlen steigen, wir haben immer mehr Kunden“, sagt Homburg.

Sozialmeile lockte Neugierige

Das Nürnberger Sozialbündnis macht mobil: Mit Wortwitz und schwarzem Humor buhlen die Organisationen um die Aufmerksamkeit der Passanten. „Rentenlösung durch die Hinscheidepille. Hier vor Ort!“ — steht in großen Lettern auf einem Plakat. Davor verteilt Winfried Barnickel von den Nürnberger ver.di-Senioren Infoblätter und bunte Smarties. „Mit besten Empfehlungen an die Regierung“, sagt er augenzwinkernd. Immer wieder bleiben Passanten stehen und unterschreiben am Stand die Forderung nach einer kostenfreien Ausbildung in der Altenpflege.

Einige Meter weiter macht sich das Nürnberger Sozialforum mit seiner Forderung „Busse und Bahnen müssen alle fahren — nicht nur die, die es sich leisten können“ für ein Sozialticket stark.

Mit Schildern wie „1-Euro-Sklave“ oder „Leiharbeitssklave“ und einer „Hartz IV“-Gefängniskugel an der Kette schlendern Mitglieder von der Aktionsgemeinschaft Nürnberger Arbeitsloser (ANA) durch die Fußgängerzone und ziehen die Blicke der Leute auf sich.

Die größte Aufmerksamkeit an diesem Samstagnachmittag erregt jedoch ein Straßenkünstler, der die Gunst der Stunde nutzt. In eine braune Mönchskutte gehüllt, schwebt er stumm und bewegungslos über einem Teppich. „Mama, da sitzt einer und fliegt“, sagt ein Mädchen. Mit kurzem Kennerblick antwortet die Mutter: „Da ist ein Gestell unter seinem Gewand versteckt, verbunden mit dem Stock — darauf sitzt er.“ 



VON CLAUDIA BEYER - Lokales Nürnberg

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