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Rechtsanwalt rät zu offenem Umgang

Eser Polat im Interview zur Gewalt junger Migranten - 26.08. 07:00 Uhr

Nürnberg  - Er ist Gastarbeitersohn und Rechtsanwalt: Eser Polat (32) verteidigt einen der sechs jungen Männer, die während einer nächtlichen Prügelorgie acht Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt haben sollen. Über den Zusammenhang von Gewalt und Migrationshintergrund redet er Klartext wie wenige im Land.



Rechtsanwalt Eser Polat ist für eine offene Diskussion beim Thema Migranten und Gewalt.
Rechtsanwalt Eser Polat ist für eine offene Diskussion beim Thema Migranten und Gewalt.
Foto: Eduard Weigert

Herr Polat, dass bei Gewalttaten junge Männer ausländischer Herkunft beteiligt sind, wird ungern offengelegt. Niemand will Ausländerfeinden und Rechten in die Hände spielen. Eine begründete Vorsicht?

Eser Polat: Nein, denn sie führt nur dazu, dass die Probleme unter den Teppich gekehrt und nicht offengelegt werden. Es steht leider fest, dass junge Männer mit muslimischem Hintergrund überproportional häufig an Gewalttaten beteiligt sind. Ähnliches gilt übrigens auch für junge Russlanddeutsche. Ich bin absolut dagegen, das zu tabuisieren. Menschen mit ausländerfeindlichen Ansichten bringen sie so oder so nicht von ihren Überzeugungen ab. Wenn wir aber nicht endlich lernen, wertfrei, wohlgemerkt wertfrei darüber zu sprechen, werden wir die Probleme nicht lösen.

Warum ist das so schwer?

Polat: Es fehlt in Deutschland die Fähigkeit, die Facetten zwischen Schwarz und Weiß zu sehen. Die Debatte spielt sich immer zwischen extremen Polen ab. Die einen fordern reflexartig "Alle ausweisen, kein EU-Beitritt für die Türkei", die anderen sagen "Da hätten doch auch Hans oder Hermann zuschlagen können". So kommt man nicht weiter. Auch der gut gemeinte Multikulti-Schmusekurs ist schlecht. Ein Gewalttäter trägt für jeden einzelnen Faustschlag die Verantwortung und muss bestraft werden. Doch über die Hintergründe gerade dieser Problemgruppe muss man offen und unverkrampft sprechen dürfen.

Sie sind der Sohn türkischer Aleviten und Deutscher. Uns interessiert Ihre Sicht, gerade auf die Rolle der Religion.

Polat: Der Islam selbst ist nicht das Problem, eher, was Menschen aus ihm machen. Es fehlt dem Koran so etwas wie das Neue Testament des Christentums, das den Menschen als schützenswert in den Mittelpunkt gestellt hat, es fehlt ein aufgeklärter, humanistischer Aspekt. Der konservative Islam ist von übertriebenem Männlichkeitskult geprägt. Der Mann herrscht über Frau und Familie, und das beinhaltet auch ein Züchtigungsrecht, psychisch wie physisch.

Was macht das mit jungen Männern, die unter solchen Bedingungen hier aufwachsen?

Polat: Das ist nicht gut für das Selbstwertgefühl. Alle jungen Gewalttäter haben Probleme mit dem Selbstbewusstsein. Die große Abhängigkeit von einem mächtigen Vater, der Freiheitsrechte verwehrt oder zugesteht, trifft schließlich nicht nur die muslimischen Mädchen, sondern auch die Jungs. Wir aber wissen längst: Wer zuschlägt, ist nicht stark und souverän, er ist schwach und verunsichert.

Ist nicht mancher Faustschlag, der Unschuldige trifft, eine Quittung für nicht gemachte Hausaufgaben in der Integrationspolitik?

Polat: Zu hundert Prozent, das ist so. Es ist bis heute nicht gelungen, diesen jungen Leuten hier ein Heimatgefühl zu geben. Sie haben überhaupt kein Wir-Gefühl, ihre Eltern sind oft konservative Muslime, die sich abschotten und den "ungläubigen" Deutschen reserviert bis ablehnend gegenüberstehen. Ihnen reicht es, wenn der Sohn ein guter Türke ist. Ob er die deutsche Sprache beherrscht, ist dann nicht so wichtig.

Wie könnte ein solches Heimatgefühl entstehen?

Polat: Ich habe darauf keine Antwort, aber ich weiß, dass die überfällige Identitätsdebatte endlich losgehen muss. Ich kenne die deutsche Traumatisierung aus der Geschichte, den Widerwillen, über eine Leitkultur und Ähnliches zu sprechen. Aber ich finde es brandgefährlich, das Thema weiter zu verteufeln.

Wer keinen Schulabschluss hat, wird eher zum Täter als ein Gymnasiast. Migranten scheitern überdurchschnittlich häufig.

Polat: Inzwischen hat man immerhin erkannt, dass gute Sprachkenntnisse schon vor Schulbeginn und vor der Einreise ins Land sein müssen. Dass sich der Staat hier in die Familien einmischt, halte ich für absolut gerechtfertigt. Leider schlägt die deutsche Gesellschaft jungen Migranten immer noch zu viele Türen vor der Nase zu. Es ist abstrus, welches Potenzial hier vergeudet wird.

Sie sind das beste Beispiel dafür, dass es auch anders geht.

Polat: Ich hatte viel Glück und deutsche Nachbarn im Haus, die mich als Kind sehr unterstützt haben. Ich bin und fühle mich noch viel länger als Deutscher, engagiere mich für die FDP in Nürnberg. Doch von Zufällen darf Integration nicht abhängig sein. Besser wäre ein herzliches Willkommen, das sagt: Dir stehen bei uns alle Türen offen, wir unterstützen dich, aber du musst dich an unsere Hausordnung halten. Wer das nicht tut, muss schnell und hart bestraft werden.

Aber die Justiz ist bekanntlich überlastet, oft verstreicht viel Zeit zwischen Tat und Prozess.

Polat: Wenn das Urteil spät kommt oder zu lax ausfällt, geht gerade bei jungen Machos der Respekt vor dem Rechtssystem verloren. Ich fände es richtig, Jugendliche, die zum ersten Mal als Gewalttäter auffallen, in Arrest zu nehmen. Gleichzeitig muss man ihnen die Hand reichen und sehen, was man für sie tun kann.

Einige der jungen Schläger, von denen sie einen vertreten, waren im Boxclub aktiv. Hätten die besser Tischtennis spielen sollen?

Polat: Das ist eigentlich wie mit dem Islam: Nicht die Religion, nicht die Sportart oder die Trainer sind schuld, wenn im Umfeld Gewalt geschieht, sondern die Menschen selbst. Beim Boxen lernt man ja gerade, fair zu sein, man trifft mit Sportlern unterschiedlicher Herkunft zusammen und muss mit ihnen klarkommen. 





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