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Tierisch was los

Blick hinter die Kulissen am Schmausenbuck - 03.12.11

Nürnberg  - Im Winter ticken die Uhren langsamer. Auch im Nürnberger Tiergarten. Aber hinter den Kulissen läuft die Arbeit weiter. Zehn Volontäre der Nürnberger Nachrichten haben sich zwischen Eisbärgehege, Affenhaus und Delfinlagune umgesehen und sich an die Fersen der Mitarbeiter geheftet.

Eine Liebe, die wachsen musste. Gorilla Hakuna Matata holt sich Zärtlichkeiten von Pflegerin Ramona Such ab.
Eine Liebe, die wachsen musste. Gorilla Hakuna Matata holt sich Zärtlichkeiten von Pflegerin Ramona Such ab.
Foto: Horst Linke
Eine Liebe, die wachsen musste. Gorilla Hakuna Matata holt sich Zärtlichkeiten von Pflegerin Ramona Such ab.
Eine Liebe, die wachsen musste. Gorilla Hakuna Matata holt sich Zärtlichkeiten von Pflegerin Ramona Such ab.
Foto: Horst Linke

Der mächtige weiße Eisbär bäumt sich mannshoch auf. Seine breiten Pranken krachen auf die Käfigtür. Die schwarzen, scharfen Krallen sind bedrohlich ausgefahren. Futterkonkurrenz sieht Eisbär-Männchen Gregor nie gerne und verteidigt mit sonorem Brüllen sein Revier. Übersetzt: „Hier bin ich der Macker, zieh’ Leine!“ Thorsten Christ, Revierleiter des Aquaparks, quittiert den Bärenaufstand mit einem routinierten „Der verschafft sich bloß Respekt“. Der „Eisbärenflüsterer“ kennt die Launen, Ängste und Bedürfnisse all seiner pelzigen Schützlinge. Auch bei der Aufzucht von Eisbären-Baby Flocke war er hautnah dabei. „Vera“, erzählt er über Flockes Mutter, „ist eine ganz Liebe, sie hat einen sehr sanften Charakter.“ Als ob sie den Schmeicheleien des Pflegers gelauscht hätte, legt die Eisbärin ihre große Flauschpfote an die Gitterstäbe und brummt behaglich. Zur Belohnung gibt’s ein saftiges Stück Fleisch. PHILIP HAUCK


Beim Fressen lieben Zootiere Pünktlichkeit. Wenn die Pfleger — wie hier bei den Seehunden — das Futter bringen, warten sie bereits.
Beim Fressen lieben Zootiere Pünktlichkeit. Wenn die Pfleger — wie hier bei den Seehunden — das Futter bringen, warten sie bereits.
Foto: Horst Linke
Beim Fressen lieben Zootiere Pünktlichkeit. Wenn die Pfleger — wie hier bei den Seehunden — das Futter bringen, warten sie bereits.
Beim Fressen lieben Zootiere Pünktlichkeit. Wenn die Pfleger — wie hier bei den Seehunden — das Futter bringen, warten sie bereits.
Foto: Horst Linke

„Seit meiner Schulter-OP ist das Chaos noch etwas größer. Da ist einiges liegen geblieben.“ Helmut Mägdefrau steht in seinem kleinen Büro zwischen Aktenbergen. Auf zwei Schreibtischen türmen sich Papierstapel, die Holzregale in dem Dachzimmer sind voll mit Fachbüchern und Zeitschriften. „Aber ich finde immer alles“, sagt Mägdefrau. Als stellvertretender Direktor verbringt der 57-jährige Zoologe die meiste Arbeitszeit nicht im Freien, sondern hier. Seine Hauptaufgabe ist der Tiertausch. Für Zoos in ganz Europa regelt er den Verbleib von Schabrackentapiren und Seekühen. Dazu beschäftigen Mägdefrau ganztägig E-Mails „von Hinz und Kunz“. Er gibt Fachauskünfte und berät auch mal private Schlangenhalter, die ihre Tiere abgeben wollen. Die Arbeit draußen vermisst er. An der Wand hängen Urlaubsbilder vom Radeln durch die Sahara und einer Tour auf einen Tafelberg in Venezuela. „Wenn ich mich ärgere, schau ich die Bilder an. Dann geht’s mir wieder gut.“ SABINE TÄUBER


Gepflegte Tropenwelt: Chefgärtner Paul Stiller (links) mit seinem Kollegen Jörg Maußner im Manatihaus.
Gepflegte Tropenwelt: Chefgärtner Paul Stiller (links) mit seinem Kollegen Jörg Maußner im Manatihaus.
Foto: Horst Linke
Gepflegte Tropenwelt: Chefgärtner Paul Stiller (links) mit seinem Kollegen Jörg Maußner im Manatihaus.
Gepflegte Tropenwelt: Chefgärtner Paul Stiller (links) mit seinem Kollegen Jörg Maußner im Manatihaus.
Foto: Horst Linke

Seine Beliebtheit hält sich in Grenzen. Dabei ist er der Helfer in der Not. Doch wenn Tierarzt Hermann Will mit dem Betäubungsgewehr oder Blasrohr anrückt, wissen viele Viecher, was die Stunde geschlagen hat, und verstecken sich. Seit 16 Jahren versorgt Will kranke und verletzte Zoobewohner — doch manchmal steht selbst er noch vor medizinischen Rätseln: Zurzeit bereitet ihm ein Pinguin Kopfzerbrechen, der am Rücken Fell verliert. Häufig sind es jedoch auch die Besucher, die die Tiere krank machen, wenn sie Brot, Kekse oder Pommes verfüttern — eine Unart, die zu gefährlichen Durchfallerkrankungen führen kann. Apropos gefährlich. Auch Will muss ständig auf der Hut sein. „Zootierarzt ist kein ganz ungefährlicher Beruf“, erzählt er. Als warnendes Beispiel dient ihm das Unglück eines Kollegen, dem ein aus der Narkose erwachter Gorilla einen Finger abgebissen hat. Die Beliebtheit hält sich eben in Grenzen. JULIAN FRANZKE


Geduldige Fotomotive: Eine Seekuh im neuen Delfinarium hält brav still für das Erinnerungsfoto einer Besucherin.
Geduldige Fotomotive: Eine Seekuh im neuen Delfinarium hält brav still für das Erinnerungsfoto einer Besucherin.
Foto: dpa
Geduldige Fotomotive: Eine Seekuh im neuen Delfinarium hält brav still für das Erinnerungsfoto einer Besucherin.
Geduldige Fotomotive: Eine Seekuh im neuen Delfinarium hält brav still für das Erinnerungsfoto einer Besucherin.
Foto: dpa

Tierpflegerin Ramona Such nimmt ein paar Äste aus der Hand von Hakuna Matata und seufzt. Die Gorilladame hat die Zweige sorgfältig zerbrochen. „Danke schön. Aber das Gestrüpp habe ich dir doch gerade erst reingelegt“, sagt sie mit warmer Stimme. Das Verhältnis zwischen der Revierleiterin des Affenhauses und dem Gorilla ist innig. Das war nicht immer so. Die erste Zeit im Affenhaus war für Such „die Hölle“. Die Tiere traktierten die kräftige, 1,78 Meter große Tierpflegerin mit der Kurzhaarfrisur mit Fäkaliengeschossen und selbst gebastelten Speeren. Es dauerte, bis die Gorillas Such vertrauten. Aber Männer hätten es wohl noch schwerer gehabt. In ihnen sieht vor allem Alphatier Fritz Konkurrenten. Unter den Tierpflegern sind die Frauen aber ohnehin auf dem Vormarsch. Seit technische Hilfen die schwere Arbeit erleichtern, tritt der körperliche Aspekt in den Hintergrund. Umso mehr zählt, dass zwischen Pfleger und Tier eine Beziehung aufgebaut wird. 80 Prozent der Berufsanfänger sind mittlerweile weiblich. „Das gute Verhältnis macht es eben aus“, sagt Such. STEFAN BERGAUER


Lebenswichtige Technik: Thomas Schiller auf Kontrollgang in der Heizungsanlage unter dem Manatihaus.
Lebenswichtige Technik: Thomas Schiller auf Kontrollgang in der Heizungsanlage unter dem Manatihaus.
Foto: Horst Linke
Lebenswichtige Technik: Thomas Schiller auf Kontrollgang in der Heizungsanlage unter dem Manatihaus.
Lebenswichtige Technik: Thomas Schiller auf Kontrollgang in der Heizungsanlage unter dem Manatihaus.
Foto: Horst Linke

Brillenträgern beschlagen im Manatihaus erst einmal die Gläser. Die Luft ist tropisch warm und feucht. Doch wenn sich der „Nebel“ lichtet, finden sie sich in einer anderen Welt wieder: Stattliche Bäume ragen in das acht Meter hohe Glasdach, das Wasser im Seekuhbecken plätschert friedlich, bunte Schmetterlinge tanzen Besuchern vor der Nase herum. „Vor einem halben Jahr war die Halle hier noch komplett leer“, erzählt Chefgärtner Paul Stiller. Gut 20 exotische Baumarten wie die Kokospalme oder den Papayabaum hat er gemeinsam mit einem Kollegen gepflanzt. Jetzt ist die grüne Oase ein Arbeitsplatz, der gepflegt werden will: „Die Besucher wollen schließlich was Schönes fotografieren.“ Und manchmal bekommen die Gäste bei ihrem Rundgang sogar einen Extra-Genuss unter die Nase gehalten: „Riechen Sie mal an diesem Blatt“, empfiehlt Gärtnermeister Jörg Maußner einer Frau. In seinen Händen hält er das Blättchen einer Pimentpflanze. Und die duftet nach Weihnachten. Besser könnten die Besucher auf die besinnliche Zeit kaum eingestimmt werden. ULLA MECKLER



Schon wieder klingelt Thomas Schillers Telefon. Ein Kollege am anderen Ende des Tiergartens braucht dringend einen Schlüssel und den hat nur er. Schiller ist hier der technische Leiter und ohne seine Arbeit hinter den Kulissen würde der Tiergarten nicht funktionieren. Unter der neuen Delfinlagune kontrolliert er ein verwirrendes Reich aus Rohren, Pumpen, Kabeln und Knöpfen. In manchen Räumen ist es unerträglich heiß, in anderen unglaublich laut, wie im Maschinenraum eines großen Schiffes. Mit einem Computer steuert Schiller auch die Heizungen im Tiergarten. Die Wassertemperatur im tropischen „Manatihaus“ etwa darf nicht unter 24 Grad fallen, sonst wird es lebensbedrohlich für die Seekühe. „Wenn die Heizung ausfällt, kann es schon mal hektisch werden.“ Direkten Kontakt mit den Tieren hat er aber nur selten. „Mir fällt eher auf, wenn irgendwo ein Dachziegel runtergefallen ist, als wenn wir ein neues Tier haben“, erzählt Schiller lachend, während er mit seinem kleinen Elektroauto schon wieder über die Anlage düst. SEBASTIAN GLOSER

Den gelben Brief hat sie an die Innenseite ihrer Schranktüre geklebt. „Bitte importieren Sie keine Delfine mehr“, steht dort handschriftlich mit schwarzem Edding geschrieben. Fast täglich landet solche Post bei Nicola Mögel. Den oft aufgeladenen Emotionen versucht die Pressesprecherin des Tiergartens mit Wissen zu begegnen. Krisenkommunikation ist Alltag für Mögel. Als „Krise“ bezeichnet Mögel auch die unmittelbare Zeit nach März 2008, als sie zum Tiergarten kam. „Der Flocke-Wahnsinn musste bewältigt werden“, sagt Mögel. 150 Anrufe täglich, Medienanfragen aus der ganzen Welt. Inzwischen erinnert nur noch ein kleines, handgemaltes Fan-Bild an der Wand hinter Mögels Schreibtisch an den ehemaligen Tiergarten-Star, der 2010 in einen südfranzösischen Zoo umzog. Mögel blieb. Kaum war Flocke weg, sorgten die Pläne für den Bau der Lagune für jede Menge Wirbel. Trotz der vielen Arbeit, die das brachte, ist die Delfinanlage noch immer Mögels Lieblingsplatz. „Ich gehe oft dorthin“, sagt sie. „Das ist wie ein Kurzurlaub.“CHRISTINA MERKEL

Die Tigeraugen blicken starr. Zwei Menschen soll die Bestie in einem indischen Dorf getötet haben. Jetzt liegt ihr ausgestopfter Kopf reglos auf einem Tisch im Keller des Naturkundehauses. Es riecht modrig. „Eine Witwe hat den Kopf gespendet“, sagt Hans Lichei. Der Zoopädagoge ist Herr über insgesamt 3000 Präparate, die im Naturkundehaus des Tiergartens lagern. Ans Tageslicht kommen sie nur für Ausstellungen oder Führungen. Neben ausgestopften Füchsen, Eichelhähern oder Rehgebissen hat sich in den letzten Jahren eine regelrechte Kuriositätensammlung angehäuft. In einem hinteren Raum verbirgt sich in einer Glasvitrine ein ausgestopfter Vogel, der in Grün, in Gelb und Orange leuchtet. „Carolina-Sittich, ausgerottet zu Beginn des 20. Jahrhunderts“, steht auf dem Schild darunter geschrieben. „Auch vieles, was der Zoll beschlagnahmt, landet irgendwann bei uns“, erzählt Lichei und deutet auf die Regalreihen. Billardkugeln aus Elfenbein lagern dicht an dicht neben verblassten Korallen. An der Wand steht ein hohler Elefantenfuß. „Ein Mülleimer“, erklärt Lichei knapp. Auswüchse menschlichen Irrsinns. HANNI KINADETER

10.30 Uhr im Streichelzoo. Es geht beschaulich zu. Unter der Woche sind so früh am Morgen noch keine Kinder da. Mit einer großen Schubkarre voll Heu betritt Tierpfleger Guido Frank die untere Koppel des Ponygeheges. „Es ist Zeit für eine kleine Mittagsportion.“ Erwartet wird er schon von Graziella, dem grauen Shetlandpony mit weißblondem Schweif, das ihn auch heute wieder neugierig beschnuppert. Sorgfältig verteilt Guido Frank das Heu in der viereckigen Futtertraufe. Leitstute Graziella fängt als Erste zu fressen an. Dann beginnen auch die anderen vier Ponys um sie herum schmatzend zu kauen. Guido Frank beobachtet genau, ob auch Mira genug bekommt. Das braunweiß gefleckte Pony ist mit einem Unterbiss zur Welt gekommen. Einmal im Jahr muss der Zahnarzt ihre Backenzähne abschleifen, damit sie richtig fressen kann. „Sonst würde sie zu dünn werden.“ Doch Mira schmeckt es heute sichtlich. Das Heu verfängt sich in ihrem buschigen, blonden Schweif. Zufrieden beobachtet Frank die Tiere. „Wenn sie fressen, sind sie glücklich“. Und er auch. EDITH AVRAM

Vorsichtig tapst die beige Maus durch ihren Käfig. Mit kleinen Knopfaugen beobachtet sie, was um sie herum passiert. Putzig sieht die Farbmaus aus — sterben muss sie trotzdem bald. Der Futterhof ist die Versorgungszentrale des Tiergartens. Jeder Apfel, jede Kartoffel und jeder Salatkopf kommen hierher, bevor sie in die Gehege wandern. Und weil nicht alle Tiere Vegetarier sind, landen hier jährlich auch 150 bis 200 zerteilte Rinder, sagt Futterhof-Chef Alois Ehrnsperger. 1000 Euro täglich kostet das Fressen, und dazu zählen auch Mäuse, Ratten und Kaninchen, die hier jetzt noch liebevoll gepflegt werden. Manchmal kommt das Futter für die großen Raubtiere aber auch aus dem Tiergarten selber, wenn es bei Büffeln, Antilopen oder Hirschen zu viel Nachwuchs gibt. Was die Besucher wohl gar nicht so genau wissen wollen, sieht Ehrnsperger ganz nüchtern. „Man muss sich einfach zum Kreislauf der Natur bekennen.“ JULIA VOGL
  




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