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Sie hat sich in den Daumen geschnitten. Sylvia Jarvén hält den weißen Verband mitten auf der Oberen Karlsbrücke wie eine Trophäe hoch und strahlt, als hätt’s nicht wehgetan. Kunst hat Kosten, das weiß die schmale 22-Jährige aus Finnland seit dem letzten Winter ganz genau.
Bei 25 Minusgraden drehte sie da eine halbe Stunde lang mit Blick auf eine Brücke des verschneiten Städtchens Nykarleby. Ein Film, der frösteln macht und in der hoffentlich lauen Blauen Nacht auf eine Leinwand projiziert werden wird.
Die hat viele Fransen und wird zwischen die Obelisken der Karlsbrücke auf ein Gestell gespannt. „Die Menschen sollen eintauchen in eine fremde Welt, eine geistige Brücke schlagen von der kalten zur warmen Seite und umgekehrt“, sagt Sylvia Jarvén und schaut keck zwischen den Stoffbahnen hervor, die im Sommerwind flattern. Passanten halten das Ganze für ausgeflippte Modeaufnahmen. In Wirklichkeit ist es eine kleine Generalprobe.
Bei einem Praktikum hat Sylvia Jarvén Nürnberg und ein paar Nürnberger kennengelernt. Also hält Künstlerkollege Florian Tuercke bei der Probe einen Zipfel der Leinwand links, den anderen rechts ein überraschter Dietrich Kappler, der zufällig vorbeikam und spontan mithilft. Ihren Film zeigt die Finnin vorerst nur auf einem Laptop, das sie mitgebracht hat. So viel sei verraten: In Finnland geht die Sonne nachmittags unter.
Da klappt den Schulkindern schon seit Tagen die Kinnlade runter. Plötzlich liegt ein blaues Haus an ihrem Heimweg, das vom Garagentor bis zur Satellitenschüssel am Dach mit 400 Litern Royalblau besprüht worden ist. Kein Fitzelchen haben gut drei Dutzend freiwillige Helfer ausgelassen; Computertisch und Blumenvase, Gummistiefel und Fensterscheiben, Dachziegel und Ehebett, alles blaugemacht.
Bernd Hendl, der das schmale Reihenhaus zwischen Tratzenzwinger und Krakauer Turm gekauft hat und sanieren will, hat sich von seinen Architekten anstecken lassen. Fünf Minuten habe es gedauert, bis ihm Patrick Schreiner und Alexander Kromer die Idee vom Farbrausch untergejubelt hatten.
Die „Hausblaumacher“ sind Quereinsteiger, für den offiziellen Kunstwettbewerb der Blauen Nacht hat die Zeit nämlich nicht mehr gereicht. Zu dritt lümmeln sie im kitzblauen Bett. Alles Sperrmüll, der Rest gesponsert, grinsen die Herren. Die nächtlichen Besucher dürfen alles anfassen, sie werden bis hoch zur Stadtmauer durchs Haus geschleust und kehren beim Tratzenzwinger wieder auf die Straße zurück. Unterwegs nährt blaues Fingerfood. Nur das Bier, sagt Bernd Hendl, das bleibt wie es ist.
Wer schon auf schmalen Stegen durch Venedigs Hochwasser balanciert ist, wird sich im Gewölbekeller des Pellerhauses wie im Urlaub fühlen. Acqua Alta, blaues Hochwasser ist vorhergesagt, und Christine Stubenvoll von den Altstadtfreunden stapelt gerade Camparifläschchen auf Weinkartons. Der steile Abstieg über die historische Treppe wird die Gäste garantiert durstig machen.
Kaum einer kennt die riesige Halle mit den mächtigen Sandsteinsäulen, der unterm Pellerhaus liegt und noch weit und leer ist. In der Blauen Nacht wird sich Martin Pellers (1559—1629) Keller mit italienischer Musik, Venedig-Fotos vom Hochwasser in 3D und vielen Menschen füllen. Den Hausherrn hätte das bestimmt gefreut, Venedig war seine zweite Heimat.
Mo. 21.05.12
So. 20.05.12
So. 20.05.12
So. 20.05.12
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