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Übergriff im Tiefschlaf: Vom Bruder missbraucht

Drei Jahre Haft - Im Herbst kommt das Kind - Mutter denkt über Umzug nach - 27.08.2008

Ein 39-jähriger Mechaniker wurde vom Schöffengericht des Amtsgerichts zu drei Jahren Haft verurteilt, da er seine Schwester im Schlaf missbrauchte. Sie ist nun schwanger, das Kind kommt in diesem Herbst.

Ein 39-jähriger Mechaniker wurde vom Schöffengericht des Amtsgerichts zu drei Jahren Haft verurteilt, da er seine Schwester im Schlaf missbrauchte. Sie ist nun schwanger, das Kind kommt in diesem Herbst. © Colourbox


Im April merkte Martina M., dass sie schwanger war. Komisch, dachte sich die 37-Jährige, ihr Ehemann war doch schon seit einem Jahr ausgezogen, hatte sie wegen eines Kurschattens mit den drei Kindern allein in dem Haus in einem kleinen Dorf bei Nürnberg zurückgelassen. Die Scheidungsurkunde ist längst zugestellt.

Film über Geschwisterliebe gesehen

Und einen Freund hatte Martina M. (alle Namen geändert) nicht, nur ihr Bruder Hans lebte mit im Haus. Da keimte in der Frau ein schrecklicher Verdacht - aber wie sollte das zugegangen sein? Sie ging zur Polizei. Dort wunderten sich die Beamten über die seltsame Sache, doch dann gestand der zwei Jahre ältere Hans. In der Nacht vom 19. auf den 20. Februar hatte er im Fernsehen eine Geschichte über Geschwisterliebe gesehen - und fiel erregt über die schlafende Schwester her. Martina M. schluckte seit Monaten Schlaftabletten und Anti-Depressiva, sie leidet unter der Trennung vom Ehemann. Im Tiefschlaf bekam sie von dem Übergriff nichts mit.

Ein halbes Jahr später steht auf der Sitzungsliste von Amtsrichterin Ilonka Mehl «Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen«, der Angeklagte sitzt seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft und Martina M. hat einen Bauch. Im Herbst kommt das Kind. Ob man ihr die Aussage zumuten könne, will der Verteidiger des Angeklagten, Bernd Ophoff, wissen, es sei doch eine Qual.

Gerüchteküche brodelt

Doch tatsächlich hat die Frau, die alleine für drei Kinder sorgt, weit mehr zu bewältigen als die Minuten vor dem Amtsgericht: Die Familie tobt - nicht alle sind der Meinung, dass es recht war, das Unrecht anzuzeigen. Und in den letzten Monaten änderte ihr Bruder seine Aussage, stritt alles ab. Ein Gutachten wurde nötig, doch Leugnen war von da an zwecklos.

Dazu brodelt in ihrem Dorf die Gerüchteküche, denn dass Hausfrau Martina M. keinen Freund hat, weiß jeder. Und dass ihr Bruder bei ihr Unterschlupf fand, entging auch keinem der neugierigen Blicke. Enden wird der Dorftratsch nie - wächst doch unter ihrem Herzen der lebendige Beweis heran.

Abtreibung kam nicht in Frage

Haben Sie nie an eine Abtreibung gedacht?« will eine Schöffin wissen und Martina M. schüttelt den Kopf. «Abtreibung? Ich bin so erzogen, dass dies nicht in Frage kommt.« Erst auf Nachfrage von Staatsanwältin Anita Traud und Nebenklägerin Andrea Kühne räumt sie ein, dass sie heute auch wütend auf ihren Bruder ist - doch Mittelpunkt ihrer Sorge ist das Kind. Bislang scheint es sich gesund zu entwickeln, über eine eventuelle geistige Krankheit kann noch keine Aussage getroffen werden.

Die Verhandlung ist dem Angeklagten peinlich, doch eine Entschuldigung kommt ihm nicht über die Lippen. Er will helfen, wenn er in drei Jahren aus der Haft kommt. «Wir hatten kein Geschwister-Verhältnis, ich habe sie eher als Freundin gesehen«, äußert er und Nebenklägerin Andrea Kühne kontert: «Man missbraucht auch keine Freundinnen im Schlaf.« Heute legt Martina M. auf seine Hilfe keinen Wert. Sie will an einem anderen Ort neu anfangen. Damit keiner mit dem Finger auf ihr Kind zeigt. 

Ulrike Löw

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