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„Wahre Heimat“

Film „15 Jahre später“: Türken über Nürnberg - 27.11. 09:52 Uhr

Nürnberg  - Mit dem Streifen „15 Jahre später“, der am Sonntag erstmals im Südpunkt gezeigt wird, leistet das deutsch-türkische Ehepaar Gülseren Suzan und Jochen Menzel einen filmischen Beitrag zur Integrationsdebatte, der aus dem Rahmen fällt.


Die deutsch-türkische Filmemacherin Gülseren Suzan (rechts) zeigt Ertan, einem der Protagonisten, Szenen aus "15 Jahre später".
Die deutsch-türkische Filmemacherin Gülseren Suzan (rechts) zeigt Ertan, einem der Protagonisten, Szenen aus "15 Jahre später".
Foto: oh
Die deutsch-türkische Filmemacherin Gülseren Suzan (rechts) zeigt Ertan, einem der Protagonisten, Szenen aus "15 Jahre später".
Die deutsch-türkische Filmemacherin Gülseren Suzan (rechts) zeigt Ertan, einem der Protagonisten, Szenen aus "15 Jahre später".
Foto: oh

Schon 1995, lange bevor das Thema „Integration“ Talkshows, Stammtische und Feuilletons gleichermaßen eroberte, richteten Gülseren Suzan und ihr Mann Jochen Menzel ihr Kamera-Objektiv erstmals auf die in Nürnberg lebenden Türken. Damals, als „Menschen mit Migrationshintergrund“ noch schlicht „Ausländer“ hießen, zeigten sie Vertreter der zweiten Generation: Junge Männer und Frauen, die trotz des Titels „Heimaten — Deutsche Türken“ sich weder der Türkei noch Deutschland wirklich zugehörig fühlen konnten. Junge Männer und Frauen ohne Vorbilder, die trotz dieses inneren Konflikts und alltäglicher Ausgrenzungen versuchten, ihren Weg im Leben zu finden.

Rückblick in die 90er

„15 Jahre später“ folgen Suzan und Menzel mit ihrem gleichnamigen Film wieder den Protagonisten von damals und zeigen, was aus den zerrissenen jungen Menschen von einst geworden ist. Es gibt ein Wiedersehen mit Rapper Alper, der seinen Frust über die Lage in Deutschland künstlerisch

verarbeitete: Kurz nach den Brandanschlägen von Mölln und Solingen Anfang der 90er Jahre machte seine Combo „Böses Blut“ (türkisch „Karakan“) von sich reden und füllte mit ihren Auftritten Konzerthallen in Deutschland wie der Türkei.

Der damals 26-Jährige traf mit zornigen Versen wie „Hau ab, Glatzkopf“ aber nicht nur bei der jungen Generation einen Nerv, sondern sprach die tiefsitzenden Ängste vieler türkischer Menschen an, wie sein Kollege Ahmet bestätigt. Der 38-jährige Musikjournalist, der in Gostenhof lebt und damals die Musik-Tracks für „Karakan“ lieferte, erinnert sich an Gespräche mit seiner Mutter. Sie forderte ihren Sohn eindringlich auf, den türkischen Pass zu behalten: „Sie war sicher, dass es immer mehr Anschläge geben wird und wir eines Tages in die Türkei fliehen müssen“, berichtet er.

Ein düsteres Bild, das heute zum Glück nicht mehr in den Köpfen spukt: Nein, ausländerfeindlich sei Deutschland keineswegs, meint sogar der einst so zornige Alper, der inzwischen als promovierter Chemiker in Istanbul lebt und Umweltprojekte in der Türkei managt. „Das war nur so eine Phase. Meine Karriere, alles was ich erreicht habe, verdanke ich Deutschland“, sagt der 41-Jährige. Als Deutscher oder auch nur Deutsch-Türke fühlt er sich deswegen trotzdem nicht. „Deutschland will kein Einwanderungsland sein. Deswegen kann man zum Beispiel ein Italo-Amerikaner sein. Aber Deutsch-Türke? Das geht nicht!“

Zeichen der Akzeptanz vermisst

Die emotionale Bindung zu Nürnberg dagegen verleugnet er ebenso wenig wie Ahmet oder die anderen Protagonisten des Films. Viele, wie die Ärztin Yurda, bezeichnen die Stadt als ihre wahre Heimat, in der sie sich zu Hause fühlen. Doch selbst die bestens integrierte 36-Jährige, die mit einem deutschen Mann verheiratet ist und demnächst habilitiert wird, vermisst Zeichen der Akzeptanz in der Gesellschaft. So ist die Ärztin froh, dass ihre gemeinsame Tochter nicht „türkisch“ aussieht wie Yurda selbst: „Dadurch fällt sie wenigstens äußerlich nicht auf“ — und wird einmal weniger ausgegrenzt, hofft die Mutter. Zu oft im Leben hat sie sich schon aufgrund ihrer Herkunft Fragen wie „Was, du willst Abi machen?“ oder „Wieso willst du denn studieren?“ anhören müssen.

„Diese Jugendlichen hatten auch keinerlei Vorbilder, an denen sie sich hätten orientieren können“, sagt Gülseren Suzan und unterstreicht die „Pionierarbeit“ der porträtierten Vertreter der zweiten Generation. Türkischstämmige Fußballstars wie Mesut Özil oder Ministerinnen wie Aygül Özkan waren damals noch Zukunftsmusik. Dennoch: Vom Ex-Club-Pressesprecher Ertan, der heute als Spielerberater Fußballer in die Türkei vermittelt, über die fromme Kopftuchträgerin Hülya, die inzwischen als Frauenärztin tätig ist, bis zur alevitischen Reisekauffrau Hülya, die heute als Sozialhelferin arbeitet — sie haben sich trotz aller Widrigkeiten erfolgreich behauptet, resümiert Jochen Menzel.

Mit „15 Jahre später“ wollen er und seine Ehefrau daher unter anderem auch die Leistung dieser Generation würdigen, die meist kaum thematisiert werde. „Es geht immer nur um die dritte Generation.“ Ein Umstand, der die beiden ebenso stört wie die jüngsten Diskussionen über deren vermeintliche Integrationsunfähigkeit, die Thilo Sarrazin mit seinem Buch vom Zaun gebrochen hat. Dass die ausgerechnet jetzt geführt wird, obwohl seit den Neunzigern eine positive Entwicklung in allen Bereichen zu verzeichnen sei, lässt das Paar an der Ehrlichkeit der Debatte zweifeln. Einen ähnlichen Film über türkische Ärzte, Anwälte oder Unternehmer zu drehen etwa, würden sie heutzutage gar nicht machen, meint Jochen Menzel: „Das wäre doch abendfüllend.“

„15 Jahre später“ ist am Sonntag, 28. November, um 11.30 Uhr im Südpunkt, Pillenreuther Straße 147, zu sehen. Im Anschluss gibt es die Gelegenheit zu Gesprächen mit den Filmemachern und Mitwirkenden. 





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