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Nürnberg auf 111 Orte reduzieren? Da würden viele Historiker die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Und auch die Stadtführer finden wahrscheinlich schon allein zwischen Vestnertor und Hauptmarkt mindestens doppelt so viele Plätze, die man in Nürnberg gesehen haben muss. Eine unmögliche Aufgabe also?
Es geht. Und zwar richtig gut. Notwendig ist dafür eine beinharte Auswahl, um dann sogar noch einige Geheimtipps in die Liste mit aufzunehmen. Natürlich fehlen auch in „111 Orte in Nürnberg, die man gesehen haben muss“ die Klassiker nicht. Doku-Zentrum, „Männleinlaufen“, Sebalduskirche, Saal 600 — sie sind alle vertreten. Und doch verbirgt sich nicht hinter allen auch das, was man auf den ersten Blick vermutet.
„Es ist ein absolut uriges Gewölbe, sicherlich eines der schönsten in der ganzen Stadt“, ist dort zum Beispiel unter der Überschrift „Die Kaiserburg“ zu lesen. Dann aber wird eine breite Treppe in die Unterwelt beschrieben, ein großer Raum, geteilt von dicken Pfeilern — und eine Umgebung, gänzlich „unbequem und sehr unkommunikativ, aber grandios“. Nein, das ist nicht die Kaiserburg für Otto Normaltourist, sondern der Kneipe am Fuß der realen Kaiserburg, die auch als Illustration dient, gewidmet. Das zeigt: Auch ein Stadtführer muss sich nicht immer ganz so ernst nehmen.
Es wird ein Nürnberg gezeigt „abseits der touristischen Pfade“, das verrät schon der Klappentext. Das funktioniert. Dank Schauplätzen, die in kurzen, knappen Sätzen beschrieben werden, genauso wie die lokale Diskussion um manches Denkmal. Das ist für einen „Stadtführer“, der vielleicht gar keiner sein will, ebenso ungewöhnlich wie die strikte Aufteilung: Von oben (Business Tower) bis unten (Felsengänge) ist jedem Ort eine Seite gewidmet, keine Zeile mehr. Dafür ein wunderbares Bild von Fotograf Peter Roggenthin. Auch die Illustration macht Lust auf Nürnberg.
Und zwar auch Nürnbergern. Denn sicher nicht alle in der Stadt kennen Geheimtipps wie den Friseursalon „Haarscharf“ — zuständig für ebensolche Schnitte. Oder wer, bitte, weiß, was sich hinter dem Ellenbogengässchen verbirgt? Oder warum es auch eine Unterführung der Autobahn A73 in die skurrile Auswahl schafft?
Direkt vor dem Cinecittà, auch so ein „Muss-Ort“, platziert sich das Casablanca, das Kino in der Südstadt, dessen Äußeres allein beeindruckt: „Was für ein Haus, welch eine Fassade.“ Auch für das Fahrradgeschäft das „Kleine Radhaus“ ist Platz — samt Fahrradschlauch-Automat und Profiluftpumpen. Die Botschaft: „Autofrei leben.“ Mit ihrer Meinung halten die Autoren Jo Seuß, langjähriger NN-Lokalredakteur, und Dietmar Bruckner, freier Journalist, ohnehin nicht hinter dem Berg. Da ist Johannis zweifellos „der schönste Stadtteil Nürnbergs“ und der Alte Kanal mit Steinbrüchlein ist „das schönste Naherholungsgebiet“. Nicht Reichswald, nicht Marienberg, nicht Luitpoldhain. Wer’s nicht glaubt, muss eben hin — und schon hat der Wegweiser wieder das Ziel erfüllt.
Die gewagteste Aussage aber steht auf dem Deckblatt. Die Nürnberger Autoren schaffen es nämlich ebenfalls nicht, ihre Stadt in 111 Orte zu verpacken. Zu jedem Plätzchen gibt es neben Adresse, Nahverkehrsanbindung und Öffnungszeiten noch einen Tipp. Und darin ist, geschickt verpackt, noch eine Stelle in Nürnberg in der Nähe beschrieben, die ebenfalls auf jeden Fall sehenswert ist. Vielleicht sogar ein Muss.
Aber ganz ehrlich: „Müssen“ muss man hier gar nichts. Schon gar nicht alle Anekdoten — zum Beispiel, welcher Teil des Frankenstadions heute noch auf frühere olympische Ehren hinweist — auf einmal lesen. Die 111 Orte sind da, um zu blättern, es wieder wegzulegen, blättern, weglegen — und um Lust zu bekommen. Auf die eigene Stadt oder die fremde. Eben auf Nürnberg.
„111 Orte in Nürnberg die man gesehen haben muss“ ist ab sofort im Handel erhältlich; Emons Verlag; 14,95 Euro. Die nächste Lesung findet am Donnerstag, 22.November, um 19Uhr im Trommelwirbel, Bayreuther Straße21, in Nürnberg statt.

