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Wer austickt, fliegt

Ein Trainingsabend im Box-Club des 1. FCN - 30.08. 12:50 Uhr

Nürnberg  - Bei Amateurboxern gibt es zurzeit nur ein Thema. Es geht um Gewalt: Unter den Jugendlichen, die kürzlich in der Nürnberger Innenstadt acht Menschen zusammenschlugen, waren drei im Steiner Boxring aktiv. Ein Abend im Trainingsraum des Box-Club des 1. FCN.


Seit seiner Kindheit spielt das Boxen eine große Rolle in seinem Leben: Metin Okcu (li.) trainiert mit Federgewicht Sharafa.
Seit seiner Kindheit spielt das Boxen eine große Rolle in seinem Leben: Metin Okcu (li.) trainiert mit Federgewicht Sharafa.
Foto: Eduard Weigert

Der Mann ist ein Kraftpaket. Ein grundfreundliches Kraftpaket, dem beim Reden und Lachen ständig die Hände nach vorne schießen, als könnte er sie gar nicht am Körper halten. Metin Okcu (42) trainiert die knapp 20 Aktiven, die sich dreimal die Woche im Boxkeller am Valznerweiher die Seele aus dem Leib schwitzen. Dass der Boxsport nach dem erschreckenden Gewaltausbruch in Verruf kommen könnte, tut ihm fast körperlich weh, das runde Gesicht mit der lädierten Boxernase verzieht sich und bekommt tiefe Falten.

Metin Okcus Leben wäre ohne den Faustkampf nicht denkbar, und es wäre ohne ihn wahrscheinlich völlig anders verlaufen. „Hier lernst du einfach alles, was du brauchst“, teilt er in fast lupenreinem Fränkisch mit. Brutales Prügeln auf der Straße? Absolut tabu. „Ich bin eher ein Deutscher.“ Der gebürtige Türke, dessen Schützlinge die unterschiedlichsten Pässe in ihren Sporttaschen mit sich herumtragen, pfeift jetzt die letzten Trödler aus der Kabine. Es ist eng hier unten, elf Boxsäcke, manche mit Klebeband notdürftig geflickt, baumeln an Ketten von der Decke.

Nicht auf Rosen gebettet

Auch wenn das vom Bund geförderte Programm „Integration durch Sport“ im Jahr ein paar Tausender in die Vereinskasse spült, hier ist man nicht auf Rosen gebettet. Vor dem großen Spiegel lassen die jungen Athleten Stahlseile durch die Luft zischen, auf Zehenspitzen tänzeln sie federleicht darüber. Manche sind fast noch Kinder, manche tragen schon Tätowierungen auf männlichen Muskelpaketen. Jünger als zehn ist keiner, die wenigsten verfallen dem Sport so früh und so mit Haut und Haaren wie der Trainer.

Sein Vater, sagt Metin Okcu, sei einer der letzten Gastarbeiter gewesen. Mit sechs kam der Junge mit der Familie nach, lebte in einem Mietshaus zusammen mit Jugoslawen und Türken. „An bestimmten Tagen waren die anderen Kinder immer weg“, erzählt er. Mit Händen und Füßen fragte der sprachlose kleine Zuwanderer, wo sie denn hingingen. „Wir boxen“, hieß es. Ab da folgte er der Kindertruppe und fing beim Boxring Stein an.

Der Ausstieg aus der engen Welt der Familie, der Einstieg in die fremde Sprache waren geschafft. „Das hat mich integriert“, sagt Metin heute mit Stolz. Längst hilft der einstige Fremdling anderen, Anschluss an die Gesellschaft zu finden. Als gelernter Schlosser unterrichtet er Jugendliche, die keine Lehrstelle haben, und erwachsene Arbeitslose.

„Bandagieren!“

„Eigentlich dasselbe wie hier“, lacht der 42-Jährige und bellt das Kommando „Bandagieren!“ in den Raum. In der Schule wie im Verein geht’s um Pünktlichkeit, Höflichkeit, Zuverlässigkeit. Wer sieht, wie ein dunkelhäutiger Riese einem Kleinen geduldig zeigt, wie man die schützende Bandage um die Hand wickelt, bevor der Boxhandschuh darübergeschoben wird, der ahnt, was man hier noch alles lernen kann.

„Bandagieren!“:  Dreimal die Woche kommen die Sportler in den Boxkeller am Valznerweiher.
„Bandagieren!“: Dreimal die Woche kommen die Sportler in den Boxkeller am Valznerweiher.
Foto: Eduard Weigert

Keuchend lassen die Jungs die Fäuste auf den Kunststoff knallen, die Luft im Keller wird immer dicker. Cagdas (17), ein Schüler, der bald Mittlere Reife macht, lässt den Kopf über die Schultern rotieren, Sharafa (29), ein schmaler Nigerianer, der bayerischer Meister im Federgewicht ist, malträtiert unablässig einen der Boxsäcke. Und wenn sie auf der Straße angegriffen werden? Wenn andere Jugendliche stänkern wollen? Zuckt da nicht die routinierte Faust? „Da hauen wir lieber ab“, sagen beide Boxer. Außerhalb des Rings wird der Kampf vermieden, nicht gesucht, kommt das Echo vom Trainer. Wer’s anders hält, fliegt. Auch das sei schon mal vorgekommen.

Dass hier am Valznerweiher mehr geboten ist als Konditionrunden und Kampftraining, hat Sharafa gemerkt, als der Trainer dem Asylbewerber einen Küchenjob verschaffte. Aufenthaltsprobleme, Geldmangel, Jobsuche, nichts ist Metin Okcu fremd, er kümmert sich. Hier geht es oft um mehr als um einen sauberen rechten Haken. Was läuft schief, wenn Jugendliche brutal zuschlagen? „Für mich sind’s die Eltern“, sagt der Trainer, Mütter, die nicht wissen, wo ihr Sohn steckt und denen das auch egal ist. Kaputte Ehen, instabile Beziehungen, das alles nage am Grundvertrauen.

„Metin ist hier die absolute Vaterfigur.“ Alrik Haug (34) sagt das, der ehrenamtliche Boxvereinsvorsitzende in spe, der in seinem grauen Anzug zwischen all den schweißnassen Trikotträgern aussieht, als habe er sich verlaufen. Der smarte Rechtsanwalt bringt auf den Punkt, wie es um die Integration im Leistungssport steht: nämlich schlecht. Ohne deutschen Pass kommt auch ein Begabter nicht weiter als bis zur bayerischen Meisterschaft. Höhere Ligen sind für Migranten tabu.

Video zum Thema
NÜRNBERG -Wir haben dem Nachwuchs-Boxtalent Gina Stürmer beim Training über die Schultern geschaut. Die 25-jährige hat ehrgeizige Ziele und trainiert hart dafür.

15 Meistertitel

Das ist bitter für Metin Okcu, „ich hätte mindestens zwei deutsche Meister im Team.“ Den 52 Kilo leichten Sharafa aus Nigeria zum Beispiel, dessen Vater schon geboxt hat. Worauf es ankommt, formuliert der 27-Jährige, der so schüchtern wirkt, in gebrochenem Deutsch: „Schlau sein im Ring.“ Auf sein Talent kommt es leider weniger an, die Staatsangehörigkeit ist entscheidend. Trainer Okcu hat das am eigenen Leib erfahren. 250 Kämpfe, 15 bayerische Meistertitel, „und dann war immer Schluss“. Er ist erst vor zehn Jahren auch formal Deutscher geworden. Doch damals endete seine aktive Kämpferlaufbahn. Er würde das gerne ändern, sieht den Frust seiner Spitzenleute, „aber ich bin halt nicht der Staat“.

Das Misstrauen, das nach den mutmaßlichen Gewalttaten der jungen Boxer der ganzen Branche entgegenschlägt, vergleicht Alrik Haug mit dem Los der Schützenvereine. Wenn einer Amok laufe, seien alle Schützenvereine dran, ganz ähnlich gehe es jetzt den Faustkämpfern. Der Boxring Stein, dem die Schläger angehörten, hat deshalb sein heutiges Medaillenturnier abgesagt; die Ursachen für Gewalt seien bei den Tätern zu suchen, nicht bei den Vereinen, heißt es in einer Internet-Stellungnahme.

Die jungen Boxer, schweratmend und klatschnass, verabschieden sich mit Handschlag, der Gettoblaster am Boden ist endlich still. Alrik Haug sinniert noch kurz über die Jugendgewalt, die für Schlagzeilen gesorgt hat. „Viele lernen beim Spielen am PC, dass die volle Punktzahl erst erreicht wird, wenn der Kopf ganz ab ist.“ Da müsse man sich vielleicht nicht wundern. 





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