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Wikipedia: Nachwuchsschwund und große Pläne

Autoren der Online-Enzyklopädie tauschten sich in Nürnberg aus - 11.09. 17:13 Uhr

Nürnberg  - Wissen für die Welt: Eine große Vision, die sich die Macher der Online-Enzyklopädie Wikipedia vor mehr als zehn Jahren zur Aufgabe gemacht haben. Bei der WikiConvention in Nürnberg, einem Kongress der deutschsprachigen Benutzer-Gemeinde, ging es um die Zukunft des Lexikons und eine alte Menschheitsfrage: Was ist überhaupt Wissen?

Die Wikimedia-Gemeinschaft bei einer Podiumsdiskussion in Nürnberg.
Die Wikimedia-Gemeinschaft bei einer Podiumsdiskussion in Nürnberg.
Foto: Eduard Weigert
Die Wikimedia-Gemeinschaft bei einer Podiumsdiskussion in Nürnberg.
Die Wikimedia-Gemeinschaft bei einer Podiumsdiskussion in Nürnberg.
Foto: Eduard Weigert

„Wikipedia ist voll von Fehlern. Das sollte niemanden überraschen“, gab Pavel Richter offen zu. Er ist Chef der Wikimedia Deutschland, einem Verein zur Förderung freien Wissens, der Wikipedia mit Spendengeldern finanziell unterstützt. Zusammen mit 200 anderen Wikipedianern war er am Wochenende, 10. und 11. September, nach Nürnberg zur WikiConvention, kurz WikiCon, gereist. Doch auch der Brockhaus und Zeitungen seien nicht fehlerfrei. „Unser Vorteil ist, dass Fehler sofort korrigiert werden können“, sagt Richter. Damit habe Wikipedia einen klaren Vorsprung in Sachen Aktualität.


Innerhalb von zehn Jahren ist Wikipedia zum größten Online-Lexikon weltweit geworden. Allein in Deutschland haben 7000 ehrenamtliche Autoren fast 1,3 Millionen Artikel verfasst. „Wir sehen uns aber nicht als Konkurrenz zum Brockhaus, sondern reihen uns in die Tradition der Enzyklopädisten ein“, sagt Richter im Gespräch der Redaktion.

Doch seit 2005 sinken die Mitgliederzahlen weltweit, allein in Deutschland von 7000 auf 6000 Autoren. „Ein Anfänger fühlt sich in der Wikikipedia nicht willkommen“, meint Magnus Gertkemper, langjähriger Wiki-Autor und Administrator. Laut einer Umfrage werfen viele Neulinge beim ersten Negativ-Erlebnis die Flinte ins Korn. Hinzu kommt der Wiki-Slang: Edits, Skillshare, Bots, Skins. Wikipedianer sind eine eingefleischte Gemeinschaft mit eigener Sprache und oftmals rauen Umgangsformen.

Dieses Verhalten zeigt sich auch bei der WikiCon. Deshalb sei ein Treffen wie das in Nürnberg besonders wichtig, findet Andrea Hinkelmann. Sie arbeitet beim Bildungszentrum Nürnberg, das die Räume für den Kongress zur Verfügung gestellt hat und schreibt selbst Wiki-Artikel. So erhalte das System Wikipedia ein Gesicht. „Die anderen Autoren kennenzulernen, kann der Atmosphäre innerhalb der Gemeinschaft nur gut tun“, sagt sie. Einen Grund für den Autorenrückgang sieht sie auch in den „endlosen und detaillierten Diskussionen“, die oft von den Verfassern geführt werden. Meist geht es dabei um das Problem, welche Artikel es wert sind, in Wikipedia veröffentlicht zu werden.

Relevante und banale Themen


Der Relevanzkatalog der deutschen Wikipedia ist einer der längsten und strengsten in der weltweiten Community. Dahinter steht die Frage, was relevantes Wissen für die Welt ist und wie es am besten dargestellt werden kann. Ein Thema, das während der Seminare und der Podiumsdiskussion auf der WikiCon immer wieder die Gemüter erhitzt. Debatten, die vor allem von Männern zwischen 15 und 25 sowie 40 und 50 Jahren geführt werden. „Besonders die Sichtweisen von weiblichen Autoren und älteren Personen könnten viele Themen der Webseite bereichern“, findet Richter.

Von einer Krise möchte er angesichts des Autorenschwunds dennoch nicht sprechen. „In jeder Gemeinschaft gibt es im Laufe der Zeit immer ausgefeiltere Regeln. Wir müssen diese nun diskutieren und wie zu Beginn offen für neue Menschen sein.“ Soziale Barrieren will Richter deshalb senken. Auch die Software soll benutzerfreundlicher werden.

Große Pläne

Für die Zukunft hat die Wiki-Gemeinschaft Großes vor: Das Online-Nachschlagewerk möchte auch in Schwellenländern wie Brasilien, Indien und afrikanischen Ländern mehr Präsenz aufbauen. „Dort gibt es ein riesiges Wachstumspotential“, sagt Tin Cheng, Vorsitzender des Boards der Wikimedia Foundation in San Francisco. Auch eine engere Verzahnung mit Wissenschaft und Journalismus wünschen sich Cheng und Richter.

Die Aufnahme in die Liste der Weltkulturerbe steht außerdem ganz oben auf der Agenda. Ein Meisterwerk menschlicher Schöpfungskraft, das sei das Kriterium, um einen Platz auf der Liste zu ergattern. Nach Richter erfüllt das Online-Lexikon dieses Merkmal allemal: „Wikipedia soll das erste digitale Weltkulturerbe werden.“ 



Kai Kappes

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