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Wer schon mal den Glauben an den in sich ruhenden Menschen zu verlieren drohte, weil sich die Welt immer schneller dreht, der konnte an der Wöhrder Wiese stets aufatmen. Hier war immer alles etwas anders: entschleunigte, gelassene Zeitgenossen, welche die herrliche Natur, die angenehme Ruhe mitten in der Stadt genießen. Im Prinzip ist das immer noch so.
Auf der 800 Meter langen Wiese relaxen all jene, die wissen, dass man Zeit nur hat, wenn man sie sich nimmt: zum Lesen, Plaudern, Picknicken. Slacklinen, Jonglieren, Federballspielen. Oder eben Faulenzen. Man trifft sogar Auswärtige an, die eigens für einen Liegewiesen-Nachmittag nach Nürnberg kommen. Der Biergarten, vor Jahren eröffnet, ist seit jeher beliebter Treffpunkt; auch die Kinder, die auf zwei Spielplätzen tollen oder sich auf dem Erfahrungsfeld sinnlich geben, passen gut ins Wiesenbild.
Keine Frage: Zwischen dem Feuchtbiotop (mit Biber) auf der einen Seite und der Adenauerbrücke (mit Meergott-Brunnen) auf der anderen geht es von Jahr zu Jahr bunter zu. Was unter anderem daran liegt, dass die Ohm-Hochschule einen Quasi-Campus auf der Wiese hat; dass Abiturienten herbeipilgern, um ihre neu gewonnene Freiheit zu feiern; dass ebenso schrill gekleidete wie blasshäutige Emo-Cliquen sich zum Fotoshooting treffen.
Und doch, hin und wieder gibt es Unmut im Paradies, sind auch Szenen wie diese zu beobachten: Ein Radler schnauzt drei Fußgänger an, die beisammenstehen und sich unterhalten. Sie sind ihm im Weg. Labern könnten sie woanders, stichelt er. Es ist ihm zu eng auf dem Wöhrder Wiesenweg. Weil der Johann-Soergel-Weg auf der anderen Seite wegen des EM-Fanparks gesperrt ist, tummeln sich hier alle Radler und Fußgänger, alle Jogger und Skater auf ihrem Weg ins Zentrum oder zum Wöhrder See.
Ein Vater, der auf einer Bank sitzt und sein Baby füttert, kommentiert den regeren Verkehr auf den Wegen gelassen: „Es ist doch gut, wenn’s ein bisschen Leben gibt.“ Und der 78-Jährige, der an der Pegnitz sitzt und aufs Wasser guckt, meint zum Fan-Park, in dem Tausende feiern: „Für die Jugend ist das schön, mir gefällt das.“ Als „zufriedenstellend“ beurteilen auch die benachbarten Erfahrungsfeld-Macher die Situation zur EM.
Indes, so mancher Anwohner sieht es anders, empfindet den Fan-Park im Landschaftsschutzgebiet als Ding der Unmöglichkeit. Ein Rentner schimpft: „Eine Massenveranstaltung nur 20 Meter vor unserer Haustür — dass so etwas genehmigt wird, geht mir nicht in den Kopf.“
So ideal die Wöhrder Wiese ist als zentraler Ort für Public Viewing — das kollektive Fußballsehen hat natürlich Schattenseiten: Zum Grundrauschen, das Tausende Fans erzeugen, kommt, je nach Spielsituation, das kollektive Stöhnen, Kreischen und Jubeln hinzu. Massenveranstaltungen wie diese bringen zudem den Wildpinkler in großer Zahl hervor; besonders im Schutz der Dunkelheit, nach Spielende.
Gegen halb elf ziehen die Fans zwar relativ schnell ab — innerhalb einer halben Stunde ist die Wiese größtenteils entvölkert. Aber das passiert nicht ohne Lärm: Der eine brüllt seine Siegesfreude in die Nacht, der andere zündet einen Knallkörper. Selten gibt es gar Schlägereien wie am vergangenen Wochenende etwa, als sich zwei Fan-Gruppen in die Haare kommen — doch die Polizei ist schnell zur Stelle.
Es ist klar, dass das Public Viewing gerade für Anwohner eine Belastung darstellt, sagt Robert Pollack vom Ordnungsamt, wo sechs Beschwerden eingegangen sind. Er betont aber auch, im Vergleich zur WM 2010 gebe es strengere Auflagen für den Fanpark-Veranstalter — laute Moderationen dürfen beispielsweise nicht mehr sein; nervtötende Fantröten wie die Vuvuzela, die vor zwei Jahren so beliebt war, sind auch verboten.
Für die Wöhrder Wiese als Standort hat man sich aber nicht nur entschieden, weil die Fans diesen Platz klasse finden. Sondern auch aus Sicherheitsgründen. „Und bis jetzt gab es auch noch keine besonderen Vorfälle“, sagt Pollack, man sei zufrieden.
Ebenso meint Polizeisprecher Peter Schnellinger: „Aus unserer Sicht ist der Veranstaltungsraum ausreichend.“ Sprich: 30000 Fans, das kann die Wiese aus Sicht der Sicherheitsexperten gut ab. Aber natürlich, räumt Hans-Peter-Kauppert von Sör ein, nimmt der Fußballspaß das Wiesengrün mit. Aber: „Wir kriegen es hin, dass die Wiese wieder ordentlich dasteht.“ Am Steuerzahler bleibt das nicht hängen, der Veranstalter muss hierfür, wie auch für die Reinigung, aufkommen. Und die Wildpinkler? Auch wenn es nicht die feine Art ist, „die Natur wird das verkraften“.
Wie es nun weitergeht: Nach der EM, das kündigt Pollack an, wird man analysieren und abwägen und gucken, wie viel Public Viewing in Nürnberg in Zukunft nötig ist; und ob es Alternativen zur Wöhrder Wiese gibt. Jetzt aber stehe erst einmal die „heiße Phase mit den Finalspielen“ an.

