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Berta Schäfer feiert - bildlich gesprochen - in diesem Jahr die Diamantene. 60 Jahre schon ist sie mit ihrem Laden in Fischbach wie verheiratet. Dann muss sie selbst ja... wie alt sein? „Schätzen Sie mal“, sagt Berta Schäfer und die Augen blitzen keck durch die strassbesetzte Brille. Sie weiß, die 76 Jahre sieht ihr niemand an. Verraten können sie allenfalls der blankgewetzte Tresen an der Kasse und der Boden dahinter, wo sich ihre Füße im Laufe der Zeit durch die oberste Schicht Linoleum gegraben haben.
60 Jahre Einzelhandel halten offensichtlich jung, wenn Frau ihn fast im Alleingang bewältigt. Na ja, sagt Berta Schäfer, „zwicken tut’s schon manchmal“. Auch das Aufstehen fällt schwerer, immer hat sie kalte Hände und die Venen hält sie mit Gummistrümpfen in Form. Das lange Stehen... Aber was soll sie machen? „Bis jetzt macht’s mir a weng Spaß.“
Dabei hatte sie keine Wahl. Die Mutter besaß den Laden, der Vater betrieb eine Wagnerei mit Karosseriebau. „Ich war die Jüngste, es hieß: Du musst das einmal machen.“ Nach der Schule besuchte sie drei Jahre lang die Büroschule, dann ging es in den Laden. Damals, erinnert sie sich, wurden Mehl und Zucker noch pfundweise aus Säcken abgefüllt und die Marmelade aus großen Dosen gelöffelt. Speiseöl goss die Mutter den Kunden in die mitgebrachten Flaschen. „Sie war aweng streng, da hat man spuren müssen“, erinnert sich Berta Schäfer.
Mutti führte das Regiment, solange sie konnte. Vielleicht musste das so sein: Im Krieg war alles abgebrannt, Haus und Laden an der Fischbacher Hauptstraße wurden zunächst im Bungalow betrieben, 1955 stockte die Familie auf. Auch der kleine Laden wuchs. Als Berta Schäfer ihn vor 25 Jahren übernahm, ließ sie eine Wand durchbrechen und erweiterte das Geschäft nach hinten. So groß ist er, dass ihre Kunden sogar mit dem Einkaufswagen durch den engen Gang schieben können.
„Tante Emma, das ärgert mich manchmal!“, gesteht Berta Schäfer. Denn sie gehört zu Edeka, der Einkaufsgemeinschaft selbstständiger Lebensmitteleinzelhändler, und führt ein reichhaltiges Sortiment. Allein 14 Sorten Essig und elf Sorten Grillsoße reihen sich im Regal, es gibt Nudeln von Bernbacher und Gaggli, die italienischen Marken Buittoni und Barilla, edlen Basmatireis und Salz für die Mühle.
Alles, wonach das gehobene Publikum im ländlichen Stadtteil verlangt. Auch nach Ansprache. „Also Günther: zwei, vier, fünf, siebenfünfzig“, zählt Berta Schäfer dem Kunden das Wechselgeld in die Hand. Einer Kundin, die eine kleine Dose Mais sucht, ruft sie „ja, ich komme“ zu und erklärt, warum es den leckeren Schokopudding nicht mehr gibt und wie dem Gatten die neue Sorte schmackhaft gemacht werden kann.
Sie fragt eine andere nach der Gesundheit, hört die Geschichten vom Kaffeekränzchen und aus der Nachbarschaft. So gesehen müsste Berta Schäfer die bestinformierte Frau in Fischbach sein. „Fragen S’ mich nicht“, winkt sie ab. „Mich interessiert das nicht immer, trotzdem musst du hinhören.“
So wie auf die Bedürfnisse der Kundschaft. Neben den Lebensmitteln, vollen Obstkisten und einer Batterie Spirituosen gibt es einen Ständer mit Wäscheklammern und Sitzkissen, Schaschlikspießen und Nähmaschinenöl, Toilettenpapier und Reinigungsmittel. Die Regale biegen sich, ganz buchstäblich. Berta Schäfer ordert einmal wöchentlich aus der langen Edeka-Liste.
Dreimal die Woche kommt Lieferung, dann hilft Frau Weber. Sie sortiert ein und aus. „Heutzutage ist das wichtig mit dem Datum!“, sagt Berta Schäfer. Statt sich auf Augenschein, Nase und Gaumen zu verlassen, gehen viele Menschen inzwischen strikt nach Mindesthaltbarkeitsdatum.
Solche Normen ignoriert die Chefin im eigenen Leben. Zwei Kinder hat sie großgezogen neben dem Laden, ihr Mann starb früh — und das Geschäft lief immer. Bis auf drei Wochen Sommerurlaub und eine Pause, als eine Nierenoperation nötig war. „Schauen S’ die Soldaten nur an!“, freut sich Berta Schäfer beim Blick ins Kühlregal, wo selbst der Joghurt steht wie beim Appell. In den summenden Kühltruhen lagern Gemüsestäbchen und Gänsebrust.
Sie sind die Sorgenkinder: Erst vor kurzem hat eine den Geist aufgegeben, die Reparatur hat 600 Euro verschlungen. „Da muss ich lang drum laufen“, sagt Berta Schäfer. So wie um die 600 Euro, die jeden Monat auf der Stromrechnung stehen. Rechnet sich das noch? „Wenn ich Miete zahlen müsste, könnte ich’s nicht mehr machen.“
Obwohl sie Konkurrenz hat. Drei Bäckereien reihen sich entlang der Fischbacher Hauptstraße, es gibt das Räucherkammerl und den Metzger in der nahen Tolstoistraße, ein Gemüseladen um die Ecke, den Italiener, die Bank und eine Handvoll Friseure. Und die Norma natürlich am Ortseingang, die bis 20 Uhr geöffnet hat.
Sie selbst schließt den Laden früh um halb acht Uhr auf und abends um 18 Uhr zu. Das hält selbst eine gestandene Frau wie Berta Schäfer nur mit Mittagspause durch, doch Ruhe hat sie nicht. Sie kocht mittags für sich und ihren Sohn, der dafür den Papierkram für den Laden erledigt. „Er wartet schon lang, dass er mit seiner Steuerkanzlei ins Erdgeschoss ziehen kann“, sagt Berta Schäfer. Es klingt, als müsse er noch Geduld haben.
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