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Das Überleben steht klar an erster Stelle

Botaniker Thomas Blachnik über die Intelligenz von Pflanzen — „Unzulässige Vermenschlichung“ - 04.07.2012 07:58 Uhr

"Es gibt keinen Zweck", sagt Botaniker Thomas Blachnik, der eine Vermenschlichung der Pflanzenwelt ablehnt.

"Es gibt keinen Zweck", sagt Botaniker Thomas Blachnik, der eine Vermenschlichung der Pflanzenwelt ablehnt. © Gabi Pfeiffer


Herr Blachnik, sind Pflanzen kluge Lebewesen?
Blachnik: Klugheit ist ein Begriff für Menschen, Pflanzen sollte man nicht mit einer Intelligenzleistung in Verbindung bringen. Wie alle anderen Lebewesen haben sie im Lauf der Evolution Merkmale entwickelt, die für ihr Überleben nötig sind. Alles andere ist eine unzulässige Vermenschlichung.

Aber wir sprechen doch sogar von Bienchen und Blümchen, wenn es um Sex geht.
Blachnik: Dabei ist die sexuelle Vermehrung nur eine von vielfältigen Möglichkeiten, mit denen sich Pflanzen fortpflanzen! Pflanzen wie Zwiebel, Knoblauch und Schnittlauch vermehren sich über Brutzwiebeln, das Buschwindröschen oder die Schlehen breiten ihre Sprossen unterirdisch aus.

Gibt es überraschende Strategien?
Blachnik: Die Gelbe Teichrose zum Beispiel verschwemmt ihre Frucht mit dem Wasser oder im Gefieder von Enten. Und das Zimbelkraut, das an Burgmauern wächst, biegt sich vom Licht weg und schiebt die Samenkapsel in die nächste Mauerritze. Laufen kann sie ja nicht.

Auch nicht Weglaufen. Wie wehren sich Pflanzen gegen ihre Feinde?
Blachnik: Das Wort Feinde finde ich schwierig. Pflanzen sind grundsätzlich die Nahrungsgrundlage für alles und werden natürlich gefressen. In unserer natürlichen Umgebung zum Beispiel von Nagetieren, Hasen und Rehen. Andersherum: Wenn Pflanzen und andere Organismen sich nicht aufeinander abgestimmt hätten, würde keiner mehr existieren. Nicht jede Pflanze „wehrt“ sich. Die Eiche hat die Eigenschaft, den Fraß des Eichenprozessionsspinners zu überstehen und treibt neu aus, wenn die Raupe zum Schmetterling geworden ist. Auch vermeintliche Abwehrmechanismen wie Stacheln oder Dornen sind oft etwas anderes, nämlich eine Anpassungsleistung an trockenes Klima.

Gilt das auch für Gifte? Pflanzen wie die Vogelbeere oder Goldregen können schwere Vergiftungen hervorrufen oder sogar töten.
Blachnik: Zum einen kann das, was wir als Gift bezeichnen, eine Reaktion in der Pflanze sein auf Viren oder Verletzung durch Insekten. Zum anderen lagern viele Pflanzen einfach Stoffwechselprodukte ein. Oft sind das ölige Substanzen, die wir vom Senf oder von Thymian kennen — und als würzige Kräuter schätzen.

Angeblich informieren Pflanzen ihre Artgenossen auch, wenn sie angegriffen werden. Stimmt das?
Blachnik: Das kann man als Kommunikation begreifen. Eine Pflanze, die angebrochen oder befressen wird, bildet chemische Botenstoffe. Nachbarpflanzen nehmen diese über die Wurzeln auf und reagieren mit der Produktion von Abwehrstoffen. Aber ich warne: Das ist eine chemische Reaktion — es gibt keinen „Zweck“.

Sie behaupten, es gibt in der Natur kein „um zu“?
Blachnik: Schon die „Natur“ im unberührten Zustand gibt es höchstens noch in der Serengeti. Bei uns gibt es die Pflanzen, die hier wachsen, weil wir bestimmte Pflanzen fordern oder Strukturen herstellen. Wiesen existieren, weil sie es ausgehalten haben, dass jemand den Wald gerodet hat und dass der Bauer regelmäßig mäht. Ich wäre ein schlechter Biologe, wenn ich wissenschaftlich nach Sinn suchen würde. Sinn ist Weltanschauung.

Ist das nicht furchtbar nüchtern?
Blachnik: Wenn es Sie tröstet: Ich finde Pflanzen schön, gehe gern raus in die Natur und empfinde es als ästhetischen Genuss, wenn die Märzenbecher blühen.

Sie wehren sich gegen die Vermenschlichung der Natur. Aber ist sie nicht nötig, um Menschen für die Pflanzenwelt und den Naturschutz zu begeistern?
Blachnik: Es ist legitim, wenn man auf ein Thema aufmerksam machen will. Aber man sollte ehrlich sein und keine unsachlichen oder wissentlich falschen Inhalte geben. Es steht der Freude an der Natur nicht im Weg, wenn man richtig informiert ist.

  

Gabi Pfeiffer

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