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„Der Druck ist noch mal gestiegen“

Die Wöhrder Grundschulleiterin Sandra Winter über das Reizthema Übertritt — Eltern leiden mehr als Kinder - 18.01. 07:59 Uhr

Nürnberg  - Alle Jahre wieder sorgt der anstehende Wechsel an weiterführende Schulen in den vierten Klassen für großen Stress. Einen Monat vor den Zwischenzeugnissen erhalten die Viertklässler am 20.Januar die sogenannte „Information“ über ihren Notenstand. Der Stadtanzeiger sprach mit Sandra Winter (41), Grundschulleiterin in der Bartholomäusstraße, über das Reizthema Übertritt.

Auch die Wöhrder Schulleiterin Sandra Winter kämpft in der Bartholomäusstraße mit dem Stress, den der Übertritt an weiterführende Schulen spätestens jetzt in den vierten Klassen hervorruft.
Auch die Wöhrder Schulleiterin Sandra Winter kämpft in der Bartholomäusstraße mit dem Stress, den der Übertritt an weiterführende Schulen spätestens jetzt in den vierten Klassen hervorruft.
Foto: Seuß
Auch die Wöhrder Schulleiterin Sandra Winter kämpft in der Bartholomäusstraße mit dem Stress, den der Übertritt an weiterführende Schulen spätestens jetzt in den vierten Klassen hervorruft.
Auch die Wöhrder Schulleiterin Sandra Winter kämpft in der Bartholomäusstraße mit dem Stress, den der Übertritt an weiterführende Schulen spätestens jetzt in den vierten Klassen hervorruft.
Foto: Seuß

Frau Winter, die Kinder sind eine gute Woche von den Weihnachtsferien zurück. Wie ist die Atmosphäre bei Ihnen in den drei vierten Klassen?

Winter: In heller Aufregung sind sie noch nicht, aber man spürt die Anspannung. Erfahrungsgemäß spitzt es sich zwischen der „Information“ und dem Übertrittszeugnis Anfang Mai zu. Jetzt beginnt die ganze heiße Phase.

Ist das für Sie inzwischen Alltag oder hat sich die Situation verändert?

Winter: Mit der Einführung der 22 schriftlichen Leistungsnachweise, die das Kultusministerium vor zwei Jahren in den Kernfächern Mathematik, Deutsch sowie Heimat- und Sachkunde vorgegeben hat, ist der Druck auf jeden Fall noch mal gestiegen. Auch für uns Lehrer, weil wir verpflichtet sind, eine solche Probe eine Woche vorher anzukündigen.



Wie wirkt sich das aus?

Winter: Das Ziel war es, mehr Transparenz und Vergleichbarkeit herzustellen, was gelungen ist. Aber der Nachteil ist die ständige Präsenz dieser Arbeiten. Wenn ein Kind krank wird, muss die Probe nachgeholt werden und da kann es bei den Terminen problematisch werden. Man hat als Lehrkraft einen gewissen Spielraum, aber alles ist enger, weshalb Proben notfalls bei einer Vertretung geschrieben werden, was für Viertklässler schon hart sein kann.

Für wen ist das Thema Übertritt schwieriger: Für die Kinder oder die Eltern?

Winter: Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man als Eltern viel mehr zu knabbern hat. Die Kinder starten alle mit dem Willen, aufs Gymnasium zu gehen. Und wenn es dann nicht klappt, stellen sie sich am Ende doch leichter auf die neue Situation ein als die Eltern.

Wann geht der Wahnsinn mit dem Übertritt los?

Winter: Inzwischen in der dritten Klasse, weil die drei Schulformen dann vorgestellt werden. Den Kindern erklären wir sie im Unterricht. Beim Elternabend spricht inzwischen zuerst der Vertreter der Mittelschule, weil früher nach Gymnasium und Realschule die Eltern heimgegangen sind.

Bei den Ausbildungsberufen von Handwerk und Handel droht ein großer Mangel. Sollte diese Perspektive nicht das Thema Übertritt entspannen?

Winter: Bisher spüre ich nichts davon. Es ist auffällig, dass Eltern alles in der Welt versuchen, um ihr Kind ins Gymnasium zu bekommen. Das zeigt die große Nachfrage bei der Nachhilfe. „Hauptsache drinnen“, denken Eltern, obwohl dies nur der Anfang ist.

Was sagen Sie denn betroffenen Vätern und Müttern?

Winter: Ich finde, Kinder sollten ohne Bauchschmerzen durch die Grundschule kommen. Andernfalls sind sie eigentlich nicht geeignet, den Wahnsinn des achtstufigen Gymnasiums durchzustehen.

Die Gesellschaft spaltet sich immer mehr in Arm und Reich auf. Spüren Sie das auch in den Grundschulklassen?

Winter: Die Spitzen und die Schwachen lagen früher deutlich weniger weit auseinander. Heute gibt es Erstklässler, die schon eine zweite Fremdsprache sprechen, aber auch welche, die nicht wissen, wie man einen Klebestift aufmacht.

Auch für die Lehrer ist der Übertritt eine stressige Zeit. Wie gehen Sie damit um?

Winter: Ich habe heuer eine junge Kollegin, die das erste Mal eine vierte Klasse hat und vorab schon Angst hatte, ob sie der Aufgabe gewachsen ist. Die zwei anderen Kolleginnen sind sehr erfahren und helfen ihr, zumal sie keine einfache Klasse hat. Sie macht es aber mit viel frischem Wind und überaus engagiert..

Die Erlenstegener Grimmschule hat oft eine Übertrittsquote von 100 Prozent. Wie wichtig ist diese Quote für Sie?

Winter: Sie steht und fällt mit dem Schulsprengel. Als Lehrerin hat sie mich nicht gejuckt, als Schulleiterin schon mehr, weil Eltern danach fragen. Sie sollte aber nicht im Mittelpunkt stehen, sondern immer das Kind.

Man hört hinter den Kulissen aber auch andere Töne...

Winter: Ja, es gibt an manchen Schule schon ein Konkurrenzdenken. Und es ist mir mal passiert, dass ich wegen des Notendurchschnitts meiner Klasse von einem Kollegen blöd angeredet wurde. Aber man kann aus Kindern eben unterschiedlich viel. Ich war immer an ,bunten‘ Schulen mit hoher Migrantenquote, was ich grundsätzlich als Bereicherung empfinde, auch wenn Elterngespräche oft nicht einfach sind.

Halten Sie den Übertritt nach Klasse vier für richtig?

Winter: Besser wäre es, die Kinder erst nach der sechsten Klasse zu trennen. In der Grundschule sind doch alle ganz arg motiviert und wollen ja. Deshalb tut es mir schon weh, wenn ich sehe, dass diese kleinen Seelen merken, dass sie den Anforderungen nicht genügen. Wenn sie die achte schlechte Note rauskriegen, zieht sich die Schlinge zu. Und es ist klar, dass Kinder vor der nächsten Probe weinen.

Was würden Sie am System ändern?

Winter: Ich finde, die aufnehmende Schule sollte prüfen und die Kinder suchen, damit beide zusammenpassen.

Weitere Infos unter www.km.bayern.de — das Thema Übertritt steht derzeit auf Platz 2 der Top10 des Kultusministeriums. 



Interview: Jo Seuß

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