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Der Traum vom 48-Stunden-Tag

Marina Ivankovic führt den „Onkel Tom“-Laden - 19.10. 07:57 Uhr

GARTENSTADT  - Sie sind Nahversorger und Tratschzentrale und manchmal die letzte Rettung in großer Not: Tante-Emma-Läden. Es gibt sie noch — mitten im Stadtteil, oft ein Geheimtipp und mit persönlicher Ansprache. Der Stadtanzeiger stellt sie in einer Serie vor. Diesmal ist es Marinas „Onkel Tom“-Geschäft in der Gartenstadt.

„Guten Appetit“ wünscht Marina Ivankovic den Kunden ihres „Onkel Tom“-Ladens, wo es auch viele Naschereien gibt.
„Guten Appetit“ wünscht Marina Ivankovic den Kunden ihres „Onkel Tom“-Ladens, wo es auch viele Naschereien gibt.
Foto: Pfeiffer
„Guten Appetit“ wünscht Marina Ivankovic den Kunden ihres „Onkel Tom“-Ladens, wo es auch viele Naschereien gibt.
„Guten Appetit“ wünscht Marina Ivankovic den Kunden ihres „Onkel Tom“-Ladens, wo es auch viele Naschereien gibt.
Foto: Pfeiffer

Wer Geschäftstüchtigkeit buchstabieren will, beginnt am besten mit M-a-r-i-n-a. Wie Marina Ivankovic, 33 Jahre alt und seit letztem November Chefin von „Onkel Tom“. In dem Laden in der Gartenstadt gibt es sogar Salami von Emus zu kaufen. Die exotischen Laufvögel hatte sie auf einer Wiese entdeckt, als sie mit ihren Kindern einen Ausflug ins Fränkische Seenland machte. Sie kam mit dem Züchter ins Gespräch, hatte eine Eingebung — und bezieht seither die Delikatesse aus Mitteleschenbach.



Die zierliche Blondine bittet nach hinten, wo sie zwischen vier großen Kühltruhen noch Kartons kleinschneiden muss. Heute wurden Getränke und tiefgefrorene Backwaren geliefert — und Unordnung kann sie nun wirklich nicht leiden. Die Pappe wäre spätestens morgen früh im Weg, wenn sie um 5 Uhr aufschließt und sofort mit dem Brötchenbacken beginnt. 13 Sorten Semmeln, dazu Croissants und Käsestangen in anderthalb Stunden.

Um 6.30 Uhr schließt Marina den Laden auf. Manchmal sind Arbeiter die ersten Kunden, die sich nach der Nachtschicht ein Frühstück holen. Oft aber stehen schon die Rentner vor der Tür, wenig später kommen die Schulkinder von gegenüber und ihre Mamas. Marina seufzt: „Andere Kinder kriegen von mir die Butter aufs Brötchen gestrichen und bei meinen Jungen habe ich manchmal sogar den Anruf zum Wecken vergessen...“

So beschäftigt war die Mutter in den ersten Monaten der Selbstständigkeit. Wie es angefangen hat? Die gelernte Näherin kam vor 15 Jahren aus Russland und fing sofort an zu arbeiten. Zuerst in einer Schlecker-Filiale, dann als Verkäuferin bei der Modekette Pimkie und, nachdem das zweite Kind gekommen war, als Buffettkraft in einem Hotel am Jakobsmarkt. Aber solche Gleichförmigkeit hält eine energiegeladene Frau wie Marina Ivankovic nicht lange aus. „Erst wollte ich den Laden mit einer Kollegin machen, „dann stand ich plötzlich allein da“, erzählt sie.

Für jeden Notfall gerüstet

Ein großer Schreck. Doch ihr Vorgänger, Thomas Weißmann alias Onkel Tom, hat ihr in den ersten Monaten geholfen. Nun arbeitet sie gerade ihre erste Mitarbeiterin ein, die die Nachmittage übernehmen soll, die Annahmestelle für den Hermes-Versand und den Verkauf. Es gibt ein paar Gläser Marmelade, Eier, eine Sorte Bier und viel Limonade, ein paar Packungen Kaffee, zudem Zigaretten und Zeitschriften — kein ausladendes Angebot, aber für jeden Notfall ist „Onkel Tom“ gerüstet.

Die Tür bimmelt. Noch ein Kind, das sich ein Wassereis aussucht und mit verschwitzter Hand das Kleingeld reicht. „Wie viel kriegst du zurück?“, fragt Marina Ivankovic mit sanfter Stimme und doch bestimmt. So wie sie einem anderen Jungen wenig später ein Magazin zeigt, in das Sammelbilder geklebt werden. „Weißt du, was Komponisten sind?“

Die Kinder sind nicht nur Kunden, sondern auch Kinder, die lernen. Was Marina Ivankovic lernt? Jede Chance zu nutzen. Im Februar entdeckte sie den Verkaufswagen der Hofmetzgerei Thilo Vogel. Er solle sich doch vor ihr Geschäft stellen, schlug sie dem Metzger vor.

Eine gute Idee? „Auf jeden Fall, das macht sich auch im Umsatz bemerkbar“, sagt der Mann aus Emskirchen im Landkreis Neustadt/Aisch. Immer Dienstag und Freitag bietet er frische Wurst, alle Sorten Fleisch aus eigener Schlachtung, Frischgeflügel sowie Eier und Nudeln an. An diesen Tagen belegt Marina Ivankovic kein einziges Brötchen. Sie will die Kooperation nicht durch Konkurrenz stören, denn der Laden ist ein Glücksfall. 19 Interessenten hatten sich bei der Gartenstadt Genossenschaft beworben und mussten vorsprechen.

Ein Seminar besucht

War Marina aufgeregt? Immerhin hatte sie ein Existenzgründerseminar bei der IHK gemacht, einen Businessplan geschrieben. „Aufgeregt ist kein passendes Wort dafür“, sagt Marina und rollt die Augen. Deutsch spricht sie mit leichtem Akzent und bewegt sich so mühelos in der Sprache wie ein Fisch im Wasser. Sie wurde genommen, beerbte „Onkel Tom“ und profitiert von seiner Aufbauarbeit.

Das ist keineswegs selbstverständlich, wie Johannes Soellner weiß. Als technischer Leiter der Genossenschaft kann er auch vom leerstehenden Laden in der Julius-Loßmann-Straße berichten. Einen Feinkostladen, einen Metzger oder Lebensmittel wünschen sich die Genossen — aber es findet sich kein Mieter. Dabei wohnen allein in der Gartenstadt rund 4000 Menschen, Netto, Lidl und Norma liegen am Rande. „Die Nachfrage ist da“, sagt Soellner, aber... die Arbeit. Marina Ivankovic beißt sich durch. Sie probiert sogar die Fruchtgummis, die sie gar nicht mag. Aber sie muss doch wissen, wie die saure Deutschlandfahne schmeckt („ganz gut“) und wie die Schlümpfe („Plombenkiller!“).

Aber der Geschmack ist das eine, Geld das andere. „Die 500er Scheine sind als Erstes weg“, lächelt Marina Ivankovic und meint das Esspapier. Mit dem eigenen Geschäft ist sie zufrieden. „Es läuft so gut, dass ich bestehen kann.“ Und es soll noch besser werden. Um 15 Uhr nimmt sie ein Bündel Rechnungen und Lieferscheine aus der Kasse, die Arbeit für abends. Marina wünscht sich nur eines: „Jeder Tag sollte 48 Stunden haben.“ 



GABI PFEIFFER

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