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Frau May, wie kamen Sie auf die Idee, hier in Nürnberg einen Verein zu gründen, um Kindern in Indien zu helfen?
Christine May: Ich habe mich schon immer für Indien interessiert. Zu meiner Schulzeit hatte ich eine Brieffreundin in Indien, die ich noch heute regelmäßig besuche. Später habe ich durch einen Verein selber eine Patenschaft für ein Mädchen übernommen. Als der Verein sich irgendwann auflöste, habe ich mit sechs Bekannten einen eigenen gegründet, damit die Kinder nicht ohne Hilfe dastehen. Wir arbeiten mit demselben Team in Andhra Pradesh zusammen wie der vorige Verein. Inzwischen war ich schon dreimal in Indien. Ich will in Zukunft jedes Jahr hinfliegen, um zu sehen, wie sich unsere Kinder und Projekte entwickeln.
Sie waren zuletzt Ende November in Andhra Pradesh. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?
May: Die Inder sind sehr fröhlich und optimistisch, trotz aller Armut. Es sind eben Hindus: Sie glauben, wenn sie dieses Leben gut meistern, geht es ihnen im nächsten Leben besser. Die Menschen haben sich unheimlich gefreut, mich wiederzusehen. Sie sind sehr berührt, wenn man ihnen etwas gibt. Die Menschen, die wir betreuen, leben am untersten Existenzminimum. Viele haben umgerechnet vielleicht 25 Euro im Monat zum Leben. Für sie ist es schon das Höchste, wenn man ihnen einen großen Sack Reis mitbringt.
Wie hilft der Verein „Thara India“ den Kindern außer mit nützlichen Geschenken?
May: Unsere Hauptaufgabe ist die Vermittlung von Patenschaften. Mit 18 Euro im Monat kann man ein Kind in Andhra Pradesh unterstützen. Davon werden Schulgebühren, Schuluniformen, Bücher, Hefte und vieles andere bezahlt, was Kinder so brauchen. Wir finden, dass man bei der Bildung ansetzen muss. Denn nur wer gut ausgebildet ist, kann der Armut entkommen. Mit Sonderspenden finanzieren wir weitere Hilfsprojekte, zum Beispiel sogenannte Gesundheits-Camps. Dabei können sich die Menschen in den Dörfern von Ärzten untersuchen und behandeln lassen. Viele leiden an grauem Star, nicht nur Ältere. Außerdem bauen wir Toiletten, verteilen Hygiene-Artikel und Medikamente gegen Malaria, Typhus und Durchfall.
Ist es schwierig, Paten zu finden?
May: Wir haben bisher 40 Kinder vermittelt. Die Zahl der Paten ist geringer, weil manche zwei oder mehr Kinder unterstützen. Ich hatte es mir einfacher vorgestellt. Viele wollen sich nicht fest an eine solche langfristige Verantwortung binden.
Was sind außer fehlender Bildung und Gesundheitsversorgung die größten Probleme der Menschen in Andhra Pradesh?
May: Die meisten haben keine feste Arbeit und müssen sich als Tagelöhner in der Landwirtschaft durchschlagen, weil sie keine Bildung haben. Sie gehören der untersten oder überhaupt keiner Kaste an und gelten als „untouchable“ — als unberührbar. Schlimm sind auch die häufigen Überschwemmungen. Kurz vor meiner Reise wurde das Gebiet wieder überschwemmt. Dadurch ist die Ernte ausgefallen, und viele Bauern können ihrem Landlord (Grundbesitzer, Anm. d. Red.) die Pacht nicht mehr bezahlen. Manche bringen sich um, weil sie überschuldet sind und keinen Ausweg mehr sehen.
Welche Auswirkungen hatte die letzte Überschwemmung für die Menschen, die Sie betreuen?
May: Wegen der ausgefallenen Ernte gab es weniger zu essen. Die Reispreise steigen. Die Bauern, deren Felder überschwemmt wurden, müssen sich wieder von irgendwo Geld leihen und ganz von vorne anfangen.
Was für Schicksale in Andhra Pradesh schockieren Sie besonders?
May: Schockieren tut mich nichts mehr. Aber das Schlimmste ist für mich, wenn sich Eltern umbringen und die Kinder alleine zurücklassen. Manchmal hört man, dass die Landlords dann die Kinder zwingen, auf dem Feld die Schulden abzuarbeiten. Viele Kinder werden auch zu Waisen, weil beide Eltern HIV-infiziert sind und daran sterben. Oft müssen sich dann die Großeltern um die Kinder kümmern.
Indien gilt als aufstrebendes Schwellenland. Wie passt das mit dem archaischen Kastensystem zusammen?
May: Das Kastensystem existiert seit Jahrtausenden. Es ist eben so, man kann es wahrscheinlich nie abschaffen. In den großen Städten spielt es eine geringere Rolle als auf dem Land. Aber in Andhra Pradesh gehören viele Menschen zur untersten Kaste.
Heißt das, sie sind völlig perspektivlos?
May: Nein. Wenn die Kinder ausreichend gefördert werden, strengen sie sich in der Schule richtig an und können trotz Kastensystem alles erreichen, was sie wollen. Unsere Patenkinder gehören oft zu den Klassenbesten.
Haben Sie manchmal das Gefühl, der Armut machtlos gegenüberzustehen — trotz der Hilfe, die Sie leisten?
May: Dieses Gefühl darf man nie haben, sondern sollte sich über jeden Menschen freuen, dem man helfen kann. Ich finde, wenn man nur einem Kind hilft, hilft man damit einer ganzen Generation.
Zuletzt war Indien öfter wegen Vergewaltigungen negativ in den Schlagzeilen. Spielt dieses Thema auch für Ihren Verein eine Rolle?
May: Dass wir Vergewaltigungen und andere Gewalttaten grundsätzlich ablehnen, ist selbstverständlich. Außer der Tatsache, dass es in Indien passiert ist und wir dort tätig sind, spielt das Thema für uns keine Rolle, weil wir uns, wie gesagt, hauptsächlich um Kindespatenschaften kümmern.
Kontakt: www.thara-india.com
In unserer Fotoserie "Mittags in der Stadt" finden Sie an den fünf Werktagen ein aktuelles Foto aus Nürnberg.