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„Die Leute wachsen einem richtig ans Herz“

Playbacktheater von Stadtteilbewohnern und Preißlerschülern ging in Muggenhof in die dritte Runde - 28.12. 07:59 Uhr

Muggenhof  - Kurz vor Weihnachten ging im Nürnberger Westen das „Generationentheater“ in die dritte Runde. Dabei wurden nicht nur Muggenhofer Stadtteilgeschichten von Schülern auf die Bühne gebracht, sondern der Austausch zwischen Jung und Alt verbessert.

Hier spielen (von li.) Denise, Karin und Flo eine Kioskszene von Anne Marie Blaß.
Hier spielen (von li.) Denise, Karin und Flo eine Kioskszene von Anne Marie Blaß.
Foto: Pfrogner
Hier spielen (von li.) Denise, Karin und Flo eine Kioskszene von Anne Marie Blaß.
Hier spielen (von li.) Denise, Karin und Flo eine Kioskszene von Anne Marie Blaß.
Foto: Pfrogner

Anne Marie Blaß hat Tränen in den Augen. Auf der Bühne steht eine 13-Jährige in einem Kiosk. Ständig betreten Kunden den Laden, bestellen Tabakwaren und Zeitschriften. Das Mädchen kommt kaum noch hinterher. Der Kiosk hat sieben Tage die Woche geöffnet, es bleibt kaum Freizeit. Als eines Tages ein Mann kommt und der Ladenbesitzerin erzählt, dass in Nürnberg, in ihrer alten Heimat, ein Großmarkt aufmacht und Personal gesucht wird, muss sie nicht lange überlegen: Der Kiosk in Essen wird geschlossen, Muggenhof wird das alte und neue Zuhause.

Was Rentnerin Blaß an der Szene so rührt, ist die eigene, lebendig gewordene Erinnerung. Das Mädchen auf der Bühne heißt Karin und besucht die Preißler-Schule. Für diesen Moment schlüpft sie in die Rolle der Essener Kioskbesitzerin Anne Marie Blaß.



Playbacktheater nennt sich das, was sich vor den Augen der Zuschauer in der Zentrifuge auf dem ehemaligen AEG-Gelände abspielt. Sechs Bürger aus Muggenhof und Eberhardshof haben zwölf selbst erlebte Geschichten erzählt, die von sieben Preißlerschülern im Alter von zwölf bis 14 Jahren auf der Bühne nachgespielt werden.

Theaterpädagoge Jean-Francois Drozak holte die besagten Geschichten auf die Bühne, indem er sich Fragen ausdachte, wie „Was hält uns zusammen?“ oder „Welcher Gegenstand im Wohnzimmer ist am wichtigsten?“. Bei Erzählern fündig geworden ist man durch die Kontakte von Stefanie Dunker, der Leiterin des Kulturbüros Muggenhof. Einziges Kriterium für die Auswahl der Erzähler: Sie müssen einige Jahre im Stadtteil gelebt haben.

Die Schüler hatten dagegen nur ein paar Tage Zeit, um sich in den Rollen einzufinden. „Am Montag wussten wir noch nicht mal, was wir spielen werden“, sagt Nico (13). Es folgten vier Tage mit 20 Stunden Proben für den großen Auftritt am Freitag.

Ziel des Projekts war aber nicht nur, Muggenhofer Stadtteilgeschichten auf die Bühne zu bringen, sondern für eine „kreative Begegnung zwischen zwei Generationen im selben Stadtteil zu sorgen“, so Dunker. Eine Hoffnung, die dem Anschein nach erfüllt wurde. „Es war spannend von den älteren Menschen zu hören. Die Jungen und die Alten sollten mehr zusammen unternehmen“, findet Florian (13).

Total überrascht

Oft würden die Jugendlichen ganz anders auf alte Anekdoten reagieren, als es die ältere Generation erahnen würde, meint Pia Bisch: „Sie denken, ihre Geschichten wären total langweilig und sind überrascht, wenn ihnen jemand zuhört.“ Bisch selbst hat Kulturmanagement studiert und ist im Moment auf Arbeitssuche. Deshalb hatte sie Zeit, bei der Organisation des Projekts mitzuhelfen. „Die Leute wachsen einem richtig ans Herz. Es werden Kontakte geknüpft, die bleiben“, sagt sie zurückblickend.

So ist es auch bei Rentnerin Blaß, die schon zum dritten Mal mitgemacht hat. Und der Umzug von Essen zurück nach Muggenhof? „Den habe ich nie bereut“, sagt Blaß und lächelt. Freiraum, Nähe zur Stadt, Gestank von der Kläranlage — das verbindet Blaß genauso mit dem Stadtteil wie die 14-jährige Tracy. Auch sie könnte schon eine Stadtteilgeschichte erzählen: „Früher war ich mit meiner Mutter in der Quelle und bekam immer, was ich wollte.“ Und wer weiß, vielleicht hat Tracy eines Tages Tränen in den Augen, wenn ein kleines Mädchen auf der Bühne von einem ehemaligen Kaufhaus in der Fürther Straße erzählt. 



MARCEL STAUDT

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