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„Einen Monat Dauerwelle — und nie wieder!“

Frisör Richard Schmid über die Aussichten eines lockigen Trends — Chemisches Verfahren seit 80 Jahren - 20.06.2012 07:59 Uhr

Richard Schmid mit den Dauerwelle-Lockenwicklern.

Richard Schmid mit den Dauerwelle-Lockenwicklern. © Matejka


Herr Schmid, seit 80 Jahren sorgt die Chemie für Dauerwellen. Aber wenn man sich so umschaut, scheinen diese ein Auslaufmodell zu sein.

Richard Schmid: Das stimmt. Es will kaum noch ein junger Mensch die Dauerwelle. Seit den 80ern wurde mit den englischen Haarschnitten ein neuer Trend eingeläutet, der die Dauerwelle verdrängt hat. Dazu kamen neue bunte Farben und Strähnen ...

... ein Ausläufer des Punk...

Schmid: Ja, klar, den Modetrend haben aber nicht die Frisöre erfunden, sondern ein paar durchgeknallte Kids in den Garageneinfahrten.

Welche Leute stehen heute noch auf die Dauerwelle?

Schmid: Wir haben noch ganze sieben Kundinnen. So kriegen meine Lehrlinge noch etwas Praxis mit, aber sie haben große Probleme, Modelle zu finden.

Die Dauerwelle ist also weiter eine Königsdisziplin bei der Ausbildung?

Schmid: Ja. Es ist mir aber unbegreiflich, dass sie bei der Frisörinnung noch ein Pflichtfach ist. Vertreter der Industrie sagen mir ständig, dass ein Revival kommt. Aber ich sehe doch: Es will keiner eine!

Das war früher mal ganz anders.

Schmid: Bestimmt 80 Prozent der jungen Männer haben in den 70ern mal Dauerwelle in Deutschland getragen.

Was war der Grund für diese Modewelle?

Schmid: Es war ein blöder Trend — wie die Karottenhosen, bei denen man sich nicht mehr vorstellen kann, sie getragen zu haben. Ich hatte auch mal eine Dauerwelle — einen Monat und nie wieder!

Aber praktischer war die Frisur doch wenigstens, oder?

Schmid: Nö, nicht mal das. Es ist einfach so: Wir Frisöre haben damals noch keine guten Haarschnitte gemacht. Wir haben mit Effilieren und Messern Haare gekürzt und sie nicht mit der Schere in Form geschnitten. Mit Vidal Sassoon, der in London eine Schule eröffnete und ein Imperium schuf, wurde alles anders. Ende der 70er bin ich das erste Mal hingetrampt. Seitdem fahre ich jedes Jahr hin und besuche einen Kurs, um mich fortzubilden. Erst im April war ich drei Tage dort.

Typisch für 1979: Viele Fußballer, wie hier der HSV-Star Kevin Keegan, trugen damals Dauerwelle.

Typisch für 1979: Viele Fußballer, wie hier der HSV-Star Kevin Keegan, trugen damals Dauerwelle. © dpa


Gerade läuft die Fußball-Europameisterschaft. Gibt es schon einen Kicker, dessen Frisur einen Trend setzt?

Schmid: Ganz klar Mario Gomez! Die Kids kommen und wollen seinen Haarschnitt haben — der löst jetzt die Justin-Bieber-Welle ab.

Zurück zur Dauerwelle. Wie lange dauert die Prozedur?

Schmid: Zwei bis vier Stunden — mit Wickeln, Einwirkzeit der Chemie, Neutralisieren der Haare, Schneiden und Stylen. Eine gut gemachte Dauerwelle kostet allein 50 bis 70 Euro, die dann vier bis fünf Monate halten sollte.

Wie ungesund ist die Chemie?

Schmid: Sie ist aggressiv für die Kopfhaut und das Haar wird in sich zerstört. Nach der Blondierung ist die Dauerwelle das Schädlichste, was man dem Haar antun kann! Wenn eine Kundin mit Allergien zu tun hat, würde ich ablehnen. Für Frisöre ist es heute nicht mehr so schlimm. Im Gegensatz zu vor 30 Jahren tragen wir Schutzhandschuhe.

Gibt es denn noch keine Biodauerwelle?

Schmid: Nö (lacht), man kann höchstens Wickler ins nasse Haar drehen. Aber dann sind die Locken nach dem Waschen wieder draußen. Das wird dann keine Dauer-, sondern eine Kurzwelle (lacht).

Was tun, wenn man hinterher total unglücklich ist?

Schmid: Da hilft nur kurz schneiden, rauswachsen lassen oder noch mal mit der Chemie behandeln lassen.

Gab es denn oft Tränen?

Schmid: Nein, doch wir haben Hunderte verunstaltet. In meiner Lehrzeit bekamen die Mädels noch eine Dauerwelle zur Konfirmation — sie haben ausgeschaut wie ihre Urgroßmütter. Das war schlimm!

Oberbürgermeister Ulrich Maly gehört seit Studententagen zu Ihren Kunden. Trug er schon mal Dauerwelle?

Schmid: Nicht seitdem er bei mir ist. Seinem Sohn haben wir mal Rastalocken gemacht — eine andere Methode, aber auch mit der Dauerwellenflüssigkeit. Mittlerweile hat er ebenfalls kurze Haare.

Und wie lange überlebt die Dauerwelle noch?

Schmid: Sie wird es nach wie vor geben, bis die Letzten gestorben sind. In London habe ich aber kurz gestutzt, weil es wieder mehr Frisuren mit gewellten Haaren gab. Sie waren jedoch nur etwas für Leute mit Naturwellen — an die kommt auch keine Dauerwelle ran. 

Interview: Jo Seuß

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