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Frech durch vier Jahrzehnte

Wöhrder Kinderladen wurde 1972 in einer früheren Bäckerei eröffnet - 15.06.2012 07:59 Uhr

WÖHRD  - Ein „Dino“ unter den Kinderläden feiert Geburtstag. Vor 40 Jahren eröffnete der Kila Meisterleinsplatz als eine der ersten Nürnberger Elterninitiativen in einer ehemaligen Bäckerei.

Selbsterfahrung steht im Mittelpunkt: Die Mädchen und Jungen im Kinderladen dürfen frech ihren eigenen Weg gehen.
Selbsterfahrung steht im Mittelpunkt: Die Mädchen und Jungen im Kinderladen dürfen frech ihren eigenen Weg gehen.
Foto: Roland Fengler
Selbsterfahrung steht im Mittelpunkt: Die Mädchen und Jungen im Kinderladen dürfen frech ihren eigenen Weg gehen.
Selbsterfahrung steht im Mittelpunkt: Die Mädchen und Jungen im Kinderladen dürfen frech ihren eigenen Weg gehen.
Foto: Roland Fengler

Durch die große Schaufensterscheibe fällt viel Licht in den Garderobenraum. Auch die Ladentür ist noch da. Nur daran lässt sich erkennen, dass hier mal ein Geschäft war. Wo früher Brötchen über den Ladentisch gingen, hängen seit vier Jahrzehnten Regenjacken und Kindergartentaschen.

„Warum fotografiert ihr uns?“, will die kleine Mila neugierig wissen. Na, weil der Kinderladen bald Geburtstag feiert und das was Besonderes ist. Ach so! „Gefällt’s euch hier?“ „Jaaa klar!“, ruft Mila und wirft sich mit ihrer Freundin Fritzi, Rodion, Quentin und den anderen für ein Jubiläumsbild in Pose.


„Wir sind der einzige Kinderladen in Nürnberg, der seit seiner Gründung in den gleichen Räumen ist“, erzählt Leiterin Patricia Nitschke (52) stolz. Sicher, der Zahn der Zeit hat an den Räumen genagt. Auch der ehemaligen Backstube sieht man an, dass sie seit vielen Jahren zum Toben, Lesen, Basteln und Erholen benutzt wird. „Wir renovieren alles selber“, erklärt Nitschke. Ohne die Mithilfe der Eltern funktioniert ein Kinderladen nicht.

Freie Entfaltung

1972 waren die meisten Kindergärten geprägt von strengen Erziehungsmethoden. Brav sollten Kinder sein, Gehorsam und Strafe prägten die Pädagogik. Von freier Entfaltung und individueller Förderung war kaum die Rede. Viele Eltern der 68er-Generation suchten nach Alternativen.

So auch vier Elternpaare aus Wöhrd. Sie gründeten den „Verein für fortschrittliche Kindererziehung“ und bauten die Bäckerei am Meisterleinsplatz12 zum Kinderladen um. „Wir verdammten den autoritären Erziehungsstil und redeten uns die Köpfe heiß, ob und wie weit ein Erzieher überhaupt auf ein Kind einwirken darf“, erinnert sich eine Mutter.

In Rosi Palm fanden sie eine Erzieherin, die auf der gleichen Wellenlänge lag. 32 Jahre lang führte die Pädagogin den Kinderladen. Ohne Strafen, trotzdem nicht ganz ohne Regeln, aber mit „einleuchtenden Regeln“, die die Kinder befolgen, weil sie den Grund dafür verstehen. Essen rumwerfen und ans Schaufenster pinkeln ist ja auch irgendwie doof, das verstehen schon Vierjährige. Ganz so anarchisch, wie sich Kritiker der antiautoritären Erziehung das vorgestellt hatten, lief es also nicht ab.

Spukt das alte Vorurteil noch immer in den Köpfen? „An Anarchie denkt wohl niemand, die Eltern haben eher Angst, dass ihr Kind nicht genug lernen könnte“, sagt Patricia Nitschke, die vor acht Jahren die Leitung übernahm. „Im Freispiel lernt der Nachwucsh aber immer noch am meisten, außerdem arbeiten wir auch sehr viel mit den Kindern.“ Rituale wie Stuhlkreise oder Gruppenprojekte gehören zum Kila-Alltag.

Die Unterschiede zwischen einem Kinderladen und einem „normalen“ Kindergarten sind längst nicht mehr so gravierend wie zu Beginn. Zwar helfen die Eltern noch sehr viel mit, doch die pädagogische Arbeit ist inzwischen komplett an die Erzieher delegiert. Früher mussten Mama oder Papa einmal die Woche „Bezugsdienst“ leisten, sprich, einen Tag lang die Kinder mitbetreuen. Heute waschen sie die Wäsche, gehen einkaufen, reparieren oder organisieren etwas.

„Vierzig Jahre Kinderladen funktioniert nur, wenn man mit der Zeit geht“, ist Nitschke überzeugt. Mütter, die berufstätig sind, Alleinerziehende — da müsse auch ein Kinderladen flexibel sein und die Anforderungen an die Eltern anpassen.

„Die Grundidee ist aber immer noch die gleiche“, betont die Leiterin. Die individuellen Bedürfnisse der Jungen und Mädchen stehen nach wie vor im Vordergrund. Nitschke und ihr Team orientieren sich dabei an der sogenannten Reggio-Pädagogik, deren Grundprinzip die Wertschätzung und Respektierung eines jeden Menschen ist.

Und es geht natürlich um freie Entfaltung. „Ein Erzieher bei uns ist niemand, der die Kinder mit Wissen befüllt, sondern er eröffnet ihnen Welten zur Selbsterfahrung.“

Gefeiert wird der 40. Geburtstag am 15. Juli zwischen 14 und 18 Uhr in der Einrichtung mit buntem Programm.

  

Manuela Prill

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