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Geballter Widerstand in Worzeldorf

EK 2000 brachte Bürger auf die Palme — Baureferent Anderle kämpfte an allen Fronten - 01.02.12

Futuristische Hochhäuser, Wohnanlagen im Disney-Look oder eine neue Stadt-Magistrale im XL-Format. Immer wieder sorgen solche Planungen für hitzige Diskussionen. Doch ihr Langzeitwert ist oft ebenso begrenzt wie die Chancen auf Realisierung. In einer Serie will der Stadtanzeiger die schönsten Luftnummern der letzten Jahre wieder ins Gedächtnis rufen. Teil 7: Das EK 2000.

Geballter Protest 1992 in Worzeldorf: Die erzürnten Bewohner lehnten die Pläne für eine neue Trabantenstadt im Nürnberger Süden vehement ab.
Geballter Protest 1992 in Worzeldorf: Die erzürnten Bewohner lehnten die Pläne für eine neue Trabantenstadt im Nürnberger Süden vehement ab.
Foto: Wilhelm Bauer
Geballter Protest 1992 in Worzeldorf: Die erzürnten Bewohner lehnten die Pläne für eine neue Trabantenstadt im Nürnberger Süden vehement ab.
Geballter Protest 1992 in Worzeldorf: Die erzürnten Bewohner lehnten die Pläne für eine neue Trabantenstadt im Nürnberger Süden vehement ab.
Foto: Wilhelm Bauer




Wurde heftig angegriffen, konnte aber auch austeilen: Baureferent Walter Anderle erläuterte 1994 in Worzeldorf das EK 2000.
Wurde heftig angegriffen, konnte aber auch austeilen: Baureferent Walter Anderle erläuterte 1994 in Worzeldorf das EK 2000.
Foto: Hippel
Wurde heftig angegriffen, konnte aber auch austeilen: Baureferent Walter Anderle erläuterte 1994 in Worzeldorf das EK 2000.
Wurde heftig angegriffen, konnte aber auch austeilen: Baureferent Walter Anderle erläuterte 1994 in Worzeldorf das EK 2000.
Foto: Hippel

War es Gedankenlosigkeit, die Vorfreude auf die Ferien oder eiskaltes Kalkül? Ende August 1992 präsentierten der damalige Baureferent Walter Anderle und Oberbürgermeister Peter Schönlein das Entwicklungskonzept 2000. Kernpunkt war die Schaffung von 23000 neuen Wohnungen und 20000 Arbeitsplätzen.


Die Natur-Idylle rund um Worzeldorf sollte auf jeden Fall gerettet werden.
Die Natur-Idylle rund um Worzeldorf sollte auf jeden Fall gerettet werden.
Foto: Wilhelm Bauer
Die Natur-Idylle rund um Worzeldorf sollte auf jeden Fall gerettet werden.
Die Natur-Idylle rund um Worzeldorf sollte auf jeden Fall gerettet werden.
Foto: Wilhelm Bauer

Gewerbeflächen waren unter anderem im Tiefen Feld (42 Hektar), auf den Arealen der Süd- und Bundeswehrkaserne, an der Marienberg/


Überrumpelt? Stadtplanungsreferent Utz Ingo Küpper.
Überrumpelt? Stadtplanungsreferent Utz Ingo Küpper.
Überrumpelt? Stadtplanungsreferent Utz Ingo Küpper.
Überrumpelt? Stadtplanungsreferent Utz Ingo Küpper.

Erlanger Straße (37 Hektar) sowie in Boxdorf-Ost vorgesehen.


Clever eingefädelt? Oberbürgermeister Peter Schönlein.
Clever eingefädelt? Oberbürgermeister Peter Schönlein.
Clever eingefädelt? Oberbürgermeister Peter Schönlein.
Clever eingefädelt? Oberbürgermeister Peter Schönlein.

Als geeignet für den Wohnungsbau (mit Blick auf die erwartete Überschreitung der 500000-Einwohnergrenze der Stadt) wurden Flächen in Worzeldorf, Katzwang-Ost, Langwasser-Süd, Langwasser-Ost, Altenfurt und das südliche Knoblauchsland ausgemacht.


Kein Blatt vorm Mund: Die Vorsitzende des Bürgervereins Worzeldorf, Inge Rossa, las den Stadtoberen (zu sehen OB Peter Schönlein und CSU-Chef Ludwig Scholz) die Leviten.
Kein Blatt vorm Mund: Die Vorsitzende des Bürgervereins Worzeldorf, Inge Rossa, las den Stadtoberen (zu sehen OB Peter Schönlein und CSU-Chef Ludwig Scholz) die Leviten.
Foto: Stefan Hippel
Kein Blatt vorm Mund: Die Vorsitzende des Bürgervereins Worzeldorf, Inge Rossa, las den Stadtoberen (zu sehen OB Peter Schönlein und CSU-Chef Ludwig Scholz) die Leviten.
Kein Blatt vorm Mund: Die Vorsitzende des Bürgervereins Worzeldorf, Inge Rossa, las den Stadtoberen (zu sehen OB Peter Schönlein und CSU-Chef Ludwig Scholz) die Leviten.
Foto: Stefan Hippel

Mitten in der friedlichen Sommerpause sorgten Anderle und Schönlein damit nicht nur im rot-grünen Regierungsbündnis für Aufruhr. Die Präsentation der im stillen Kämmerlein des Baumeisterhauses wie eine geheime Verschlusssache entstandenen Baupläne fand genau einen Tag vor dem Amtsantritt des neuen und in dieser Frage mitverantwortlichen Stadtentwicklungsreferenten Utz Ingo Küpper statt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Aufruhr gab es aber auch im Nürnberger Süden, denn der Siedlungsschwerpunkt mit 8000 Wohnungen auf 120 Hektar sollte zwischen Worzeldorf und Kornburg entstehen.

Während die rathausinternen, ernsten Spannungen zwischen Anderle und dem Neuen mit dem Kompromiss, dass künftig beide Referate an der Planung arbeiten und Küpper noch eigene Vorstellungen einbringen durfte, relativ schnell erledigt wurden, schaukelte sich der Ärger mit den Bewohnern von Worzeldorf und Kornburg zu einer wahren Flutwelle hoch.



Die Steilvorlage lieferte der Bund Naturschutz (BN). Während Stadträte bereits in den betroffenen Gebieten unterwegs waren, um für die Ziele des EK 2000 zu werben, kritisierte die damalige Nürnberger BN-Vorsitzende Therese Mayerle, im Konzept werde gar kein Nachweis für die Notwendigkeit neuer Bau- und Gewerbegebiete in der Größenordnung geführt. Ökologische Gesichtspunkte spielten überhaupt keine Rolle, nur wirtschaftliche Aspekte. Besser sei es, nicht genutzte, brachliegende Grundstücke für Bauprojekte zu aktivieren, so Mayerle.

Abgespeckte Variante

Obwohl der Stadtrat 1994 das EK 2000 in abgespeckter Form absegnete, die Wohnbauflächen in Worzeldorf (nur noch 4000 Wohneinheiten), im Tiefen Feld (1500 Wohneinheiten) und Langwasser-Süd (1500 Wohneinheiten) wurden reduziert, kochte die Volksseele im Nürnberger Süden über.

Bürgerinitiativen gründeten sich in Worzeldorf und Kornburg, bei Versammlungen ging es hoch her und die Vertreter der Stadt, allen voran Baureferent Anderle, mussten sich einiges anhören. Beispielsweise die damalige Vorsitzende des Bürgervereins Worzeldorf, Inge Rossa: „Wir alle wollten dem Moloch Großstadt entfliehen und werden nun von ihm eingeholt. Mehr als eine Verdoppelung unserer Bevölkerungszahl lehnen wir ab. Wir finden das unerträglich.“ Die Kornburger fürchteten um den Dorfcharakter ihres Stadtteils. Ein „neues Langwasser“ vor den Toren Kornburgs berge die Gefahr, dass der Stadtteil regelrecht erdrückt würde.

Vermisst wurden in dem Planungskonzept vor allem infrastrukturelle Einrichtungen. Wo sollen die Kinder in die Schule gehen? Wo gibt es Spielplätze, Kindergärten oder Einrichtungen für alte Menschen? Die versprochene Stadtbahn nach Kornburg stieß auf Widerstand. Neu entstehende Verkehrsprobleme ließen sich damit nicht beheben.

Vertrauen gleich null

So sehr Oberbürgermeister Peter Schönlein damals an den Gemeinsinn aller Bürger appellierte und darauf hinwies, dass der angesprochene „Moloch“ ja auch den Müll der Bewohner im Nürnberger Süden verbrenne oder kulturelle Einrichtungen für alle Bürger finanziere, konnte die Ängste nicht vertreiben. Die Fronten waren total verhärtet. Vertrauen in die Versprechungen und Prognosen der Stadt? Gleich null.

Parallel zum EK 2000 startete die Stadt mit der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme Herpersdorf-Nord und Herpersdorf-Süd den Versuch, zumindest Teile der geplanten großflächigen Besiedlung im Südwesten zu retten. Schnell war von „Mogelpackung“ die Rede und von „Salami-

Taktik“. Am Ende wurde auch dieses angebliche Vorzeige-

Modell, das übrigens in diesem Jahr ausläuft und in seiner jetzigen Form durchaus als Erfolg bezeichnet wird, auf Normalmaß zurechtgestutzt.

Beschleunigt wurde der Untergang des EK 2000 durch die permanenten Querschüsse aus den Reihen der CSU, die damals ohnehin auf Kriegsfuß mit den Ideen der rot-grünen Rathaus-Mehrheit stand und jede Gelegenheit nutzte, deren Glaubwürdigkeit nachhaltig zu erschüttern. Das Aus für das EK 2000 kam mit der Kommunalwahl 1996 und dem Machtwechsel im Rathaus.

Die CSU übernahm das Ruder und verkündete sogleich, dass man die Bebauungspläne für Kornburg/Worzeldorf ändern werde und damit den Weg für eine „bedarfsorientierte und harmonische Bebauung ohne Zeitdruck und mögliche Enteignungen freimachen wird.“

„Das war ein Zweikampf unterschiedlicher Prinzipien“, sagt Peter Schönlein heute. Er sei davon überzeugt gewesen, dass es richtig sei, die Wirtschaftskraft der Stadt zu stärken und vorausschauend zu denken. Andere seien der Meinung gewesen, dass es genug sei mit der Expansion und mit dem EK 2000 eine Verschlechterung der Lebensqualität verbunden sei. Dass Rot-Grün bei den Wahlen 1996 die Quittung für die „rigorose Politik“ bekommen hat, ist für Schönlein rückblickend klar. „EK 2000 und unsere Vorstellungen zur Verkehrsentwicklung mit Altstadtsperrung, Fußgängerzonen oder Baumscheiben statt Parkplätzen hat schon Widerstände provoziert“, sagt der Ex-OB heute. Aber eine klare Rathauspolitik wie damals sei immer noch viel besser, als das, was das heutige „All-Parteien-Parlament“ im Rathaus zuwege bringt.
  



VON REINHARD SCHMOLZI

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