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SPD-Baureferent Otto Peter Görl machte ein ordentliches Fass auf, als er 1974 vorschlug, zwischen Plärrer und Maximilianstraße die Fürther Straße autofrei zu machen. Der Plan scheiterte – an CSU, FDP, Geschäftsleuten, ADAC und auch der Bezirk fand ihn nicht so prickelnd.
39 Jahre später sagt der oberste Nürnberger Verkehrsplaner Frank Jülich zwar nicht: Sperrt die Fürther Straße komplett für Autos. Doch seine Vision lautet ähnlich wie in den 70er Jahren: Wenn der Frankenschnellweg ausgebaut ist, könne er noch viel besser seine „Sogwirkung“ entfalten und wie eine Saugglocke die Autos von der Fürther Straße abziehen.
In den 70er Jahren musste der Frankenschnellweg erst noch bis zur Nopitschstraße fertiggestellt werden, in der Gegenwart geht es bekanntlich um den kreuzungsfreien Ausbau. Wenn der mal geschafft ist, sei es erst recht kein Problem, auf Höhe des Justizpalastes in der Fürther Straße den Pkw stadtauswärts eine Spur zu nehmen, meint Jülich. „Wie schnell und reibungslos der Verkehr fließt, hängt ohnehin vor allem von den Ampelschaltungen ab.“
1974 war klar, dass die Straßenbahn durch die Fürther Straße bald Geschichte sein würde und künftig die Züge im Untergrund Richtung Nachbarstadt düsen. Damit wurde Platz frei für eine völlig neue Gestaltung der schnurgeraden, sieben Kilometer langen Strecke. Baureferent Görl hatte eine Vision. „Die Fürther Straße könnte ein Spiel- und Wohnboulevard werden, mit herrlichem Baumbestand“, schwärmte er in den Nürnberger Nachrichten.
Schließlich sei sie mit 40 Metern die breiteste Straße in Nürnberg. Und wenn die Autos nicht mehr reindürften, dann wäre die Fürther Straße nichts anderes als ein langer Platz zum Flanieren, Ausruhen und Spielen. Außerdem würde der ganze Arbeiter-Stadtteil Gostenhof aufgewertet.
Doch die Geschäfteleute in der Fürther Straße schrieen Zeter und Mordio. Von den Bewohnern des Viertels seien keine hohen Umsätze zu erwarten, man brauche unbedingt die Kunden, die mit dem Auto kommen, um Schallplatten, Brillen oder schicke Kleidung zu kaufen. Auch Gastwirte winkten ab: Ein Boulevard? „Das ist bloß Schmarrn.“
Es spülte jede Menge Leserbriefe in die Zeitungsredaktion. Gegen die „Modekrankheit Fußgängerzone“, die die Städte zerstöre, wetterte ein Schreiber. Andere Städte wären froh über eine so leistungsfähige Hauptverkehrsader, die man nicht beschneiden dürfe, schrieb ein anderer.
Görl ruderte zurück. Er sei missverstanden worden. „Von einer Fußgängerzone herkömmlicher Art habe ich nicht gesprochen“, versuchte er zu beschwichtigen. Die Fürther Straße bleibe für Anwohner und ansässige Betriebe offen. Doch Fußgänger auf dem Weg zu den U-Bahnhöfen sollten Vorrang haben.
Gestalterisch schwebten Görl eine ambitionierte Lichtarchitektur und „raumwirksame Fertigteile“ für die drei U-Bahnhöfe Gostenhof, Bärenschanze und Maximilianstraße vor. Chef-Verkehrsplaner Karsten Drangmeister war sicher, dass sich das Verkehrssystem „nach relativ kurzer Zeit einspielen wird“. Der Frankenschnellweg, der damals in einem ersten Schritt bis „An den Rampen“ ausgebaut werden musste, sei auf 60000 Autos täglich angelegt. Die Fürther Straße nutzten damals 40000 Pkw.
Während des Planfeststellungsverfahrens wurden die Bürger beteiligt. Die Befürchtung (auch des ADAC), dass künftig mehr Autos in die Wohngebiete südlich und nördlich der Fürther Straße drängen, konterte Görl mit einer Untersuchung, die genau das Gegenteil ergeben habe. Vor allem Adam-Klein- und Austraße würden entlastet.
Doch die Handwerker rund um die Fürther Straße liefen Sturm. Und im März 1977 erklärte Oberbürgermeister Andreas Urschlechter überraschend, dass ihm „eine Lösung sympathisch wäre, die den Autofahrern noch eine Chance lässt“. Er könne sich vorstellen, dass der Verkehr durch Ampeln ausgebremst und die U-Bahnhöfe als „grüne Rondells“ ausgebildet werden.
Als dann noch der leitende Regierungsdirektor aus Ansbach kundtat, dass eine „derart leistungsfähige Straße nicht ohne wirklich zwingende Gründe unterbrochen werden sollte“, ging die Debatte ganz weg von Görls Vision eines autofreien Boulevards.
Im Juli 1977 entschied der Stadtrat, die Fürther Straße nicht für den Verkehr zu sperren. Stattdessen wurde sie auf zehn Meter verschmälert und mal rechts, dann wieder links der früheren Straßenbahngleise angelegt. So bekamen Fußgänger mehr Platz, es wurde tüchtig Grünzeug gepflanzt, Kneipen konnten im Freien bedienen und Radwege wurden markiert.
Der Umbau kostete 10,6 Millionen D-Mark. Waren es 1976 über 37000 Autos, die pro Tag durch die Fürther Straße brausten, waren es sechs Jahre später rund 25000. Doch es zeigte sich schon damals: Wenn auch der Frankenschnellweg als Hauptstrecke nach Fürth gedacht war, fürchteten immer mehr Fahrer die Staus und nahmen doch die Fürther Straße.
Für die heutigen Verkehrsplaner steht beispielsweise die breite Verkehrsinsel vor dem Justizpalast für den zweifelhaften Charme der 70er Jahre. Von dem müsse man sich endlich verabschieden. Zugleich arbeiten die Planer an einer Umgestaltung der Fürther Straße, das Wort „Boulevard“ ist schon wieder gefallen. Es bleibt abzuwarten, wie viel 70er-Jahre-Schick vielleicht doch in den neuen Entwürfen steckt...
In unserer Fotoserie "Mittags in der Stadt" finden Sie an den fünf Werktagen ein aktuelles Foto aus Nürnberg.