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Quelle-Pforte, Wandererstraße: Früher fuhren hier täglich 10000 Arbeiter in Bussen durch die Schranke und malochten für den Versandhandelsriesen. Verpackten Ware im Schichtdienst. Heute schlendern Nachbarn her, um sich am stummen Verkäufer eine Boulevard-Zeitung zu kaufen. Auf den Hof fahren nur wenige.
Immerhin 200 Arbeitsplätze seien in dem 250000 Quadratmeter großen Quelle-Komplex nach der Pleite 2009 wieder entstanden, sagt Marco Junker. Er muss es wissen, kümmert sich der Geschäftsführer der Arndt Facility und Personal GmbH doch für den Insolvenzverwalter um den schlafenden Riesen.
Junker lädt zum Rundgang, wir landen bei Inga Merling. Die 25-Jährige ist ein schrilles Huhn und hat sich den Künstlernamen Ella Don zugelegt. Im Erdgeschoss des Versandzentrums mit Eingangstür zur Adam-Klein-Straße hat sie seit ein paar Wochen ihr Fotostudio. „Früher standen hier die Spinde für die Quelle-Mitarbeiter, die im Kaufhaus gearbeitet haben.“ Mit dem Versender verbindet sie ihre ganz persönliche Nostalgie, „ich habe hier ja früher selber eingekauft“.
Die Umkleideschränke der Verkäuferinnen sind ersetzt durch — so gut wie nichts. Die Wände sind weiß, die Lampen leuchten hell. Platz für Foto-shootings eben. „Heizen geht hier gar nicht, das ist echt mühsam“, lacht Ella Don. Alle Mieter zahlen eine Nebenkostenpauschale. Anders sei das gar nicht machbar, sagt Marco Junker. Sind doch erst zehn Prozent des Versandzentrums vermietet. Da könne man nicht für jedes kleine Atelier oder Büro die Heizung extra abrechnen. Aber wenn die aus dem letzten Loch pfeift, „kommt Herr Junker persönlich zum Entlüften“, lobt Ella Don.
Der lächelt geschmeichelt. Junker hat mit der „Versandmaschine“, die so groß ist wie ein Stadtteil, alle Hände voll zu tun. Er kümmert sich um neue Verträge, „jeden Tag rufen zwischen fünf und zehn Leute an, die etwas zur Miete suchen“. Er managed den Brandschutz, sorgt dafür, dass Treppenhäuser frei sind und im Winter Schnee geräumt wird.
Alle zwei Stunden fahren nachts Sicherheitsleute ums Gebäude, „bis jetzt gab es keinen Einbruch“, sagt Junker. Das Gebäude einigermaßen in Schuss zu halten, die Büros immerhin auf 20 Grad zu erwärmen und im ungenutzten Teil, der in Richtung Mercedes-Niederlassung liegt, die Heizung zumindest „auf frostsicher fahren zu lassen, koste 150000 Euro im Monat. „Das müssen wir durch Mieten wieder reinkriegen.“
Acht Arndt-Mitarbeiter betütteln täglich den Riesenbau. Mit der speziellen Atmosphäre in Deutschlands zweitgrößtem Leerstand nach dem Flughafen Berlin-Tempelhof müsse man sich anfreunden, meint Junker. „Das Klima kann einen beeindrucken, aber ich habe mir gesagt: Ich bin hier, um etwas voranzubringen.“
Seit fast drei Jahren hat er sein Büro im dritten Stock, der noch kurz vor dem Niedergang der Quelle zu besonders schicken Großraumbüros mit gläsernen Konferenzräumen ausgebaut worden war. Mieter zahlen im Schnitt 30 Prozent weniger als sonst in Nürnberg üblich, das ziehe. „90 Prozent der Büros sind vermietet“, Künstlerateliers seien gar keine mehr zu haben.
Was jetzt noch Geld bringen muss, sind die riesigen Lager und Packräume. Wo früher Post sortiert wurde, fanden 2012 die „Fashion-Days“ statt. „Mit 700 Leuten, für 2013 haben die Veranstalter schon wieder die Halle gebucht.“
Ein türkischer Großhändler habe gerade im Erdgeschoss 1000 Quadratmeter Lager gemietet. Sonst: viel Leere. Türen, die ins Nichts führen. Alle Mietverträge laufen bis 31.Dezember 2017. Dann sollte das Versandzentrum verkauft oder zwangsversteigert oder sonst wie einer gewissen Zukunft zugeführt sein. Derzeit sei zumindest mal der Wert des denkmalgeschützten Gebäudes von Ernst Neufert festgelegt, sagt Junker.
Dass die Verweildauer begrenzt ist, schrecke die kleinen Firmen, die privaten Schreibdienste, den Glasbläser, die Musiker, den Patissier, Filmer, Designer und auch die vier freien Kirchen nicht, die hier nebeneinander arbeiten und Gottesdienst feiern. Auch die 15 Mitarbeiter von Loberon denken nicht an die zeitliche Begrenzung. Vielleicht glauben sie aber auch einfach nicht, dass sie 2017 tatsächlich raus müssen.
Im Mai 2012 starteten sie im dritten Stock ihren Online-Möbelhandel. „Es ist ja noch viel Platz frei, hier können wir uns toll ausbreiten“, sagt Martin Gittel von Loberon. Aufbruchstimmung sei angesagt. „Außerdem sind wir, wie Quelle, ein Versandhandel, das passt.“
Aber nicht nur das: Gittel und seine Kollegen haben dort früher selber gearbeitet. Gittel im Quelle-Einkauf, Nicole Bieberbach im Zweite-Wahl-Verkauf, Matthias Wagner im Marketing. „Anfangs kamen wir jeden Tag mit Gänsehaut wieder her und dachten an die alten Zeiten zurück“, sagt Bieberbach. Wenn sie die leeren Hallen sieht, kommen immer noch Erinnerungen hoch. „Aber die Quelle-Wehleidigkeit ist weg“, betont Matthias Wagner.
Im vorderen Teil des Versandzentrums an der Fürther Straße ist vor kurzem ein russischer Supermarkt eingezogen. Safa-Möbel hingegen gibt es schon seit 2010. Auf 5700 Quadratmetern gibt es Betten und Schränke mit viel Gold und Schnörkeln. „Wir profitieren immer noch von der Bekanntheit des Quelle-Kaufhauses“, sagt Geschäftsführer Eyüp Yildirim.
Seit November ist auch die Essbar wieder belebt. Pizza, Nudeln, Salat – „das Geschäft läuft mittags super, wir haben viele Vorbestellungen“, sagt Achmed Colak. Nachmittags sei es leider noch recht mau. „Aber wir wissen, dass wir allein von den Leuten, die im Quelle-Gebäude arbeiten, nicht leben können. Wir brauchen auch Leute von drüben, von der früheren AEG“, ergänzt Colak und deutet auf die andere Seite der Fürther Straße.
Künstlerin Wanda Leuthe widmet sich auch in ihrer Arbeit der Quelle. Die berühmte Hand gibt es von ihr als Intarsie in Holz. Aus Stiften, die sie nach der Insolvenz aus einem der Abfallcontainer im Versandzentrum fischte, montierte sie eine Lampe.
Mit ihrer Schwester Marga, einer Schneiderin, und dem Fotografen Peter Kunz hat sie ein Atelier in den früheren Räumen der Quelle-Personalabteilung. Nur ein paar Schritte von der exaltierten Fotografin Ella Don entfernt entwirft Wanda Leuthe Möbel, die Hobelbank stammt aus Quelle-Beständen. Nostalgie weht auch hier durch die Räume. Die Ateliergemeinschaft ist froh, hier günstigen Platz gefunden zu haben. „Denn die Wartelisten für Räume drüben auf AEG sind lang“, weiß Wanda Leuthe.
Do. 16.05.13
Do. 16.05.13
Sa. 04.05.13
Fr. 05.04.13
Mi. 27.02.13