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Hintergrund dieser, auf den ersten Blick zugegeben ein wenig gewagten, These ist nicht, dass man Binnenschifffahrt mit drei f schreibt, sondern folgender Sachverhalt: Das für Vormittag terminierte Treffen mit der freien Touristenführerin kann erst am Abend stattfinden, weil das Boot mit den Reisenden, die Gruß durch die Altstadt führen soll, an einer Schleuse festhängt und erst am Nachmittag in Nürnberg eintrifft. Wenn man da dann noch — jetzt mal logisch weitergesponnen – Piraten engagieren und ins Spiel bringen würde, könnte es gut und gerne passieren, dass die Kreuzfahrt von Amsterdam über Regensburg hin zum Schwarzen Meer künftig in einem Atemzug mit der legendären Nordwestpassage und der Umsegelung von Kap Hoorn genannt wird.
Doch Scherz beiseite. „Individuelle Führungen in deutsch & englisch“ steht auf der Visitenkarte von Ursula Gruß, und auch hier ertönt der alte Kampfruf „Wie hätt’ mer’s denn gern’?“ Neben „Nürnberg klassisch“ hat Gruß auch Module wie „Zerstörung und Wiederaufbau“ und „Nürnberg kulinarisch“ im Angebot — und in der Vorweihnachtszeit den leisen Liebling „Nürnberg in der Dämmerung“.
„Ich finde Geschichte einfach interessant“, sagt die Frau aus Thon, die lange in Wiesbaden gelebt hat und nun wieder in ihre Heimatstadt (born & raised in der Nordstadt) zurückgekehrt ist. „Aber nicht einfach nur Daten und Zahlen runterrasseln, sondern historische Zusammenhänge herausfinden — daran habe ich viel Freude!“
Dass sie als Stadtführerin manchmal auch ins Kostüm oder in eine historische Gewandung schlüpfen darf und damit an die Schauspielausbildung anknüpfen kann, die sie als junge Frau genossen hat, freut sie ganz besonders. Als sie vor einigen Jahren als Trümmerfrau unterwegs war, schloss sich für Ursula Gruß ein Kreis — auch wenn sie anfangs skeptisch war, ob dieses Modul überhaupt funktioniert. „Ich dachte, da kommen nur die Alten. Es waren dann bei den Führungen aber sehr viele junge Menschen da, die zu Tränen gerührt waren — was wiederum mich gerührt hat.“
Lustig war es, als das Thema bei den „Stadt(ver)führungen“, bei denen sie seit sieben Jahren begeistert mit dabei ist, irgendwann einmal „Prostitution in Nürnberg“ war und Gruß eine Puffmutti spielte — mit dem Ergebnis, dass hinterher tatsächlich ernst gemeinte Fragen kamen, wo denn das Etablissement sei, das sie führen würde. „Das kam dann offensichtlich ganz gut rüber“, so Gruß’ trockener Kommentar.
Bei ihren Rundgängen gibt sie heute von Zeit zu Zeit die Agnes Dürer. Vom Dürer-Boom im Dürer-Jahr in der Dürer-Stadt hat sie jedoch noch nichts gemerkt. Als Stadtführerin ist die 66-Jährige übrigens auf eigene Faust unterwegs — und profitiert von der Mundpropaganda zufriedener Gäste. „Ich muss ja nicht davon leben, kann auf individuelle Wünsche eingehen und brauche nicht ständig auf die Uhr zu gucken.“ Wie neulich, als sie ein Rudel Ärzte durch die Altstadt führte und ihr einer der Doktoren zwischenrein gestand, dass er doch gerade auf Bierdiät sei. Auch dem Manne konnte geholfen werden... (Kontakt: u.gruss@gmx.net)
Ihre KulTour-Tipps: Ursula Gruß mag Claudia Jenneweins „Galerie Albrecht-Dürer-Straße 1“ mitten in der Altstadt — und das Kunsthaus in Erlangen. Ihr Buchtipp ist die Lyrik von Ingeborg Bachmann. Musikalisch mag sie alles von Mozart („für mich überhaupt der Größte!“) und Johnny Cash („Country liegt mir eigentlich gar nicht, aber durch den Kinofilm über ihn und sein Leben bin ich auf den Geschmack gekommen. Vor allem die ,American Recordings‘, sein Spätwerk, finde ich spannend“).
Ihr Essenstipp ist das Restaurant „Wonka“ in der Johannisstraße 38 — „das kann ich mir nicht immer leisten, aber wenn, dann bin ich jedes Mal begeistert.“ Nicht zu vergessen: Zum Schwimmen geht Ursula Gruß regelmäßig ins Bayern07-„Pulverseebad“am Wöhrder See. Ansonsten ist ihr Lieblingsort in der Region die alte Wehrkirche in Kraftshof.
In unserer Fotoserie "Mittags in der Stadt" finden Sie an den fünf Werktagen ein aktuelles Foto aus Nürnberg.