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Das Gotteswort, über das ich heute mit Ihnen nachdenken möchte, steht im 5. Kapitel des Galaterbriefes, Vers 1: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (...)
Liebe Gemeinde, vor dem Kaufhof stand ich. Ich musste warten. Und schaute mir die Menschen an, die aus dem Kaufhaus quollen. Pralle Taschen trugen sie. Sichtbarer Wohlstand. Konsum satt. Gut angezogen waren die Käufer. Dann aber sah ich in ihre Gesichter: Genervt, verkniffen, gehetzt, Falten auf der Stirn. Unglückliche Gesichter. Das hat mich damals tief berührt.
„Lasst euch nicht auflegen das Joch!“, dieses Bibelwort fiel mir ein. Werbe- und Marketingstrategien entwerfen es, dieses Joch. „Du bist, was du dir leisten kannst“ — heißt es. Zeig, was du hast und ich sage dir, wer du bist. Haste was, biste was. (...)
Und sie sind mir später in großer Zahl begegnet, die Menschen, die sich immer wieder ein Joch der Knechtschaft haben auflegen lassen. Manchmal widerwillig vielleicht, manchmal aber auch direkt gerne — im vorauseilenden Gehorsam sozusagen. Und das nicht nur in der sogenannten Welt, sondern — Gott sei’s geklagt — auch in der Kirche. (...)
Wenn ich mir nur vorstelle, wie viele Kolleginnen und Kollegen ich im Laufe der Jahre in den verschiedenen Dienststellungen erlebt habe, die auf den Gängen und in den Sitzungspausen ihren Mund weit aufgerissen haben und lautstark Kritik übten, dann aber, als es zum Treffen kam, keinen Pieps mehr herausbrachten. Vor den vermeintlichen Autoritäten wurden sie zu angstbesetzten Zwergen. Das Joch der Angst zwang sie dazu, sich selber untreu zu werden. Und, was noch viel schlimmer ist, auf diese Weise wurden oft jene verraten, deren Mandat zu übernehmen gewesen wäre.
Dieses Verhalten trifft man auch bei Spitzen-Repräsentanten der Kirchen an. Da fordert niemand den Staat heraus, der sich an den Ärmsten schuldig macht durch eine einseitige Begünstigungspolitik der Reichen. Man hört aus Kirchenkreisen zwar Protest, dann aber fliegt doch irgendein Landesbischof oder Kardinal eben mit dem Ministerpräsidenten z. B. nach Rom zur Beisetzung Johannes Pauls II.
Oder man erlaubt, dass sich wirkliche Bösewichte im Schatten der Kirche ob ihrer Gläubigkeit feiern lassen und quasi die Absolution erhalten. Oder man zelebriert bei Parteitagen Gottesdienste und wirkt mit bei der frömmelnden Maskerade, wo es um Demaskierung gehen müsste.
Aber: Hauptsache man ist wichtig. Man geht gerne über den roten Teppich der Eitelkeit und mediale Präsenz wiegt mehr als rechtschaffenes Festhalten am Glauben. Das Joch des „Gut-herauskommen-müssens“ drückt schwer. Es verleitet zum Kaschieren und zum Lügen. Es bringt allerlei Kirchenkleiderchen, ekklesiogene Haute Couture, hervor und schmiedet sich Amtskreuze und Abzeichen.
Es gibt aber auch das Joch des Besorgtseins in der Kirche. Es geht um Geld, um Zukunft, um Besitzstandssicherung und –wahrung. Statt Gottvertrauen und Wagnis des Glaubens treibt man Fundraising, entwirft Strategien, plant bis 2030, nennt alles „alternativlos“ und so manches Irrlicht reklamiert für sich, „Leuchtturm“ zu sein.
Haben Sie alle nie gehört, dass Jesus zur Freiheit befreit hat? Dass man sich nun nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen lassen soll? Von niemandem, also auch nicht von sich selbst, seinem Ehrgeiz, der Hybris oder der Angst? (...)
Unser Gott will keine Kriecher. Er will, dass wir als Freie dazu beitragen, dass alle, die noch unter einem Joch gefangen sind, ebenfalls zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes gelangen.
Das ist kein niederdrückendes Joch. Das ist vielmehr eine Wegweisung zum gelingenden Leben. Nicht um sein eigenes „Ich“ kreisen zu müssen, sondern sich geborgen fühlen im Freispruch Gottes und gewiesen wissen an die Mitmenschen. Wir sind so frei! (...)
Liebe Gemeinde, heute endet mein Dienst bei Ihnen. Oft habe ich gehört: „Sie sind ein Kämpfer!“ Nein, ein Freier bin ich — und ich wünsche Ihnen, dass auch Sie sich nicht mehr irgendein Joch der Knechtschaft auflegen lassen oder selber auflegen. Und zwar in Christi Namen. Amen.
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