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So ein Superheld geht gar nicht

Heinz Mehrlich über Nöte des starken Geschlechts - 30.05.2012 08:00 Uhr

Nürnberg  - Das Nürnberger Männerforum besteht seit 20 Jahren. Im LoniÜbler-Haus werden regelmäßig ganz unterschiedliche Männerthemen diskutiert. Mit dessen Mitbegründer und Chef Heinz Mehrlich (59) sprachen wir über die Lage und die Perspektiven des „starken Geschlechts“.

„Ein Mann, der einen Kinderwagen schiebt, ist souverän männlich,“ sagt Heinz Mehrlich — und findet offenbar Gehör.
„Ein Mann, der einen Kinderwagen schiebt, ist souverän männlich,“ sagt Heinz Mehrlich — und findet offenbar Gehör.
Foto: Klaus Schrage
„Ein Mann, der einen Kinderwagen schiebt, ist souverän männlich,“ sagt Heinz Mehrlich — und findet offenbar Gehör.
„Ein Mann, der einen Kinderwagen schiebt, ist souverän männlich,“ sagt Heinz Mehrlich — und findet offenbar Gehör.
Foto: Klaus Schrage

Herr Mehrlich, hier kommt die ewige Frage: Wann ist der Mann ein Mann?

Heinz Mehrlich: Ein Mann ist erst mal ein Mann, wenn er ein Mensch ist. Und wenn er sich als Mann ausleben darf. Die Sehnsucht aller Menschen nach geschlechtlicher Identität ist sehr groß. Bloß: eine Frau sagt ohne Probleme, dass sie ihr Frausein leben möchte. Wenn ich das über mich sage — wirkt das nicht etwas machomäßig? Es ist nicht selbstverständlich, dass das Mannsein positiv gesehen wird.

Sie arbeiten sich im Männerforum seit 20 Jahren an diesem Thema ab. Haben sich Ihre Sichtweisen geändert?

Mehrlich: Klar, ich bin ja 20 Jahre älter geworden. Aber ich sehe die Arbeit für Männer vielleicht noch mehr als früher als emanzipatorische Tätigkeit. Mir geht es um eine politische Männerbewegung, aber auch das Private ist politisch gestaltend. Nur wenn Männer neue Männlichkeit erleben wie bei uns, werden sie das auch ins Politische bringen.


Ex-Familienministerin Renate Schmidt sind sie noch vor der Forumsgründung gewaltig auf den Keks gegangen. Bei einem Treffen im Jahr 1991 fand sie ihre Gruppe wehleidig und meinte „Ihr müsst zeigen, dass Ihr erwachsen seid.“

Mehrlich: Eine typische Geschichte. Man muss sich das mal umgekehrt vorstellen. Da hätte eine Frau vor Publikum von Problemen wegen ihrer Trennung berichtet und würde von einem anwesenden Politiker wehleidig genannt. Der Mann wäre erledigt. Ich versuche Symmetrie herzustellen. Was Männer oder Frauen sagen, sollte nicht unterschiedlich bewertet werden. Das ist aber nicht so. Wenn ein Mann sagt, dass er ein Opfer von Gewalt ist, nennt man ihn Schlaffi. Man sollte es auch ernst nehmen, dass sich viele Männer wegen des Sorgerechts zurückgesetzt fühlen.

Der SPD-Lokalpolitiker Gebhard Schönfelder meinte damals: „Der neue Mann darf sich nicht durch neues Schwachsein auszeichnen.“

Mehrlich: Diese Sichtweise war und ist ein Fehler. Man kann auch stark sein, wenn man seine schwachen Seiten zulässt. Oder aber gerade deswegen. So ein Superheld geht doch gar nicht mehr.

Wir hatten Berlusconi und Sarkozy. Und einen Putin haben wir immer noch.

Mehrlich: Die Frage ist doch, warum Putin diese Männlichkeit inszenieren muss. Ich glaube, er würde es nicht tun, wenn er es politisch nicht bräuchte. Ich finde es zum Beispiel toll, dass wir einen Finanzminister haben, der im Rollstuhl sitzt. Und dass ein Franz Müntefering aus der Politik herausgeht, damit er seine kranke Frau pflegen kann.

Die Gesellschaft hat Frauen vor schier unlösbare Aufgaben gestellt. Sie sollen eine gute Partnerin und Mutter sein, Karriere machen und trotzdem beim Putzen fantastisch aussehen. Kommt so etwas auch auf die Männer zu?

Mehrlich: Ja, in ähnlicher Weise. Der deutsche „Emma-Feminismus“, der auf Geschlechter-Konfrontation setzt, hat viel kaputt gemacht. In anderen Ländern ist die Gender-Debatte mehr eine Sache von Mann und Frau. So ist es zum Beispiel in Frankreich viel leichter, Familie und Beruf zu vereinbaren. Und zwar für Mütter und Väter.

Werbung ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wie gefällt Ihnen der Hornbach-Mann, der vor 100000 jubelnden Zuschauern einen Nagel in eine Holzplatte schlägt?

Mehrlich: Ich finde das gut, denn das ehrt den Mann. Dieses Gefühl, etwas Großes geleistet zu haben, erleben junge Männer zu selten. Und was die Äußerlichkeiten angeht, müssen Sie nur das von der Zeitschrift Men’s Health vermittelte Männerbild anschauen. Die Botschaft lautet da: „Sieh zu, dass du deinen Körper in Schuss hältst.“

Ich bin stark sehbehindert. Deshalb erlebe ich dieses Männlichkeits-Thema wie unter einem Brennglas am eigenen Leib. Mein Eindruck ist, dass ein körperlicher Mangel heute weniger akzeptiert wird als früher. Auch Männer sollen heute „schön“ sein — und trotzdem noch alle Klischees erfüllen.

Haben Sie deshalb gerade einen Abend über Partnerschaftsbörsen im Internet veranstaltet?

Mehrlich: Nein, Frauen mögen „neue“ Männer. Der Abend war super. Internetkontakte haben den Vorteil, dass die Äußerlichkeiten nicht so zählen. Die Frauen können sich auch an der Sprache des Mannes begeistern. Auf der anderen Seite sagen lebensreifere Frauen deutlicher, was sie wollen. Nicht nur der Mann ist da der Werbende. Natürlich fehlt bei Internetkontakten die körperliche Ebene.

War dieses Thema typisch für das Männerforum?

Mehrlich: Wir behandeln ganz unterschiedliche Fragen. Aber besonders gut besucht sind meist Abende über Psycho- oder Selbstfindungsthemen oder über Fragen, die mit Spiritualität zu tun haben. Es sind Abende mit offenen Gesprächen.

Ergebnisoffenes Reden gilt als typisch weiblich.

Mehrlich: Ja, Frauen, die über die Problem sprechen, suchen vor allem die Gemeinsamkeit. Sie wollen keine Lösung wissen. Es geht darum, dass jemand zuhört. Männer sollten das auch für sich entdecken. Bei uns kann man über Persönliches reden und Erfahrungen teilen.

Viele Beziehungen scheitern an kleinen Dingen. Alsdenn: Stehpinkeln oder Sitzpinkeln?

Mehrlich: Mein Vater hat sich dazu gelegentlich in den Garten gestellt. Auf Kritik hat er gesagt, dass das schließlich sein Grundstück sei. Das hat mit Markieren zu tun und gehört irgendwie zur männlichen Lebenswelt. Aus hygienischer Sicht ist Stehpinkeln unmöglich. Aber auch Frauen tun absurde Dinge. Sie kaufen 100 Paar Schuhe oder stellen ganze Fensterbretter mit kleinen Figuren voll.

Was kann Mann für das Männerforum tun?

Mehrlich: Zunächst einmal: Einfach hingehen. Das ist wichtig für alle, die sich für das Programm engagieren. Wir machen das 21. Jahresprogramm unseres Bestehens. Da wird es ohne Resonanz schwierig, gute Themen zu finden. Bestimmt haben wir einiges, was „Mann“ nur unter Männern findet.

Kann man noch mehr tun?

Mehrlich: Ja, wir suchen aktive Mitstreiter. Ich spiele für das Männerforum gerne den Fliesenleger, aber ich möchte die Arbeit auf möglichst viele Schultern verteilen. Wir haben zurzeit fünf wirklich aktive Leute, die kritische Menge ist zwölf. Und es wird für mich die Zeit kommen, das Ganze in andere Hände zu legen.

Aus all dem Gesagten könnte der Pessimist folgern: Wir suchen das Paradies auf Erden und scheitern im Geschlechterkampf. Sehr langfristig betrachtet: Sollten Engel – im Sinne der Erlösung – geschlechtslos sein?

Mehrlich: Nein, das möchte ich nicht. Wenn wir keine Herausforderung mehr haben, haben wir auch kein erfülltes Leben mehr. Ich liebe diese Polarität zwischen Männern und Frauen. Das darf im nächsten Leben ruhig weitergehen. 

Interview: KLAUS SCHRAGE


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