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Er steht bei Festivals so selbstverständlich auf der Karte wie Rotwein, Starkbier und Biolimonade. Natürlich darf er auch auf keinem Straßenfest fehlen, auch nicht im Schauspielhaus oder in der Oper. Wer Freunde empfängt, leitet den Abend gerne mit einem Gläschen „Spritz“ ein und längst gibt es ihn als Fertig-Mix. Davon ist aber, nebenbei bemerkt, eher abzuraten.
In großen bauchigen Gläsern hierzulande sieht man vor allem eine Farbe: orange. Und das nun schon im fünften Sommer, schätzungsweise. Wikipedia zumindest vermerkt den ersten Spritz-Eintrag im Jahr 2007. Fünf Jahre, das käme dann also hin, geht man davon aus, dass dort sofort alles Neue ein virtuelles Plätzchen erhält.
Was ist bloß dran an diesem Getränk, das noch immer als In-Drink gilt und so gute Itzi-bitzi-Italien-Laune macht, dass gleich noch einer hinterher bestellt werden muss? Vielleicht sollte man zunächst fragen:
Was ist drin im Aperol, der die Gläser der Republik derart orange erglimmen lässt, als könne man damit den schönsten Sonnenuntergang Schluck um Schluck herbeitrinken? Rhabarber, Chinarinde, Enzian, Bitterorange und ein paar geheime Kräuter, die freilich niemals verraten werden. Die ursprüngliche Rezeptur stammt von den Brüdern Luigi und Silvio Barbieri aus dem italienischen Padua und ist inzwischen 80 Jahren alt.
Deutschland hat den höchsten Pro-Kopf-Konsum dieser quietschfarbigen Flüssigkeit. Wahrscheinlich sind deshalb auch die Discounter mit billigeren Nachahmer-Produkten auf den Zug aufgesprungen. Die Italiener trinken weniger. Das ist nun aber gar nicht so verwunderlich, denn in Italien ist auch Latte macchiato kein Kultgetränk. Dieser Milchkaffee steht nur für uns auf der Karte.
Rund 200000 Flaschen verkaufte Campari (dazu gehört die Marke Aperol) nach eigenen Angaben bislang pro Jahr in Deutschland. Inzwischen sind es monatlich so viele!
Und das Amüsanteste: In keinem anderen Land enthält der Aperol 15Prozent. Nur die deutsche Abfüllung hat es derart in sich. Das hängt mit der Pfandverordnung zusammen. Als sie 2003 eingeführt wurde, nahm man Spirituosen mit einem Alkoholgehalt ab 15 Prozent davon aus. Campari war schlau – und machte den deutschen Bitterlikör einfach ein bisschen stärker.
Aber das macht der Spritzgemeinde wenig aus. Schließlich wird verdünnt: Sechs Centiliter Aperol und vier, gerne auch mehr, Centiliter Sekt (auch Prosecco oder Weißwein), dazu kommen noch Eiswürfel und Soda. Verziert wird alles mit einer Orangenscheibe.
Fertig ist der „Gschpritzte“ (auch Sprizz oder Veneziano und in Italien: Spriz, Spriss oder Sprisseto), der hier gekippt wird, als gelte es die Sonne Italiens samt mediterranem Flair auf die Fachwerk-Marktplätze der Region einfliegen zu lassen.
Apropos: Bis der Spritz den Weg vom Veneto nach Westerland gefunden hat, vergingen etliche Jahre. Natürlich hatten die Leute rund um den Prenzlauer Berg in Berlin oder im Hamburger Schanzenviertel schnell einen Riecher für das, was „in“ werden könnte. Aber Spritz, so viel zur Beruhigung, ist längst in der Provinz angekommen. Und dort wird er sich vermutlich eine Weile halten.
Zur Freude der Gastronomie. Denn rechnet man den Einkaufspreis von zirka acht Euro für eine Aperolflasche mal um, macht das rund 70 Cent pro Glas — hinzu kommen noch etwas Sekt oder Wein und Wasser. Verkauft aber wird die orangerote Süffigkeit zu Preisen zwischen fünf und acht Euro.


Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.