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Jetzt lehnt sich auch noch die Natur gegen ihn auf: Quälende zwei Wochen attackierten Bakterien den Körper von Karl-Heinz Krüger, zwangen den Chef des Nürnberger Flughafens zu strenger Bettruhe. Diesen Kampf zumindest hat Krüger gewonnen.
Ein weiterer aber tobt noch heftig, und diesmal geht es um Krüger selbst. Der Flughafen trudelt, die Passagierzahlen stagnieren. Offiziell geht es morgen bei der Flughafen-Konferenz nur „um eine umfassende Strategie für den Airport“, so Bayerns Finanzminister Markus Söder. „Es braucht neue Impulse und Perspektiven.“ Man muss kein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, das als Zweifel an Krüger zu verstehen.
Freiwillig wird der Flughafen-Chef nicht das Rollfeld räumen. Die persönlichen Angriffe, die ihm indirekt vorwarfen, er würde zu viel Zeit auf Partys verbringen, statt sich um seinen Job zu kümmern: Sie haben ihn getroffen. „Aber das halte ich aus. Ich bin seit 40 Jahren in der Luftfahrt, ich kenne das Geschäft.“
Knapp acht Millionen Miese hat der Flughafen 2009 und 2010 zusammen eingeflogen, etwa der gleiche Betrag dürfte es 2011 noch einmal gewesen sein. 130 Millionen Euro Schulden schiebt das Unternehmen mittlerweile vor sich her, allein eine eilends verabreichte Finanzspritze der Gesellschafter Freistaat und Stadt Nürnberg lindert die Not.
Wie konnte es so weit kommen, wie will der Flughafen wieder in die schwarzen Zahlen? Krüger spricht von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“, von Vulkanasche, Finanzkrisen und Revolutionen in Nordafrika, die die Passagierzahlen gedrückt hätten. Eine Verwechslung von Ursache und Wirkung?
Was ist zum Beispiel mit der Abhängigkeit von Air Berlin? Tägliche Direktflüge abseits dieser Airline lassen sich an den Händen abzählen. Deshalb trifft es den Flughafen so hart, wenn diese eine Gesellschaft Probleme hat — wie aktuell mit eigenen Verlusten, wie 2011, als kaum noch jemand in die Air-Berlin-Maschinen nach Djerba oder Luxor stieg.
Für Krüger noch ungemütlicher: die Schwächen, die Abhängigkeit, das ausbauwürdige Angebot in Europas Metropolen, das alles ist seit Jahren bekannt. Ein Drehkreuz nach Osteuropa sollte mal aufgebaut werden. Ergebnis heute: keine einzige Direktverbindung in diese Region. Flüge nach Brüssel oder Mailand gab es mal, sie wurden jedoch wieder eingestellt. Mindestens 100 Passagiere gehen selbst in den kleinsten Airbus, noch kleinere Maschinen sortiert die Lufthansa gerade aus. Das sind sogar bei nur zwei Verbindungen täglich viele, viele Plätze, die zu füllen sind. Für Nürnberg zu viele. Nach Brüssel hätten knapp 20 pro Flug gereicht. Man versuche ja ständig, neue Gesellschaften zu begeistern, so Krüger. „Aber der Markt dafür ist einfach nicht da.“
Nicht einfacher wird die Sache dadurch, dass nicht nur Air Berlin, sondern viele Airlines über Sparplänen brüten. „Bei den Flughäfen muss man unterscheiden zwischen denen, die international wirklich eine Rolle spielen, und denen, die 2. Liga sind“, sagt Heinrich Großbongardt, Luftfahrt-Experte der Beratungsfirma Expairtise. Attraktiv werde eine Landepiste ab sieben Millionen Passagieren — das gebe das Einzugsgebiet von Nürnberg nicht her. Und Kunden aus Nachbarregionen weglocken? „Wie? Aus Frankfurt oder München?“
Gerd Pontius, Experte der Airline-Beratung Prologis, hält die Chancen, Nürnberg wirtschaftlich zu betreiben, für überschaubar — wenn der Flughafen allein gesehen werde. Das aber sei falsch: „Der Airport ist für die Region ein wichtiges Stück Infrastruktur, ein wertvoller Standortfaktor“, sagt Pontius. „Das rechtfertigt eine öffentliche Förderung, weil unter dem Strich die Rechnung für die Region aufgeht.“
Krüger dürfte eifrig applaudieren — genau wie Markus Lötzsch, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer. Er zitiert Studien, nach denen ohne Flughafen ein Viertel der Unternehmen den Abflug machen würden. „Bei Siemens etwa wäre die ein oder andere Standortentscheidung pro Franken sicher anders gefallen.“
Bloß: Den Flughafen einfach wie einen Autobahnanschluss zu sehen, der sich auch nicht selber tragen muss, das kommt für Stadt und Freistaat als Hauptfinanziers nicht infrage. OB Ulrich Maly beruft sich auf ein Gutachten, das „einen subventionsfreien Betrieb“ als möglich einstuft. „Anders als andere Flughäfen“, betont Maly. Egal, ob Experten das als Luftschlösser diskreditieren.
Billigflieger würden Passagiere bringen. Krüger bestätigt Gespräche mit Ryanair und der ungarischen Wizz Air. Ryanair will das nicht überbewertet wissen. Allerdings überarbeiten die Iren gerade ihre Strategie und wollen verstärkt von Flughäfen in Metropolen fliegen.
Aber als Retter? Die Erfahrung praktisch aller Flughäfen, die das versucht haben, spricht dagegen. Billigflieger sind wie Casanovas: Eine heiße Affäre und jede Menge Kopfschmerz am Morgen danach. Einige verlangen so günstige Konditionen, dass ein Flughafen sogar zuzahle, warnt Pontius. Als Partner für ein langfristiges Konzept sind Billigflieger ohnehin untauglich: Casanova ist nicht treu.
Das weiß auch Krüger, der betont, keinen Verkehr kaufen zu wollen. Er will sparen. So sehr, dass die noch im Glauben an bessere Zeiten für über fünf Millionen Passagiere ausgebauten Anlagen spätestens 2017 selbst dann profitabel wären, wenn nicht mehr als vier Millionen Fluggäste kommen. „Die Verluste müssen über die Kostenseite hereingeholt werden“, sagt er. Beim Betriebsrat richtet man sich auf „interessante“ Gespräche ein.
Mit ihm, ist Krüger überzeugt: „Mein Vertrag läuft bis 2015. Und ich bin ein Kämpfer.“

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.