Über unseren Köpfen braut sich etwas zusammen. Seit Anfang des Jahres stürmt und tobt es — im Weltraum. „Etwa alle elf Jahre erreicht die Aktivität auf der Sonnenoberfläche ihren Höhepunkt“, so Volker Bothmer. Das Maximum erwartet er als einer der national führenden Weltraumphysiker und Spezialisten für Sonnenstürme für 2011 oder 2012.
Doch schon jetzt schleudert die Sonne ungewöhnlich große Mengen geladener Teilchen in den Raum und gigantische Plasmawolken rasen regelmäßig auf die Erde zu. „Das kann empfindliche Auswirkungen haben“, warnt der Experte von der Universität Göttingen.
Im Extremfall könnten Satelliten ausfallen und damit über Tage Kommunikations- und Navigationsnetze gestört werden oder sogar die Stromversorgung kollabieren, weil die Materieauswürfe der Sonne für Energiespitzen in Überlandleitungen sorgen.
Was aber die Auswirkungen der hohen Sonnenaktivität auf das Erdklima betrifft, ist Bothmer auch nach über 20 Jahren intensiver Forschung skeptisch. „Das kann ich nicht bestätigen“, sagt er. Obwohl selbst einige seiner Kollegen einen Zusammenhang zwischen einer steigenden Zahl von Sonnenstürmen und besonderen Wetterereignissen sehen, von denen es 2010 ja tatsächlich genug zu geben scheint.
Dafür genügt ein Blick auf die Statistiken des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Januar und Februar waren im Vergleich zu den Vorjahren eiskalt und schneereich, ebenso der März. Der April beginnt ebenfalls winterlich und endet mit Sommertemperaturen. Der Mai ist wieder kalt, der Juni ist erst lange nass und ebenfalls kühl, dann wird es bis Mitte Juli heiß wie selten seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen 1881. Gefolgt von einem August, der nun als feuchtester seit fast 130 Jahren im Gedächtnis der Meteorologen hängenbleiben wird, inklusive der ersten Schneeflocken auf dem Feldberg im Schwarzwald bei rund einem Grad Celsius. Kälterekorde wurden auch auf der Zugspitze, dem Brocken im Harz und auf der Wasserkuppe in der Rhön gemessen. Erst heute soll Tief „Erina“ weiterziehen und es mit den Temperaturen wieder aufwärts gehen.
Als ob das noch nicht genug wäre, folgt auch noch die Feststellung, dass in Bayern die Achterbahnfahrt des Wetters in diesem Jahr noch ausgeprägter war als anderswo, was Gerhard Hofmann allerdings nicht überrascht. „Dass wir Rekorde in allen Bereichen aufzuweisen haben, hängt vor allem mit der Morphologie zusammen“, so der Leiter der Klimaabteilung des DWD in München.
Schon immer sei zwischen Alpen und Fichtelgebirge, niederbayerischer Tiefebene und Rhön so ziemlich alles an Wetterkapriolen möglich gewesen, wie eben auch wieder 2010. So gab es die wenigsten und die meisten Sonnenstunden im Januar in Kronach (15 Stunden) und in Oberstdorf (87 Stunden). Den Kälterekord der Republik im März holte sich Oberstdorf mit minus 22,2 Grad. Den Wärmerekord legte am 24. März und damit nur zwei Wochen später Kitzingen mit über 24 Grad plus hin.
Der feuchteste Ort der Republik war im April Garmisch-Partenkirchen mit 61 Litern Regen auf den Quadratmeter, der trockenste Landau an der Isar mit nur 2,2 Litern. Im Mai und im Juni schien im Vergleich mit anderen Bundesländern in Bayern am wenigsten die Sonne. Im Juli ist der Freistaat insgesamt die kälteste Region mit einer Durchschnittstemperatur von „nur“ 19,5 Grad.
Alle bisherigen Sommertage zusammengerechnet war es in Bayern im Juni, Juli und August deutschlandweit am kühlsten und regenreichsten, wenngleich die Temperaturen dennoch insgesamt über dem langjährigen Mittelwert lagen.
So finden Meteorologen wie Hofmann an dem bisherigen Wetterjahr wenig wirklich Besonderes, außer dass sich kühle oder warme Wetterlagen 2010 ungewöhnlich lange zu halten scheinen und dazwischen meist ein jäher Umbruch liegt, was aber wieder zum Gesamtbild passt. „Klimawandel bedeutet nun einmal, dass die Witterung zu extremen Wechseln neigt“, so der Meteorologe. Und das, meint Hofmann zum Schluss dann noch, müssten die Menschen doch fast schon gewöhnt sein.
Den Kommunen mit ihrer äußerst durchwachsenen Freibad-Bilanz hilft das freilich genauso wenig wie den Biergarten-Betreibern. Die bisherigen Verluste dort seien in keinem Fall mehr aufzuholen, sagt ein Sprecher des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands. „Mit Ausnahme der Fußball-WM war von Mai bis August praktisch überhaupt kein Biergartenwetter“, bestätigt auch Kurt Weinhart.
Jetzt hofft der Geschäftsführer vom Nürnberger Lederer-Biergarten mit 800 Plätzen wenigstens auf den Altweiber-Sommer und versucht ansonsten, dem vielen Regen auch positive Seiten abzugewinnen. Die Rosskastanien-Bäume zwischen den Bänken, lange von der Miniermotte böse gebeutelt, stünden „prächtig da“, sagt Weinhart. Der kleine Falter ist dieses Jahr wohl schlicht abgesoffen.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.