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Burka-Debatte — nur Ablenkung von wirklichen Sorgen?

Erlanger Professoren beklagen „vergiftete“ Argumentation — Innenminister Hermann: Bayern bei Integration führend - 10.11. 08:00 Uhr

ERLANGEN  - Das Thema klang reißerisch, die Debatte darüber war es erfreulicherweise nicht: „Die Burka — Schleier über Europa?“, wollte das evangelische Bildungswerk in Erlangen von anerkannten Experten wissen.


Zwei Araberinnen in der Münchner Innenstadt: Praktisch nur in dortigen Nobelläden seien vollverschleierte Frauen anzutreffen, spottete Professor Rohe.
Zwei Araberinnen in der Münchner Innenstadt: Praktisch nur in dortigen Nobelläden seien vollverschleierte Frauen anzutreffen, spottete Professor Rohe.
Foto: dpa
Zwei Araberinnen in der Münchner Innenstadt: Praktisch nur in dortigen Nobelläden seien vollverschleierte Frauen anzutreffen, spottete Professor Rohe.
Zwei Araberinnen in der Münchner Innenstadt: Praktisch nur in dortigen Nobelläden seien vollverschleierte Frauen anzutreffen, spottete Professor Rohe.
Foto: dpa

Gleich vorneweg: In Deutschland ist die Burka kein Thema. Total verschleierte Frauen, sagt der Erlanger Islam-Experte und Rechts-Professor Mathias Rohe, seien allenfalls in der Münchner Maximilianstraße zu sehen, wenn sie von ihren schwerreichen Männern in Edel-Boutiquen begleitet werden. Doch die Burka-Verbote in Frankreich und Belgien, das Schweizer Minarettverbot sowie das Erstarken von Rechtspopulisten in Holland, Schweden und Dänemark haben ebenso wie die Sarrazins in Deutschland eine wichtige Debatte vergiftet. Oder um 15 Jahre zurückgeworfen, wie der UN-Sonderbeauftragte für Religionsfreiheit, Heiner Bielefeldt (Erlangen) betonte.

Die Politikstudentin Ayse Cindilkaya — Kopftuchträgerin und einzige Frau bei der von NN-Redakteur Georg Escher moderierten Podiumsrunde — meinte gar ironisch, die derzeitige Debatte solle wohl eine „schleichende Katholisierung“ übertünchen. Ernsthaft aber gab sie zu bedenken, dass mit Feindseligkeit gegen Muslime nur gesellschaftliche und soziale Fragen verdrängt werden sollten.



Rohe war sich mit Menschenrechts-Professor Bielefeldt und dem Pfarrer Hans-Martin Gloël, dem Leiter der christlich-muslimischen Begegnungsstätte Brücke-Köprü (Nürnberg) einig, dass die Burka in unserer Gesellschaft nichts verloren habe. Sie sei eine Krankheit (Gloël), aber „glücklicherweise nicht ansteckend“ (Rohe). Die Forderung nach einem Verbot finden die Professoren und der Pfarrer aber genauso schlimm wie die Burka selbst. Denn, so Bielefeldt, das Tragen dieses Kleidungsstücks gehöre zur Religionsfreiheit und damit auch zur Menschenwürde und den Menschenrechten. Bielefeldt konnte sich dabei einen Seitenhieb auf Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) nicht verkneifen und fügte hinzu, jede von Migration beeinflusste Gesellschaft entwickle sich in Richtung Pluralismus — „man kann auch Multikulti dazu sagen“. Herrmann selbst musste die Burka gar nicht bewerten. Ihm genügt es, dass sich das Thema in Bayern nicht stellt und im öffentlichen Dienst erst recht nicht.

Einig war man sich, dass es in der deutschen Bevölkerung Ängste gibt, die man ernst nehmen müsse, aber nicht noch weiter schüren dürfe. Denn erstens, so Bielefeldt und Rohe, gebe es tatsächlich Probleme mit Migranten, etwa den Extremismus — der in der Herangehensweise eines CSU-Innenminsters eine größere Rolle spielt als etwa in der Anschauung eines Islam-Experten. Darüber aber müsse man differenziert diskutieren und Ursachen suchen, statt über alles das Etikett des Islam zu kleben, wie es Bielefeldt ausdrückte.

Themen unzulässig vermischt

Denn sehr oft würden Religionsfragen zu sehr mit Integration vermischt, die eher mit sozialen und wirtschaftlichen Problemen zu tun hätten. Etwa bei der Gleichberechtigung der Frau. Oder aber, wenn der Koran als Erklärung für Aggressionen gegen Deutsche oder für Bildungsferne herhalten müsse. Oder wenn Herrmann an diesem Abend dem Bundespräsidenten widerspricht und sagt, nicht der Islam gehöre zu Deutschland, sondern die Muslime.

Integration sei derzeit schon weiter als die Diskussion darüber. Die Deutschen seien jedenfalls bei Migranten beliebter als umgekehrt, weiß Gloël. Herrmann nahm dann gar für Bayern in Anspruch, bei der Integration führend zu sein. München etwa habe einen höheren Ausländeranteil als Berlin, aber viel mehr Probleme gebe es in der Hauptstadt. Und für ihn steht fest: „Hätte Sarrazin die letzten Jahre in Bayern gelebt, hätte er sein Buch nicht geschrieben.“ 





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