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„Es war ein einziges Bild mit einer einzigen verbrannten deutschen Fahne“, mahnt Heiko Schultz zur Besonnenheit. „Und niemand weiß, was das für Demonstranten waren — möglicherweise junge Anarchisten.“ Der ehemalige Cadolzburger SPD-Landtagsabgeordnete ist Vorsitzender der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Mittelfranken und hat nach seinem Ausscheiden aus der Politik 2003 sieben Jahre lang meist in Griechenland gelebt. Er kennt die Stimmungsmache in den griechischen Medien und weiß, wie kritisch deutsche Sparappelle im Volk diskutiert werden. „Aber die Menschenherzen haben sich doch nicht geändert“, sagt Schultz und schwärmt von der berühmten Gastfreundschaft der Griechen.
Nun kommen die Bilder über Griechenland in den deutschen Fernsehnachrichten seit Monaten aber nicht von idyllischen Ferieninseln, sondern sie zeigen brennende Häuser in Athen, wütende Demonstranten und nächtliche Straßenschlachten. Das wirkt. Nicht nur der Touristikkonzern Tui meldet, dass die Zahl der Griechenland-Buchungen „klar unter dem Vorjahr“ liegt. Auch in den hiesigen Reisebüros registriert man Skepsis: „Die Leute fragen nach, ob das momentan gefährlich ist dort“, erzählt Beate Ittner vom Nürnberger Griechenland-Spezialisten ABC-Reisen. „Ich sag dann Nein — aber gemischte Gefühle hat man schon.“
Tatsächlich sind bis jetzt keine gewalttätigen Übergriffe auf Deutsche aus Griechenland gemeldet worden. Aber dass deutsche Urlauber Angst haben, sie könnten als Flugreisende oder Passagier von Fähren zumindest Opfer eines Generalstreiks werden, mag Beate Ittner ihren Kunden gar nicht ausreden. „Die meisten buchen dann doch lieber Spanien oder die Kanaren.“
Schade findet das der Politologe und Griechenland-Experte Gustav Auernheimer. Der Lehrbeauftragte an der Uni Erlangen hat selbst 13 Jahre lang in Athen gelebt und für eine deutsche Wochenzeitung gearbeitet. Derzeit, sagt er, werde in den Medien versucht, die Probleme, die Griechenland mit den um ihre Rettungsschirm-Milliarden bangenden EU-Partnern hat, „zu personifizieren“. Der Name, auf den sich die Wut konzentriert, heißt Merkel. Das liegt nicht nur an der dominierenden Rolle Deutschlands. Es hat auch einen ganz banalen Grund. „Der Name Merkel lässt sich im Griechischen gut schreiben und aussprechen. Mit Schröder hätte man sich da schwerer getan.“
Differenzierte Darstellungen sind in den griechischen Medien selten. Einige Qualitätszeitungen mussten in den vergangenen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen das Handtuch werfen. Die Fernsehlandschaft wird von Privatsendern beherrscht. Da werden auch komplizierte Zusammenhänge gern auf simple Formeln verkürzt — und auch mal alte Mythen genährt. „Die These, dass Deutschland die Hegemonie in Europa mit wirtschaftlichen Mitteln erreichen und damit nachholen will, was einst mit militärischen Mitteln nicht gelungen ist, taucht immer wieder auf“, sagt Auernheimer. Ohne Skrupel wird Merkel, die Kanzlerin des „Vierten Reichs“, fast täglich von irgendeinem Blatt in einer Fotomontage in eine SS-Uniform gesteckt.
Die Einschätzung Deutschlands in der griechischen Bevölkerung ist aber zumindest ambivalent. Neben der Sorge, das wirtschaftlich dominierende europäische Land könne die Bedingungen für eine Griechenland-Rettung diktieren, verbinden viele junge Menschen mit Deutschland ihre eigene Zukunftshoffnung.
Die Deutsch-Kurse des Goethe-Instituts sind bestens belegt. Viele gut ausgebildete, aber arbeitslose Menschen denken über eine Auswanderung nach. „Es gibt daneben eine innergriechische Migration“, berichtet Auernheimer. „Viele junge Akademiker ziehen aus Athen weg in ihr Heimatdorf und arbeiten als Bauern.“
Diese einfache Form der Selbstständigkeit ist am leichtesten zu verwirklichen. Andere unternehmerische Versuche scheitern schnell. Heiko Schultz kann eine solche Geschichte erzählen. Gemeinsam mit einem anderen Deutschen und einem Griechen hatte er eine GmbH gegründet und wollte in dem sonnenreichen Land Photovoltaik-Anlagen vertreiben. „Wir sind nach zweieinhalb Jahren an der Bürokratie und der Korruption im Land gescheitert“, sagt Schultz. Die gesamte Energieversorgung ist in der Hand eines einzigen Konzerns. DEI heißt der. „Ein Staat im Staat“, wie Schultz versichert. „Die machen ihre eigenen Gesetze.“
Trotzdem — oder vielleicht gerade deshalb — wirbt Heiko Schultz in Deutschland leidenschaftlich um Hilfe für Griechenland. „Alleine wird es das Land nicht schaffen.“

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.