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Der Winter bringt die Deutsche Bahn ins Schlingern

Zugefrorene Toiletten, Weichen und Signalanlagen - 09.02. 06:59 Uhr

NÜRNBERG/BERLIN  - Bahnchef kann ein äußerst unangenehmer Job sein. Doch nach rund 1000 Tagen im Amt wirkt Rüdiger Grube alles andere als angespannt. Kein Wunder: Die Geschäfte des Konzerns laufen gut, der große Dampfkessel „Stuttgart 21“ steht derzeit nicht unter Druck, und selbst über das Wetter konnte Grube bis vor ein paar Tagen scherzen. Doch nun ist der Winter bekanntlich da.

Folgenreicher Schaden: Bei klirrender Kälte mussten am Montagmittag bei Erfurt 350 Reisende aus einem liegengebliebenen ICE evakuiert werden.
Folgenreicher Schaden: Bei klirrender Kälte mussten am Montagmittag bei Erfurt 350 Reisende aus einem liegengebliebenen ICE evakuiert werden.
Foto: dpa
Folgenreicher Schaden: Bei klirrender Kälte mussten am Montagmittag bei Erfurt 350 Reisende aus einem liegengebliebenen ICE evakuiert werden.
Folgenreicher Schaden: Bei klirrender Kälte mussten am Montagmittag bei Erfurt 350 Reisende aus einem liegengebliebenen ICE evakuiert werden.
Foto: dpa

Es sei schon wie verhext, sagte er mit einem Lächeln vor nicht einmal zwei Wochen bei einer Bahnveranstaltung in Berlin. Da investiere die DB rund 70 Millionen Euro, um Züge und Infrastruktur nach zwei Reinfällen wirklich winterfest zu machen, und dann bleiben Schnee und Frost einfach aus. „Aber lieber so, als andersherum“, sagte Grube.

Doch gestern machten die sibirischen Temperaturen erstmals auch der Bahn massiv zu schaffen. Während der Nahverkehr in Bayern halbwegs reibungslos lief, kam es vom Morgen bis weit in den Nachmittag hinein im Fernverkehr zu schweren Beeinträchtigungen.

Allein im Hauptbahnhof Nürnberg fuhr zwischen 10 und 15 Uhr kaum ein ICE Richtung München, Frankfurt, Berlin oder Hamburg pünktlich. Insgesamt liefen an den Bahnsteigen weit über 300 Minuten Verspätung auf, einige Züge fielen komplett aus und mussten zum Teil durch alte Intercity-Garnituren ersetzt werden.

Zugefrorene Toiletten

Neben zugefrorenen Weichen und Signalanlagen, die der Dauerfrost vorübergehend in die Knie gezwungen hatte, machten nach Angaben eines DB-Sprechers vor allem die Zugtoiletten Probleme. Durch die Kälte fielen sie in Reihe aus, Reisende im ICE 722 nach Essen hatten beispielsweise nur ein einziges funktionierendes WC zur Verfügung. Gleichzeitig streikte die Bordelektronik, die Bildschirme und Reservierungstafeln blieben schwarz. Auch andere, bereits aus den letzten beiden Wintern bekannte technische Schwachstellen der Fernzüge zeigten sich jetzt erneut: Bei mehreren ICE setzte der starke Frost laut DB die Türen, die Lüftungsanlagen oder auch die Druckluftleitungen schachmatt.


Zusätzlich hatte die Bahn gestern zeitweise massive Probleme mit Stellwerken und dem Zugsicherungssystem auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Nürnberg und München. Ob diese Störungen im direkten Zusammenhang mit der Kälte standen, konnte der DB-Sprecher jedoch nicht sagen.

Ebenso unklar blieb der Grund für den Ausfall der Elektronik des ICE 1515. Auf seinem Weg von Berlin nach München blieb der Zug bereits am Montagabend bei Fürth liegen. Die rund 70 Fahrgäste mussten ohne Heizung, Strom und Bordbistro über eineinhalb Stunden lang ausharren, bis sie nach Nürnberg abgeschleppt wurden und von dort aus ihre Reise fortsetzen konnten.



Unter dem Strich glaubt man bei der DB aber, auch in den nächsten Tagen ganz gut mit der eisigen Kälte fertig werden zu können. Vor allem die zusätzlichen 27 Enteisungsanlagen im gesamten Bundesgebiet, deutlich mehr Personal in den Werkstätten und an den Strecken und die Nachrüstung beziehungsweise Verstärkung von 1000 Weichenheizungen machten sich „wirklich positiv bemerkbar“, so ein Sprecher. Und Bahnchef Grube kündigte gestern schon an, die Kälte „weiterhin sehr ernst“ zu nehmen und im nächsten Winter „noch besser zu werden“. Dafür braucht die Bahn jedoch vor allem eines: neue Züge.

Seit dem Achsbruch bei einem ICE in Köln im Sommer 2008 muss ein Großteil der 252 Hochgeschwindigkeitszüge ständig zur Überprüfung der Radsätze in die Werkstatt.

Der komplette Austausch aller Achsen wird sich wohl noch Jahre hinziehen. Dadurch fehlt aber weiterhin jede Reserve. Die ersten neuen ICE vom Typ „Velaro“, die eigentlich schon fahren sollten, stehen der DB laut Hersteller Siemens nicht vor Dezember 2012 zur Verfügung. Auch im Nahverkehr wie etwa bei der S-Bahn Nürnberg fehlen nach wie vor neue Fahrzeuge vom Typ „Talent2“.

Flüge fielen aus

Neben der Bahn haben auch die anderen Verkehrsträger weiter mit den eisigen Temperaturen zu kämpfen. An Deutschlands zweitgrößtem Flughafen in München fielen gestern zehn Flüge aus. Außerdem kam es zu zahlreichen Verspätungen, weil Start- und Landebahnen freigeräumt und Flieger enteist werden mussten.

Auf den Wasserstraßen geht unterdessen nichts mehr. Der Main-Donau-Kanal ist inzwischen komplett gesperrt, die Binnenschifffahrt in Bayern ist somit zum Erliegen gekommen. Und auch die Autofahrer haben es weiterhin schwer. Viele Fahrzeuge springen morgens nicht mehr an, wovon die Pannenhelfer des ADAC inzwischen ein Lied singen können. 20000 Hilferufe erreichen die Zentrale täglich — mehr als doppelt so viele wie sonst.

Laut Meteorologen soll die extreme Kälte noch bis zum Wochenende anhalten. Dann rechnet der Deutsche Wetterdienst anstelle von rekordverdächtigen Minuswerten mit eher nasskalter Witterung — und Schnee. Die Bahn wird also vielleicht noch einmal zeigen müssen, wie gut ihre Wintervorbereitungen diesmal wirklich waren. 



VON ARNO STOFFELS

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