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Die Stadt der toten Radler

In keiner Welt-Metropole sterben mehr Fahrradfahrer als in New York - 03.05.2012 18:55 Uhr

New York  - "Selbstmord", stöhnt Donna Michas, "das ist doch der reine Selbstmord." Soeben hat die 65-jährige Künstlerin mit ihrem Fahrrad die rund zehn Kilometer lange Strecke von ihrer Wohnung im Stadtteil Brooklyn zu ihrem Verkaufsstand an der Park Avenue in Manhattan absolviert.

Künstlerin Donna Michas.
Künstlerin Donna Michas.
Foto: Friedemann Diederichs
Künstlerin Donna Michas.
Künstlerin Donna Michas.
Foto: Friedemann Diederichs

Ein Auto kann sich die Fotografin nicht leisten, die Subway kommt wegen der zahlreichen Bilder, die sie hinter dem Rad in einem selbstgebauten Karren herzieht, nicht in Frage. Also tritt sie jeden Tag in die Pedale - und kämpft ums Überleben in einer Stadt, die keine Gnade kennt: "Die Autofahrer biegen ab, ohne zu blinken. Taxi-Passagiere reißen rücksichtlos die Türen auf. Und alle rasen und haben es eilig. Sehr eilig."

Radfahren in New York - das ist in etwa so gefährlich wie das Surfen auf einem Teich, in dem Krokodile leben. In keiner Welt-Metrople sterben Statistiken zufolge jedes Jahr soviele "Biker", werden soviele verletzt. 24 tödliche Unfälle verzeichnete die Polizei im Jahr 2011, tausende Stürze oder Kollisionen mit Verletzungen. In dieser Statistik taucht auch Donna Michas auf, mit einem Eintrag im Oktober.

Damals, vor einem halben Jahr, ging es einem Taxifahrer an einer Kreuzung Broadway und 17. Straße nicht schnell genug. Also schob er die Frau mitsamt Rad und Anhänger einfach einige Meter vor sich her und aus dem Weg - und raste davon. "Mein ganzer Körper war grün und blau, die Bilder auf der Straße verstreut," erinnert sich Donna Michas. Noch heute leidet sie körperlich unter den Folgen dieser Attacke, der verantworliche Fahrer wurde nicht gefaßt. Aber immerhin: "Ich habe es überlebt", sagt sie.

Die Nerven liegen blank beim täglichen Kampf im "Big Apple", um möglichst schnell von A nach B zu kommen. Die rüde Mentalität, die den New Yorkern nachgesagt wird, ist im Strassenverkehr der Millionenstadt hautnah zu spüren. "Sie werfen mit Getränken nach uns, beschimpfen und bedrohen uns", beschreibt der 69-jährige Ron den Radler-Alltag und die Reaktionen anderer Verkehrsteilnehmer. Ein Fahrrad-Cop des "New York Police Department" (NYPD) hat den durchtrainierten Pensionär an einem Sonntagnachmittag gestoppt, weil er keine Klingel hat und zudem noch über eine der roten Ampeln fuhr, die den Verkehr auf den eigens geschaffenen Radfahrer-Spuren entlang des belebten Broadway regeln sollen. Ron weiß, dass er gesündigt hat, und widerspricht dem Ticket nicht. Aber er sagt auch: "Uns jagen sie, aber die Autofahrer läßt man davonkommen."

Seine Frustration spiegelt die Stimmung in einer Stadt wieder, in der Radfahrer als Freiwild gelten, das weitgehend folgenlos "erlegt" werden kann. In vielen Stadtvierteln stehen mittlerweile sogenannte "Ghost Bikes" - weißbemalte Fahrradrahmen, die an die zahlreichen Opfer erinnern sollen. An Menschen wie den 28-jährigen Kurier Qi Weng, einen Einwanderer aus China, den am 28. März 2011 ein Linienbus auf der Second Avenue niederwalzte.

Oder an den Kunstmaler Nicolas Djandji aus Ägypten, der am 2. September 2011 in Brooklyn von einem schweren SUV gerammt wurde. Jedes Jahr dienen mittlerweile Fahrrad-Prozessionen und eine Segnung der Biker als Mahnung an die Getöteten. Doch spürbare Konsequenzen gibt es nur selten. Die New Yorker
Webseite "Gothamist" meldete Anfang April in einem anklagenden Beitrag, dass im letzten Jahr gerade einmal zwei Autofahrer nach Unfällen verhaftet wurden, die für einen Radler mit dem Tod endeten. Und 40 Prozent der Fahrer, die einen "Biker" oder Fussgänger töten, bekommen noch nicht einmal einen Strafzettel.

Das liegt daran, dass in New York Autofahrern absolute Priorität eingeräumt wird - auch was mögliche Vergehen angeht. Bezirks-Staatsanwalt Joe McCormack aus der Bronx begründete dies gegenüber dem "Gothamist" mit einer Aussage, die für die Radler-Lobby im "Big Apple" nur schwer erträglich ist: "Wir haben uns als Gesellschaft nun mal dafür entschieden, große Autos zu fahren. Und wir haben uns entschieden, nicht jeden kleinen Fehler mit dramatischen Konsequenzen zu kriminalisieren, wenn man im Auto unterwegs ist." 

Friedemann Diederichs


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