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Dramatische Stunden auf dem sinkenden Riesen

Gerettete aus der Region berichten vom Chaos an Bord der „Costa Concordia“ - 17.01. 10:21 Uhr

NÜRNBERG  - Gertraud Kinder ist in Sicherheit. Doch die Bilder von den letzten Stunden auf dem Kreuzfahrtriesen „Costa Concordia“ lassen die Hilpoltsteinerin nicht zur Ruhe kommen. An Schlaf sei in der Nacht nicht zu denken, erzählt die 63-Jährige. Sobald sie die Augen schließt, beginnt der Alptraum vor der toskanischen Küste erneut.

Passagiere warten auf ihre Evakuierung: Ein Urlauber hat diesen Moment an Bord mit seiner Kamera festgehalten.
Passagiere warten auf ihre Evakuierung: Ein Urlauber hat diesen Moment an Bord mit seiner Kamera festgehalten.
Foto: dpa
Passagiere warten auf ihre Evakuierung: Ein Urlauber hat diesen Moment an Bord mit seiner Kamera festgehalten.
Passagiere warten auf ihre Evakuierung: Ein Urlauber hat diesen Moment an Bord mit seiner Kamera festgehalten.
Foto: dpa

Zusammen mit ihrem Mann war sie am Tag des Unglücks früh in ihre Kabine auf dem 1. Deck gegangen. „Wir waren müde von der Anreise, das Schiff wollten wir uns am nächsten Tag genau anschauen.“ Ein „lauter Plautzer“ habe sie dann aber kurz vor 22 Uhr aus dem Bett geschreckt. „Das Schiff hat sich sofort schräg gelegt und in der Kabine sind die Sachen runtergefallen, der Strom fiel aus.“ In Panik hätten sie sich angezogen, ihre Papiere aus dem Safe und die Schwimmwesten aus dem Schrank geräumt. Dann liefen sie an Deck.

 

Bilderstrecke zum Thema
Nach dem Unglück des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia vor der Westküste Italiens werden zahlreiche Menschen noch vermisst.




Die Zustände dort seien jedoch chaotisch gewesen. Statt sofort mit der Evakuierung zu beginnen, habe das Personal zunächst niemanden in die Rettungsboote steigen lassen, was angesichts der Schräglage der schwimmenden Kleinstadt zu noch mehr Panik führte. Zornig machen sie im Rückblick vor allem die Durchsagen an Bord. „Wie können die mit einem 70 Meter langen Loch im Rumpf sagen, dass alles gutgehen wird?“

Erst nach vier Stunden gelingt es dem Ehepaar, über Rettungsleitern in ein Boot der Küstenwache zu steigen. Von Gertraud Kinders Schwester und ihrem Schwager fehlt zu diesem Zeitpunkt noch jede Spur. Das in Hannover lebende Ehepaar hatte die Reise auf der „Costa Concordia“ anlässlich der Silberhochzeit gebucht und die Hilpoltsteiner Verwandtschaft überraschend mit eingeladen. „Erst auf der Insel Giglio haben wir uns wieder gefunden“, so Kinder. Nach den Freudentränen werden sie dort zunächst notdürftig versorgt, dann bringt sie eine Fähre zum Festland, wo eine Notunterkunft eingerichtet wurde.


Anschließend geht es mit dem Bus nach Rom, wo sich die Deutsche Botschaft um sie kümmert. „Die kann man nur loben“, sagt Kinder. Unbürokratisch und schnell seien Hotelzimmer und Flugtickets organisiert worden. Vorgestern kamen sie in Hannover an, heute wollen die Kinders zurück nach Hilpoltstein reisen und versuchen, das Erlebte zu verarbeiten.

Rettungsteam arbeiten in der havarierten «Costa Concordia».
Rettungsteam arbeiten in der havarierten «Costa Concordia».
Foto: Maurizio degl'Innocenti
Rettungsteam arbeiten in der havarierten «Costa Concordia».
Rettungsteam arbeiten in der havarierten «Costa Concordia».
Foto: Maurizio degl'Innocenti



Bereits seit Sonntagfrüh ist eine 58-Jährige aus Tauchersreuth bei Lauf wieder zu Hause, sie steht jedoch noch unter Schock. Nach Auskunft ihrer Tochter hat sie auf dem Schiff ebenfalls dramatische Stunden erlebt. Als Letzte habe sie sich auf eine aufblasbare Insel gerettet, die sich jedoch erst seitlich am Schiff verhakte und anschließend noch zweieinhalb Stunden im Wasser trieb. Die Mutter müsse einen Schutzengel gehabt haben, ist sich die Tochter sicher.

Vermisste aus der Region

Weiter ungeklärt ist hingegen das Schicksal einer 52-Jährigen aus Oberasbach. Zusammen mit einer inzwischen heil zurückgekehrten Freundin hatte sie die Kreuzfahrt angetreten. Nachdem die „Costa Concordia“ auf Grund gelaufen war, verloren sich die beiden im Innern des Schiffs aus den Augen. Seither fehlt von der Oberasbacherin jede Spur, wie das Landeskriminalamt bestätigt. Neben ihr werden noch ein Paar aus Berlin, ein Paar aus Nordrhein-Westfalen sowie fünf Senioren aus Hessen und zwei Frauen aus Baden-Württemberg vermisst.

Nach einer kurzen Unterbrechung suchen die Rettungskräfte vor Ort weiter nach möglichen Überlebenden und Opfern. Gestern war das Schiff plötzlich in Bewegung geraten und einige Zentimeter abgerutscht. Die Arbeiten mussten deshalb eingestellt werden. Gleichzeitig geht die Suche nach der Ursache für das Unglück weiter. Dabei verdichten sich immer mehr die Hinweise auf ein fahrlässiges Verhalten des in U-Haft sitzenden Kapitäns Francesco Schettino.

Die italienische Küstenwache sucht mit Tauchern nach Überlebenden.
Die italienische Küstenwache sucht mit Tauchern nach Überlebenden.
Foto: dpa
Die italienische Küstenwache sucht mit Tauchern nach Überlebenden.
Die italienische Küstenwache sucht mit Tauchern nach Überlebenden.
Foto: dpa





Bei einer Pressekonferenz am genuesischen Sitz des Kreuzfahrtunternehmens „Costa Crociere“ rückte der Präsident Pier Luigi Foschi von dem 52-jährigen Kommandanten des 114500 Tonnen schweren Schiffs ab. Die Gesellschaft werde dem Kapitän rechtlich beistehen, am menschlichen Versagen als Unglücksursache bestehe aber kein Zweifel.

Alarm ignoriert?

Die letzte Überprüfung der Sicherheitstechnik der „Costa Concordia“ im November 2011 habe keinerlei Beanstandungen ergeben. Schettino habe sich nicht an Regeln und Vorgaben gehalten und sei eigenmächtig vom vorgegebenen Kurs abgewichen. In einem solchen Fall wird laut Foschi Alarm ausgelöst. Entweder habe der Kapitän die Signale einfach ignoriert oder das System manipuliert. 



VON ARNO STOFFELS

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